Porträt

Ein New Yorker im Pott

»Das Ruhrgebiet ist gesichtslos. Aber ich mag die Menschen hier«: Paul Wallfisch Foto: dpa

Porträt

Ein New Yorker im Pott

Paul Wallfisch mischt als Musikalischer Leiter das Schauspielhaus Dortmund auf

von Stefan Laurin  04.09.2012 10:05 Uhr

Bald drei Jahre ist das nun her, dass Paul Wallfisch das erste Mal in Dortmund war. Die Ruhrgebietsstadt feierte die Eröffnung des U-Turms, eines für 100 Millionen Euro zum Museum umgebauten Brauereihochhauses, mit einem kleinen Open-Air-Festival. Mit dabei Wallfischs Band Botanica. Im ersten Moment New York pur, eine Mischung aus Velvet Underground und Sonic Youth, im nächsten Augenblick Klezmer und Polka und dann alles miteinander vermischt.

Aus dem Gastspiel von damals ist ein festes Engagement geworden. Der Botanica-Bandleader ist heute Musikalischer Leiter des Schauspielhauses Dortmund. »Kay Voges, ein alter Freund und Fan der Band, sagte mir, dass er im Sommer 2010 Chef des Dortmunder Schauspielhauses würde und fragte, ob ich Lust hätte, als Musikalischer Leiter mit ihm zusammenzuarbeiten.«

Seitdem erfinden die beiden das Theater neu. Mit ungewöhnlichen Stücken und mitreißenden Musikabenden machen sie Dortmund zum Begriff in den bundesweiten Feuilletons. Hier sind Stücke zu sehen, die sich kritisch mit der Lage der maroden Ruhrgebietsstadt auseinandersetzen, wie Heimat unter der Erde, eine Mischung aus Dokumentation und Fiktion. Reihen wie Stadt ohne Geld, Dramen wie Der Meister und Margarita nach dem Roman von Michail Bulgakow oder Wallfischs Musik-Salon »Small Beast«, bei dem bereits über 150 Musiker aus aller Welt auftraten, prägen heute das Haus.

kosmopolit Fragt man Paul Wallfisch nach seiner Heimat, ist die Antwort klar: »New York«. Dort hat er die meiste Zeit seines Lebens gewohnt. Geboren wurde er jedoch 1964 in Basel. Seine Eltern, das Viola-Piano-Duo Ernst und Lory Wallfisch, arbeiteten damals in der Schweiz. Der Vater stammte aus ursprünglich aus Frankfurt am Main und war 1926 mit seinen Eltern nach Bukarest gezogen.

Dort studierte er bei George Enescu und lernte seine spätere Frau kennen. Mithilfe von Yehudi Menuhin, der begeistert von dem jungen Musikerpaar war, wanderten sie nach dem Krieg in die USA aus. Sohn Paul wuchs in Massachusetts auf. Anfang der 80er-Jahre zog es ihn nach New York. Dort arbeitete er mit legendären Punk- und New-Wave-Bands wie Bauhaus, den Dresden Dolls und Gun Club zusammen. »Es entstand damals ein ganz neuer Stil«, erinnert sich Wallfisch. » Die Musik osteuropäischer Roma mischte sich mit Punk. Beide haben eines gemeinsam: eine traurige Fröhlichkeit, die man in vielen Stücken wiederfindet. Ein Stilmix, den es bis dahin nicht gab.« Und Klezmer? »Der wird überschätzt. Klezmer ist eigentlich nur die geglättete Variante der Gipsy-Musik.«

Seine jüdischen Wurzeln sind für Wallfisch ohnehin nicht prägend, sagt er: »In New York ist jeder Dritte Jude, das ist in dieser Stadt normal.« Kontakt zur jüdischen Gemeinde in Dortmund hat er nicht. Paul Wallfisch ist nicht religiös erzogen worden und hat zum Glauben ein, vorsichtig ausgedrückt, distanziertes Verhältnis: »Mein Vater hat den Glauben an Gott während des Krieges in Rumänien verloren, als er im Lager saß. Meine Mutter war zwar die letzten beiden Jahre ihres Lebens Mitglied einer Gemeinde, aber das habe ich erst nach ihrem Tod erfahren.« Er selbst hält »Religionen für ein Übel, das überwunden werden muss. Sie sind einer der Hauptgründe für Kriege und Unterdrückung.«

erinnerung Die deutsche Geschichte spielte für Paul Wallfisch keine Rolle, als er nach Deutschland zog: »Ich war vorher schon oft in Deutschland auf Tournee, auch unsere Plattenfirma sitzt in Deutschland. Dieses Land ist für jeden Musiker wichtig – es ist einfach der größte Markt in Europa.«
Antisemitismus? »Habe ich noch nicht erlebt.

Die große Mehrheit der Leute traut sich nach den Verbrechen an den Juden in Deutschland nicht, Antisemitismus offen zu zeigen.« Fast wäre Wallfisch schon als Kind nach Deutschland gekommen. Sein Vater hatte ein Angebot, als Musikprofessor an die Essener Folkwang-Schule zu gehen, entschied sich dann aber für Massachusetts: »Ich denke, das hatte auch damit zu tun, dass er und meine Mutter unter den Nazis verfolgt wurden.«

Wallfisch findet es gut, dass in Dortmund regelmäßig an die Verbrechen der Nazis erinnert wird. Die Oper der Stadt, die zum selben Gebäudekomplex wie das Theater gehört, wurde an der Stelle gebaut, an der bis zu ihrer Zerstörung durch die Nazis die alte Synagoge stand. »Aber ich mache mir nichts vor, ich bin mir sicher dass auch in meinem Freundeskreis die meisten der Meinung sind, es reicht langsam mit dem Gedenken.«

zentral Fremd fühlt er sich in Dortmund trotzdem nicht. Die Stadt und das Ruhrgebiet erinnern ihn an die USA. Nein, erklärt er, nicht an New York, aber an Orte wie Pittsburgh, Detroit und die ganzen gesichtslosen Zentren des Mittleren Westens. »Das sind McDonald’s-Städte.

Überall die gleichen Häuser, die gleichen Geschäfte. Auch das Ruhrgebiet ist gesichtslos. Was mir hier gefällt, sind die Menschen: Das Team am Theater ist sehr gut, Dortmund hat viele kleine Galerien und eine lebendige Kulturszene. Das Kino Endstation in Bochum ist das beste Kino Europas.« Eigentlich sei das ganze Ruhrgebiet eine einzige große Stadt – nur eben keine besonders schöne. Aber die Region habe auch ihre Vorteile: »Innerhalb von ein paar Stunden erreiche ich von hier aus jede Stadt Europas.«

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