Porträt

Ein »Loser« ohne Scheuklappen

Beck hat die Pop-Welt nach seinen eigenen Regeln aus den Angeln gehoben. Nun wird der Musiker 50

 05.07.2020 20:59 Uhr

Sein erster großer Hit machte ihn 1993 über Nacht zur Stimme einer Generation. Foto: imago

Beck hat die Pop-Welt nach seinen eigenen Regeln aus den Angeln gehoben. Nun wird der Musiker 50

 05.07.2020 20:59 Uhr

Sein erster großer Hit machte ihn 1993 über Nacht zur Stimme einer Generation: Becks lässiges Lied »Loser« war der Soundtrack für die damals zumindest medial allgegenwärtigen »Slacker«, also desillusionierte Hänger-Typen.

Ein Lied, das in ironischen Zeilen die eigene Nichtsnutzigkeit feierte: »I’m a loser baby/so why don’t you kill me?« (Ich bin ein Verlierer, mein Schatz, also warum bringst Du mich nicht um?«). Am 8. Juli wird der Verlierer von damals 50 - und hat sich längst als Gewinner entpuppt.

MEISTERWERK Der Multiinstrumentalist Beck ist heute ein Kritikerliebling mit einem runden Dutzend überwiegend gefeierten Studioalben, millionenfachen Tonträgerverkäufen und einer extrem vielfältigen Stilmischung - kurz: einer der wichtigsten Musiker seiner Zeit. Sein erstes Meisterwerk »Odelay« (1996), der Tanzflächenkracher »Midnight Vultures« und die Balladenplatte »Sea Change« gehören zum Pop-Kanon der vergangenen 25 Jahre. Sieben Grammys und 20 Nominierungen - eine echte Superstar-Bilanz für einen »Loser«.

Geboren wurde er 1970 als Bek David Campbell mitten hinein in eine kalifornische Künstlerfamilie. Der Sohn des Studiomusikers David Campbell und der jüdischen Künstlerin Bibbe Hansen aus dem Andy-Warhol-Umfeld verkürzte seinen Namen zu Beck und machte sich Ende der 1980er-Jahre auf den Weg zur eigenen Karriere.

Zunächst noch erfolglos, fand er im etwas schmuddeligen, plötzlich angesagten Indie-Underground seine eigene Spielwiese jenseits von US-Grunge-Rock (Nirvana, Pearl Jam) und Britpop (Oasis, Blur).

ELECTRO »Alle Arten von moderner Musik, mit Bezügen zu Hip-Hop, Blues, Trash-Rock, Pop, Soul, Lounge-Musik« - so beschreibt das Internet-Lexikon Allmusic den mutigen Genre-Mix, mit dem Beck seine Erfolge feierte. Man könnte auch noch Folk, Funk, Electro und Latin hinzufügen.

Seit dem Durchbruch mit »Loser« und dem dazugehörigen Quasi-Debütalbum »Mellow Gold« (1994) macht dieser hoch talentierte Musiker - seinen Vorbildern Prince und Beatles nicht unähnlich -, was er will. Tatsächlich klingt keine seiner Platten wie die davor.

»Vieles davon mag sich ziemlich konventionell anhören im Vergleich zur Musik von heute, es ist gar nicht mehr so ausgefallen«, sagte Beck voriges Jahr bescheiden und selbstbewusst zugleich in einem Interview des »Sydney Morning Herald«. »Aber damals war es total ausgefallen. Mein Plan war: Okay, wir packen eine Maultrommel, eine Fuzz-Gitarre und einen Samba-Rhythmus zusammen.« Also: Keine Regeln, keine Grenzen, einfach mal sehen, was dabei herauskommt - nachzuhören etwa auf der Pop-Wundertüte »Mutations« von 1998.

VERSIONEN Wie hoch Beck als Pop-Zauberer geschätzt wird, zeigte sich 2012: Er veröffentlichte das Album »Song Reader« lediglich als Buch mit Notenblättern für 20 Lieder - auf einer Webseite konnten andere Musiker ihre eigenen Interpretationen hochladen.

2014 erschien eine dazugehörige Platte, auf der jedes Stück von einem anderen Künstler interpretiert wurde, darunter Promis wie Norah Jones, Jack White oder Jarvis Cocker (und einmal Beck selbst).

Auch seine beiden jüngsten Alben »Colors« (2017) und das von Pharrell Williams produzierte »Hyperspace« (2019) waren wieder knallbunte Gemischtwarenläden. Beck biegt nun in eine mittlere Phase ein, vor der ihm nicht bange sein muss - wie schon vor sechs Jahren die zarte, reife Singer-Songwriter-Platte »Morning Phase« bewies, damals völlig zu Recht »Album des Jahres« bei den Grammys.

Zumal dieser Künstler, neben dem puren Spaß am Experiment und Party-Laune, auch immer wieder persönliche Krisen und Trennungen in seine Lieder einfließen lässt - von denen es schon so einige gab.

GLAUBE Und dann wäre da noch die Scientology-Sache - sie hat Becks Image zeitweise geschadet. Seit den Nuller-Jahren hat er sich, der sich eigentlich immer als jüdisch bezeichnet hat, mal zu der umstrittenen Organisation bekannt, mal nimmt er davon Abstand. »Ich denke, da gibt es ein Missverständnis, dass ich Scientologe sei. Ich bin kein Scientologe. Ich habe dazu keine Verbindung oder Zugehörigkeit«, sagte er kürzlich dem australischen Interviewer.

Er habe sich »lieber den größten Teil meines Lebens auf meine Musik und meine Arbeit konzentriert«. Der Fortsetzung dieser jetzt schon herausragenden Laufbahn blickt die Pop-Welt gespannt entgegen.

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