Nachruf

Ein jüdischer Universalist

Tony Judt 1948–2010 Foto: dpa

Nachruf

Ein jüdischer Universalist

Zum Tod des britischen Historikers und Essayisten Tony Judt

von Michael Wuliger  09.08.2010 16:51 Uhr

Viele Freunde im jüdischen Establishment hatte Tony Judt nicht. Dafür hatte er spätestens 2003 gesorgt, als er in einem viel diskutierten Essay in der New York Review of Books den jüdischen Charakter Israels einen »Anachronismus« nannte und an dessen Stelle für einen binationalen, säkularen jüdisch-palästinensischen Staat plädierte. Die erbittert geführte Diskussion darüber schlug Wellen bis in die deutsche Provinz. Als Judt 2007 den Bremer Hannah-Arendt-Preis erhielt, protestierte die dortige jüdische Gemeinde.

sozialdemokrat Dabei war Tony Judt kein rabiater Israelhasser. Der 1948 in London geborene Sohn osteuropäischer Einwanderer war in seiner Jugend aktiver Zionist gewesen, zwei Jahre lang sogar Generalsekretär der britischen Sektion von Habonim Dror, der Jugendbewegung der Arbeiterzionisten. Er arbeitete während seiner Schulferien in Kibbuzim und meldete sich im Sechstagekrieg 1967 freiwillig als zivile Hilfskraft zur Zahal. Was ihm – wie vielen seiner Generation und Herkunft – damals allerdings unangenehm aufstieß, war der nationalistische Triumphalismus, der sich in Israel nach dem Sieg breitmachte. Damit konnte sich Judt, der sozialdemokratische Universalist, nicht anfreunden. Ideologien und Identitätspolitik waren seine Sache nicht. Israel wurde ihm zunehmend fremder.

Die Kontroversen über Judts Verhältnis zur israelischen Politik in den letzten Jahren ließen in der öffentlichen Wahrnehmung seinen eigentlichen Schwerpunkt in den Hintergrund treten. Tony Judt war ein führender Zeithistoriker. Nach seinem Studium in Cambridge und an der Pariser Ècole Normal Supérieure promovierte er 1976 mit einer in Fachkreisen viel beachteten Dissertation über die Rekonstruktion der französischen Sozialistischen Partei nach dem Bruch mit den Kommunisten 1921. Es folgten weitere Studien zur französischen und internationalen Sozialdemokratie. Über den Kreis der Historiker hinaus bekannt wurde Judt, der an der New York University lehrte, mit seiner monumentalen, dabei eminent lesbaren Geschichte des Nachkriegseuropas Postwar 2005 (deutsch ein Jahr später bei Hanser erschienen), die für einen Pulitzerpreis nominiert wurde.

krankheit Zwei Jahre später erkrankte Judt an Amyotropher Lateralsklerose (ALS). Die Krankheit zersetzt die Nervenzellen in der Wirbelsäule, führt zu kompletter Lähmung und zum Verlust der Sprechfähigkeit. Dabei bleiben die kognitiven Fähigkeiten der Betroffenen unberührt. »Im Gegensatz zu fast jeder anderen ernsten oder tödlichen Krankheit kann man deshalb in Ruhe und bei minimaler Unbequemlichkeit das katastrophale Fortschreiten des eigenen Verfalls beobachten«, schrieb Judt – mit der für ihn charakteristischen ironischen Distanz – in einem Essay in der New York Review im Januar dieses Jahres. Die Krankheit hinderte ihn nicht daran, sich weiterhin wissenschaftlich und essayistisch zu betätigen. Noch im März erschien Ill fares the Land, ein engagierter Aufruf, zu den klassischen Werten der europäischen Sozialdemokratie zurückzukehren.

Tony Judt war kein Polemiker, der Streit suchte. Aber er scheute die Auseinandersetzung nie. »Die Aufgabe des Historikers ist es nicht, zu stören um des Störens willen, sondern eine fast immer unangenehme Wahrheit auszusprechen und zu erklären, warum dieses Unangenehme Teil der Wahrheit ist, die wir brauchen, um gut und richtig zu leben«, war sein Credo. Vergangenen Freitag ist Tony Judt im Alter von 62 Jahren in New York an den Folgen von ALS gestorben.

Programm

Urbane Ästhetik, cineastische Architektur und späte Aufklärung: Termine und TV-Tipps

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 7. Mai bis zum 14. Mai

 06.05.2026

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der jüdischen Welt

von Imanuel Marcus, Bettina Piper  06.05.2026

Kino

Am Puls der Zeit

Gegen Polarisierung und Boykott: Das Jüdische Filmfestival Berlin Brandenburg will den Blick weiten

von Ayala Goldmann  06.05.2026

Boston

Wegen israelischer Figur: Bestseller-Autorin Rebecca F. Kuang unter Druck

In ihrem neuen Werk »Taipei Story« schreibt sie in wenigen Sätzen über einen fiktiven, israelischen Musiker. Schon dies reicht für einen Sturm der Entrüstung

 06.05.2026

London

»Pinocchio« und »James Bond«: Kino zum Hören mit Josh Groban

Auch für Disney-Filme hat der Sänger ein Faible. Ein Duett hat ihn persönlich besonders berührt

von Philip Dethlefs  06.05.2026

New York

Daniel Radcliffe für Tony-Award nominiert

Daniel Radcliffe hat erneut Chancen auf die Ehrung. Für welches Stück ist der jüdische »Harry Potter«-Star diesmal nominiert?

 06.05.2026

Archäologie

Rätsel um antikes Baby-Massengrab

Wissenschaftler der Universität Tel Aviv haben Knochenreste aus der Perserzeit gefunden, die in Tel Aseka bestattet wurden. Etwa 70 Prozent stammen von Kindern unter zwei Jahren

von Sabine Brandes  05.05.2026

Meinung

Wir haben ein Problem – und wir müssen endlich darüber reden

Ein Weckruf über verfehlte Migration, ausländische Einflussnahme und das ohrenbetäubende Schweigen der »Progressiven«

von Jacques Abramowicz  05.05.2026 Aktualisiert

Auszeichnung

Marion-Samuel-Preis geht an Susanne Siegert für NS-Aufklärung

Die Augsburger Stiftung Erinnerung fördert Menschen, die sich gegen das Vergessen, Verdrängen und Relativieren der Nazi-Verbrechen wenden. Sie verleiht einen Preis, der mit viel Geld dotiert ist

von Christopher Beschnitt  05.05.2026