Fernsehen

Ein gestohlenes Leben

Wie Martha Liebermann von ihrem Mann Max Liebermann gesehen wurde: »Die Gattin des Künstlers am Strand« (1895) Foto: picture alliance / akg-images

Aus historischen Ereignissen macht das Fernsehen ja gerne bombastische, überlebensgroße Heldengeschichten. Dabei besonders beliebt: die Nazi-Zeit. Diese Episode deutscher Geschichte gibt bekanntermaßen extrem viel her an Düsternis, Tod und Leid, neben dem das Gute und Heroische dann besonders hell strahlen kann. Das Drama »Martha Liebermann - Ein gestohlenes Leben« macht es sich da allerdings nicht so leicht.

Der Film, den die ARD am Montag, den 10. Oktober um 20.15 Uhr ausstrahlt, beeindruckt gerade mit seiner lakonischen, unsentimentalen Erzählweise sowie vielen Grau- und Zwischentönen. »Helden« gibt es hier nichtsdestotrotz, es sind so einige: Figuren mit Mut und festen Prinzipien, für die sie im Zweifel auch mit ihrem Leben einstehen. Zugleich aber sind dies echte Menschen, die zweifeln, streiten, auch mal unsicher, starrköpfig oder ungerecht sind.

Die von Marco Rossi (nach einer Romanvorlage von Sophia Mott) geschriebene Story verknüpft die Lebensgeschichte von Martha Liebermann, der Witwe des berühmten Malers Max Liebermann, mit der Geschichte der Widerstandsgruppe um Hanna Solf. Ein kurzer, 1927 angesiedelter Vorspann zeigt das enge Verhältnis der gebildeten, wohlhabenden Liebermanns. Der Großteil des Films jedoch spielt 1943, in finsterster Nazi-Zeit.

Martha ist mittlerweile verwitwet und lebt mit ihrer Haushälterin Luise verarmt in einer dunklen Berliner Wohnung. Das Haus verlässt sie längst nicht mehr, müsste sie dafür doch einen Judenstern anlegen - Martha ist nach wie vor eine stolze Frau. Zugleich wähnt sie sich noch immer geschützt durch den Nimbus ihres toten Mannes. Ihre Freundin Hanna Solf und deren Tochter Lagi hingegen versuchen, sie zu Ausreise oder Flucht zu bewegen. Doch das eine ist quasi unbezahlbar, das andere gefährlich.

Martha zögert. Schließlich versucht die Truppe, in einer riskanten Aktion das Geld zu beschaffen. Doch die Zeit drängt. Und der so gerissene wie manipulative Gestapo-Mann Teubner ist dem Solf-Kreis dicht auf den Fersen.

Letzterer wird gegeben von Franz Hartwig, der mit seinem scheinbar harmlosen Jungengesicht prädestiniert zu sein scheint für die ganz abgründigen Typen: Wie schon in der Erfolgsserie »Der Pass« lässt einem Hartwigs präzise Darstellung eines charismatischen Fieslings auch hier das Blut in den Adern gefrieren.

Überhaupt ist der Cast ein Pfund des Films: Thekla Carola Wied als Martha Liebermann ist toll; sie gibt die aufrechte, stolze und - im Vergleich zu vielen anderen Juden - noch immer relativ privilegierte Frau mit natürlicher Grandezza. Und zeigt in feinen Dosen auch ihre Verletzlichkeit und Schwäche. Dazu kommen Lana Cooper als treue Hausangestellte mit Berliner Schnodderschnauze, Fritzi Haberlandt als Hanna Solf, Johanna Polley als deren Tochter: allesamt überzeugende, nuancierte, unsentimentale Darstellungen von Frauen, die sich ihre Menschlichkeit inmitten grassierender Unmenschlichkeit nicht nehmen lassen.

Auf beiläufige Weise rückt »Martha Liebermann« damit auch in der Geschichtsschreibung bislang marginalisierte Personen in den Fokus: Frauen, darunter auch aus sogenannten einfachen Verhältnissen stammende wie Luise. Sowie mit einem versteckt lebenden Kuratoren-Künstler-Duo auch ein verzweifeltes homosexuelles Paar - das schließlich ganz unterschiedliche Antworten auf die moralischen Zumutungen seiner Zeit findet. Nicht zuletzt durch diesen Blick auf die inneren Kämpfe der Protagonisten ist »Martha Liebermann« ein modern erzählter Historienfilm geworden, ohne dass diese Modernität ausgestellt würde.

Formal bleibt das Drama bis auf den spektakulär inszenierten Zeitenbruch zwischen 1927 und 1943 eher konventionell, funktioniert damit aber sehr gut: So schaffen die in ihrer dunklen Farbgebung oft an Gemälde alter Meister erinnernden Bilder von Jan Prahl und die Inszenierung durch Regisseur Stefan Bühling eine klaustrophobische, absolut beklemmende Stimmung, die das Regime eines Unrechtsstaats auch für die Zuschauerinnen und Zuschauer erschreckend spürbar werden lassen.

»Martha Liebermann - ein gestohlenes Leben«, Regie: Stefan Bühling. Das Erste, Mo 10.10., 20.15 bis 21.45 Uhr.

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