Literatur

Ein Genie der Freundschaft

Schriftsteller, Kritiker, Früh-Zionist, Förderer: Max Brod (1884–1968) Foto: ullstein bild - Lebrecht Music & Arts Photo Libr

Literatur

Ein Genie der Freundschaft

Zum 50. Todestag von Max Brod, dem die Welt nicht nur die Entdeckung Franz Kafkas verdankt

von Marko Martin  20.12.2018 13:44 Uhr

Die beiden Prager Schriftsteller Max Brod und Franz Kafka waren bislang unzertrennliche Freunde gewesen, doch eines Abends in Tel Aviv kam es in einem Café in der Nähe des Habima-Theaters zum Zerwürfnis. Kafka, der seinen Namen inzwischen in Ephraim Kaspi hebraisiert hatte, war zwar unendlich erleichtert, dass Brod in Europa den Holocaust überlebt hatte und nun hier in Israel leben würde, doch missfielen ihm die literarischen Pläne des Freundes. Nein und abermals nein: Seine eigenen Manuskripte sollten nicht via Brod veröffentlicht oder gar zum Unterrichtsstoff an Universitäten werden.

Selbstverständlich ist die gesamte Szene Fiktion; geschrieben hat sie der junge israelische Autor Alex Epstein. Die Faszination, die Franz Kafka nach wie vor ausübt, scheint inzwischen nämlich auch die Neugier auf Max Brod gefördert zu haben – auch wenn in seinem letzten Domizil in der kleinen, strandnahen HaJarden-Straße noch immer keine Gedenkplakette an ihn erinnert.

Wer genau war dieser Mann, der am 20. Dezember, vor genau einem halben Jahrhundert, in Tel Aviv starb?

SCHRULLIG Indessen hatten sich vor einigen Jahren und vor einem anderen Haus sogar Fernsehjournalisten eingefunden – dort lebte zurückgezogen die schrullige Tochter von Brods letzter Sekretärin, die inmitten von Katzen einige weitere Kafka-Manuskripte gehortet hatte. Keine Fiktion, obwohl die amerikanische Schriftstellerin Nicole Krauss daraus einen (verblüffend misslungenen) Roman gebastelt hat.

Wer aber war in Wirklichkeit dieser 1884 in Prag geborene Max Brod, der am 20. Dezember, vor genau einem halben Jahrhundert, in Tel Aviv starb? Bis vor einigen Jahren, als auch dort die wundersamen alten Bücherhöhlen zu verschwinden begannen, konnte man in den rückwärtigen Regalen des Antiquariats Landsberger in der Ben-Jehuda-Straße noch stockfleckige Exemplare von Brods Schreiblust (Missgünstige sprachen seinerzeit von Grafomanie) entdecken und durchblättern und für ein paar Schekel mit nach Hause nehmen.

Die Jahresangaben verrieten, wie zeitig Brod einst die literarische Prager und auch Berliner Bühne betreten hatte, halb Frühexpressionist, halb Epigone der Gesellschaftsromanciers des 19. Jahrhunderts.

Brod muss ein edler und feiner Mensch gewesen sein, der völlig neidlos Genies erspürte.

Tycho Brahes Weg zu Gott, Reubeni, Fürst der Juden oder Die Frau, nach der man sich sehnt heißen die voluminösen Romane, und obwohl letzterer 1929 mit Marlene Dietrich und Fritz Kortner verfilmt worden war, gestaltet sich die Lektüre einigermaßen zäh. Auch in den Heinrich Heine, Franz Kafka und Gustav Mahler gewidmeten Studien (die aus den ersten beiden flugs vollständige Früh-Zionisten machten) ist der didaktisch-pädagogische Impetus ebenso offensichtlich wie irritierend.

IRONIE Und dennoch: Was für eine achtsam-genaue Sprache, welche Klarheit der Reflexion, welche Hingabe an das jeweilige Objekt der Beschreibung! Ja – und das ganz ohne wohlfeile Ironie –, dieser Max Brod muss ein edler und feiner Mensch gewesen sein, ein sensibler Empathiker, der völlig neidlos Genies erspürte und der Öffentlichkeit unbedingt davon Kunde geben musste.

Viel ist über die Jahrzehnte hinweg über Brods eigenmächtige Kürzungen etwa der sexuellen Passagen in Kafkas Tagebüchern geschimpft worden, haben hauptberufliche Kafkalogen en détail nachgewiesen, wie eindimensional Brods Deutung der Werke seines Freundes gewesen ist. Doch auch hier ein Dennoch: Was wüssten wir vom Schloß, vom Process und der Verwandlung, hätte Max Brod sich nicht in einem Akt wirklicher Freundschaft über Kafkas letzten Wunsch hinweggesetzt, all seine Manuskripte zu verbrennen?

Überdies: Was wüsste die Musikwelt von den Opern Leos Janáceks, hätte nicht Max Brod deren Libretti aus dem Tschechischen ins Deutsche übertragen – und gleichzeitig dafür Sorge getragen, dass in feinsten Nuancen auch die Musik der nunmehr anderen Sprachmelodie angepasst wurde? Für Smetana und Mahler hatte er ebenfalls bereits ganz früh die Trommel gerührt, ganz zu schweigen von seiner Unterstützung des Frühwerks von Franz Werfel.

ZEITUNG Als dann 1933 die Schriftsteller aus Nazideutschland fliehen mussten und in der tschechoslowakischen Hauptstadt eine vorläufige Bleibe fanden, gab es im »Prager Tagblatt« einen Redakteur, der immer wieder Artikel bestellte, diese zwar aus Platzgründen nicht alle drucken konnte, jedoch sofort bar bezahlte und damit vielen Flüchtlingen zu helfen vermochte. Sein Name, selbstverständlich: Max Brod.

Sein Buch »Heidentum, Christentum, Judentum« ist eine atemberaubende Entdeckung.

Am Vorabend der deutschen Besatzung am 15. März 1939 noch aus Prag entkommen und sogleich weiterreisend ins damalige Palästina, fand er in Tel Aviv zwar im Habima-Theater eine Anstellung als Dramaturg, musste jedoch traumatische Schicksalsschläge hinnehmen: den Tod seiner geliebten Frau und – wovon er nach dem Krieg erfuhr – die Ermordung seines Bruders in Auschwitz. In seiner 1960 erschienenen Autobiografie spricht er darüber nur in Andeutungen, die dezent gebändigte Melancholie gilt hier hauptsächlich dem unaufhaltsamen Verrinnen der Jahre und Jahrzehnte: »Ich gedachte der alten Zeiten. Ich war noch sehr jung, als ich zum erstenmal dem jungen Stefan Zweig gegenüberstand.«

THEOLOGIE Für den nachgeborenen Tel-Aviv-Besucher aber gab es später im Antiquariat Landsberger doch noch eine atemberaubende Entdeckung: Heidentum, Christentum, Judentum. Ein Bekenntnisbuch, erschienen in zwei Bänden 1921 im Kurt-Wolff-Verlag München.

Was Max Brod hier über den amoralischen Diesseits-Kult des Heidentums, die schwärmerische Jenseitigkeit manch christlicher Theologie und die der Wirklichkeit zugeneigte jüdische Ethik schreibt, enthält sich jeglicher begrifflicher Schwammigkeit und ist deshalb auch heute noch eminent lesbar.

Individuelle Verantwortlichkeit, der – hier ist Brod beinahe ein früher Albert Camus – die Gefahr des Scheiterns bewusst ist und die gerade deshalb bequeme Illusionen verschmäht. Denn: »Dass der neuchristliche, aber auch kommunistische Antipolitismus in Verbindung mit sehr pathetischer ›Brüderlichkeit‹ als kosmopolitischer Menschheits-Sketch mit Erlösungs-Kino-Effekten auftritt, darf uns nicht täuschen.«

Wir müssen uns diesen luziden Jahrhundertzeugen Max Brod als einen ziemlich außergewöhnlichen Schriftsteller vorstellen.

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