Wuligers Woche

Ein ganz normaler Abend

Es gibt ein Wort für die Atmosphäre dieses Abends. Man nennt es Normalität. Foto: Getty Images / iStock

Wuligers Woche

Ein ganz normaler Abend

Wie angenehm, wenn Jüdischsein irrelevant ist

von Michael Wuliger  22.08.2019 12:34 Uhr

Vor 50 Jahren habe ich in Wiesbaden Abitur gemacht. Inzwischen wohne ich in Berlin. Deshalb hatte ich es nicht geschafft, zum Treffen meines Abi-Jahrgangs vor ein paar Monaten in die alte Heimat zu fahren. Der Termin lag ungünstig. Zum Glück bin ich nicht der Einzige aus unserer Klasse, den es in die Hauptstadt verschlagen hat.

Auch zwei Mitschülerinnen von damals leben inzwischen hier. Die beiden mailten mich vor einiger Zeit an und schlugen vor, dass wir uns treffen. Das haben wir vorige Woche getan. In einem Restaurant unterhielten wir uns bei Essen und Wein über frühere Klassenkameraden, Lehrer von damals, unsere Lebenswege nach dem Abitur, die Vor- und Nachteile des Alters – worüber man eben so redet, wenn man sich sehr lange nicht gesehen hat.

THEMA Nicht zur Sprache kamen an dem Abend das israelische Einreiseverbot für zwei US-Kongressmitglieder, das Für und Wider eines Schächtverbots in Niedersachsen und die neueste Antisemitismus-Statistik aus Brandenburg. Auch die Warnung des Zentralrats vor der AfD war kein Thema. Selbst als die eine Klassenkameradin erzählte, dass sie am Wochenende zu einem Konzert von Daniel Barenboims »West-Eastern Divan Orchestra« in der Berliner Waldbühne gehen werde, diskutierten wir die musikalische Qualität des Ensembles, nicht aber dessen politische Bedeutung.

Ich interessierte die beiden als der frühere Mitschüler, den sie lange nicht gesehen hatten.

Nicht, dass meine Mitschülerinnen nicht wussten, dass ich jüdisch bin. Ich war, wenn ich mich recht erinnere, der einzige Jude in unserer Klasse, vielleicht sogar in der ganzen Schule. Wir haben bei dem Treffen die Themen Judentum, Israel und Antisemitismus auch nicht krampfhaft höflich vermieden, gemäß der Knigge-Regel, dass sich bei Tisch Konversationen über Politik und Religion nicht gehören.

Nein, es war viel einfacher: Dass ich jüdisch bin, war an diesem Abend irrelevant. Ich interessierte die beiden als der frühere Mitschüler, den sie lange nicht gesehen hatten. Nicht mehr und nicht weniger. Auch deshalb war es ein ausgesprochen angenehmes Treffen. Ich könnte auch sagen, ein selten angenehmes Treffen.

ATMOSPHÄRE Es gibt ein Wort für die Atmosphäre dieses Abends. Man nennt es Normalität. Die allerdings ist nicht die Norm. Eigentlich sollte es alltäglich sein, dass, wenn Freunde, Kollegen oder, wie in diesem Fall, ehemalige Klassenkameraden zusammensitzen und einer jüdisch ist, das keine Rolle spielt – weil es normal ist und niemand darum Aufhebens macht.

Tatsächlich erlebe ich es häufig anders. Ob Fete oder Fachtagung – oft werde ich als eine Art Exot wahrgenommen, von dem nicht selten noch erwartet, ja gefordert wird, Stellung zu beziehen zu Fragen oder Vorwürfen, die dem Gegenüber offensichtlich unter den Nägeln brennen, auch wenn sie mit dem Anlass nichts zu tun haben. All das haben meine Klassenkameradinnen mir erspart, was ich ihnen hoch anrechne. Nur schade, dass Normalität, wie an diesem Abend, so selten vorkommt, dass sie mir schon auffällt. Normal ist das nicht.

Tobias Korenke

Tobias Korenke

»Jetzt sind wir als Nachgeborene gefordert«

»Grandios gescheitert«: So hart urteilt Historiker Tobias Korenke über die deutsche Erinnerungskultur. Und hat Änderungsvorschläge. Bonhoeffer-Nachfahre zu sein, hat für ihn durch den AfD-Aufschwung eine neue Bedeutung

von Karin Wollschläger  08.11.2026

Blick aus einem Fenster der Höß-Villa auf Gebäude des ehemaligen KZ Auschwitz

Auschwitz

»Mein Großvater war der größte Massenmörder aller Zeiten«

Kai Uwe Höss ist der Enkel von Lagerkommandant Rudolf Höß. Wie lebt es sich mit dieser familiären Bürde?

 08.11.2026

München

20 Jahre jüdisches Leben im Herzen Münchens: Synagoge Ohel Jakob

Das Judentum ist seit 20 Jahren wieder mitten in der bayerischen Hauptstadt verankert

von Christiane Ried  08.11.2026

Plakat mit der Aufschrift Nie wieder ist jetzt

Gedenken zum 9. November

»Nie wieder«: Ein Appell in der Kritik

In diesen Tagen wird der Opfer der NS-Pogrome von 1938 gedacht. Anlass, öffentlich »nie wieder« zu fordern. Wegen des aktuellen Antisemitismus wollen manche das jedoch nicht mehr hören. Schlaglichter auf eine Debatte

von Leticia Witte  08.11.2026

Tasche mit der Aufschrift Anne Frank – 30 Jahre Anne Frank Zentrum

Berlin

Anne Frank Zentrum: Holocaustleugnung bei Jugendlichen nimmt zu

Die Leiterin des Anne Frank Zentrums Berlin warnt vor Falschinformationen zur NS-Zeit in Sozialen Medien. Ein Grund für die Wissenslücken könne auch ein rückläufiger Stellenwert im Schulunterricht sein, sagt sie

 08.11.2026

Oper

»Da ruft mich jemand«

Das Theater Osnabrück erinnert mit einem eigens komponierten Stück an Peter van Pels. Der Gefährte von Anne Frank im Versteck wurde vor 100 Jahren geboren

von Claudia Irle-Utsch  08.11.2026

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der jüdischen Welt

 08.11.2026

Ruth Ur im Exilmuseum

Berlin

Das Exil ist überall – Berlins neues Museum schlägt Brücken

Während der NS-Zeit war Berlin für viele ein Ort, den sie verlassen mussten. Ein neues Museum verbindet ihre Geschichten mit heutigen Exil-Erfahrungen

 08.11.2026

Befreiung von der Schuld: Wenn Claudia Roth plötzlich wie Björn Höcke klingt

Eine Einordnung von Georg M. Hafner

 07.11.2026