Alfred Döblin

Ein fremder Gast

»Es ist geblieben, wie es war. Ich finde hier keine Luft zum Atmen«: Alfred Döblin (1878–1957) Foto: dpa

Alfred Döblin

Ein fremder Gast

Eine Erinnerung an den Autor von »Berlin Alexanderplatz«, der vor 140 Jahren geboren wurde

von Wolf Scheller  10.08.2018 13:38 Uhr

Am 28. Februar 1933, genau einen Tag nach dem Reichstagsbrand in Berlin, packte der Schriftsteller Alfred Döblin hektisch seine Sachen und floh aus Berlin, um der drohenden Verhaftung zu entgehen. Sein Exil, zunächst in Frankreich und dann USA, sollte zwölf Jahre dauern.

Am 9. November 1945 kehrte Döblin nach Deutschland zurück und ließ sich in Baden-Baden nieder. Die Jahre, die hinter ihm lagen, waren vom Gefühl des Scheiterns und der Fremdheit geprägt.

Doch auch in seinem Geburtsland blieb Döblin, heimgekehrt in der Uniform eines Obersten der französischen Besatzungsarmee, ein »fremder Gast«, wie er notierte. Seine Zeitschrift »Das goldene Tor« stieß kaum auf Interesse, auch sein Lebensbericht Schicksalsreise (1949) fand nur wenige Leser. »Und wenn man meinen Namen nannte«, schrieb Döblin 1955, zwei Jahre vor seinem Tod, »fügte man Berlin Alexanderplatz hinzu. Aber mein Weg war noch lange nicht beendet.«

Vaterfigur In seiner »Selbstbiographie« Doktor Döblin kann man nachlesen, wie dieser Weg begonnen hatte. Der 1878 geborene Sohn eines Schneidermeisters aus Stettin wuchs in einer Welt auf, in der er sich schon als Kind durch den schnöden Weggang des Vaters verwaist und ausgestoßen empfunden hatte.

Noch der 40-Jährige fragt nach der Vaterfigur, zu der er emporblicken möchte, nach einem Gott, der ihn aufnimmt. Seine literarische Arbeit war für Döblin, der schon vor 1917 seinen mit dem Fontane-Preis ausgezeichneten Roman Die drei Sprünge des Wang-lun und das Manuskript zum Wallenstein vorweisen konnte, ein Schmerz, der nicht nachlassen wollte.

Die Demütigungen des Jahres 1933, als man ihn als Juden zuerst aus der Dichter-Akademie, dann aus Deutschland verjagte, verstärkte diesen Schmerz noch. Am 2. April 1933 schrieb er an seinen Freund Ferdinand Lion: »Am 10. Mai ist Autodafé, ich glaube, der Jude meines Namens ist auch dabei, erfreulicherweise nur papieren. So ehrt man uns ...«

Armenarzt Im Brotberuf war Alfred Döblin Armenarzt in Berlin gewesen. »Tat viel Dienst auf Rettungswachen, Tag und Nacht, fuhr monatelang morgens in ein Privatkrankenhaus, vertrat hier und da. Auf den Treppen, in den leeren Wartestunden schrieb ich, konnte schreiben, wo ich ging und stand.«

Es war eigenes Erleben, das er in seinen Romanen verarbeitete. Er schöpfte aus den Erfahrungen eines Arztes für die kleinen Leute am Berliner Alexanderplatz: aus den Erfahrungen der Revolution von 1918 und den folgenden Gegenrevolten, vom Kapp-Putsch 1920 bis zu Hitlers Marsch auf die Feldherrnhalle im November 1923.

Die Republik von Weimar erschien ihm schon frühzeitig als eine Art Totgeburt. »Die Republik war von einem weisen Mann aus dem Ausland ins Heilige Römische Reich gebracht worden; was man mit ihr machen sollte, hatte er nicht gesagt: es war eine Republik ohne Gebrauchsanweisung.«

Als diese Republik dann kollabierte, floh Döblin zunächst in die Schweiz, dann nach Frankreich und von dort über Spanien und Portugal in die USA. Das Exil konnte seine literarische Produktion nicht unterbrechen. Hamlet oder Die lange Nacht nimmt ein Ende fällt in diese Zeit. Später folgt sein historischer Amazonas-Roman über die Kolonisierung Südamerikas.

Übertritt In Amerika konvertierte Döblin zum Katholizismus, was manche Kenner seines Werkes nicht erstaunte. Und doch blieb er in gewisser Weise »der Jude meines Namens«. Über den Nürnberger Kriegsverbrecherprozess schrieb er: »Die Zahl der nicht erschienenen Ankläger beläuft sich auf Millionen. Der Zustand, in dem sie sich befinden, in den sie die vorausgegangenen Umstände gebracht haben, macht ihren Transport unmöglich. Sie liegen waagerecht in ihren Gräbern, nachdem sie erschossen, gehängt, geköpft, zu Tode geknüppelt und vergast sind.«

In der restaurativen Adenauer-Republik mochte Alfred Döblin sich nicht mehr zurechtfinden. »Wir hatten in Deutschland nie eine solche politische Situation, rein nationalistisch und unfrei, reaktionär wie jetzt. Die Sozis sind nie und nimmer eine linke Partei. Das alte Bürgertum ist hin. Die Literaten sind Opportunisten, geistig sehr belanglos«, liest man in den Schriften zu Leben und Werk. Etwas weiter heißt es dann: »Es ist geblieben, wie es war. Ich finde hier keine Luft zum Atmen.«

Seine letzten Themen sind »Krankheit, Alter, Tod«, wie er schrieb. Der schwer kranke Dichter – Döblin litt an Schüttellähmung, an der schon seine Mutter gestorben war – hatte sich in den letzten Lebensjahren immer wieder in diese Vorstellungswelt der Vieldimensionalität geflüchtet.

An der Endstation seines Weges angelangt, hatte er keine Antworten, auch für sich selbst nicht – trotz seiner religiösen Konversion. »Ein Mensch«, davon war er überzeugt, »hat es leichter als eine Stadt, sich zu ändern, ein Mensch kann leben bleiben, eine Stadt stürzt ein. Bin ich ein verlorener Sohn, der nicht zurückkehren will?« Am 26. Juni 1957 starb Alfred Döblin im Landeskrankenhaus von Emmendingen.

Potsdam

Forschung zu NS-Geschichte von Naturwissenschaften

International bekannte Forschungsinstitute haben ihren Sitz auf dem Potsdamer Telegrafenberg. Ihre Vorgeschichte insbesondere in der NS-Zeit wird nun Thema eines Wissenschaftsprojekts

 04.08.2026

Film-Klassiker

So wurde »Stand by Me« der beste Jugendfilm der Geschichte

Vier Jungs suchen Ende der 50er in der US-Provinz eine im Wald liegende Leiche. Der Kult-Film ist zum 40. Jubiläum nun etwa auch beim ZDF im Stream. Mit welchen Tricks Regisseur Rob Reiner arbeitete

von Gregor Tholl  04.08.2026

London

Bandcamp wirft Pro-Israel-Song von Boy George von der Plattform

Der Sänger bleibt standhaft und überwindet erneut eine Hürde. »We Will Dance Again« kann wieder heruntergeladen werden

von Imanuel Marcus  04.08.2026

Paris

Berührend: Was seine Tochter dem »Asterix«-Schöpfer schreibt

Millionen kennen René Goscinny wegen »Asterix«. In »Das Klimpern der Schlüssel« schreibt ihm seine Tochter Anne als Erwachsene einen Brief. Daraus entstand ein berührendes Buch, nun auch auf Deutsch

von Sabine Glaubitz  03.08.2026

Singapur

»Massive Attack« bekommt wegen Palästina-Flagge ein Einreiseverbot

Die Frontmänner der britischen Band hatten die Fahne bei einem Konzert hochgehalten

 03.08.2026

Social Media

Wegen eines hebräischen Wortes: Ronaldo-Partnerin bekommt unzählige Hass-Kommentare

Georgina Rodríguez postete ein Bild von ihr und Ronaldo auf Mallorca und benutzte dabei ein einziges Wort Hebräisch. Die hämischen Kommentare ließen nicht lange auf sich warten

 03.08.2026

London

Nach Pro-Israel-Song: Boy George kündigt seinem Plattenlabel-Manager

Die Hintergründe

 03.08.2026 Aktualisiert

Programm

Kultursommer, Führungen und Einstein vs. Hawking: Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 31. Juli bis zum 6. August

 02.08.2026

Gesprächsband

Jenseits der Dogmen

Daniel Cohn-Bendit, säkularer und linker Jude, blickt in »Erinnerungen eines Vaterlandslosen« auf ein spannendes Leben

von Marko Martin  01.08.2026