Interview

»Ein Buch lesen, das ist Luxus«

Ernste Romane über ernste Themen langweilen ihn: Gary Shteyngart Foto: Stephan Pramme

Herr Shteyngart, gehören Sie auch zu den Menschen, die gerne in Berlin leben würden?
Ich habe sogar schon vier Monate lang am Wannsee gewohnt. Aber das ist nichts für mich. Ich will nicht in diesem Exilantenland leben, wo jeder, den man trifft, nur ein weiterer Jude aus New York ist. Und ich kann auch kein Deutsch.

Könnten Sie sich denn überhaupt vorstellen, nicht in New York zu leben?
Ich mag Spanien, ich mag Rom. Dieses wohltuende Klima und das Essen. Aber New York gefällt mir sehr.

Immerhin spielen alle Ihre Romane dort, ganz oder teilweise.
Das scheint ja bei 80 Prozent aller Bücher aus den USA so zu sein. Immerhin lebe ich nicht in Brooklyn, sondern in Manhattan in einem richtigen Mietshaus.

Wo haben Sie gewohnt, als Sie als Kind mit Ihren Eltern Anfang der 80er‐Jahre als jüdischer Flüchtling aus St. Petersburg, dem damaligen Leningrad, nach New York kamen?
Auf jeden Fall nicht in Brighton Beach. Meine Eltern wollten nicht mit anderen Russen leben. Russen sind sehr snobistisch, wenn es um andere Russen geht. Mit diesen Odessa‐Leuten wollten sie nichts zu tun haben. Nein, wir sind nach Queens gezogen. Da gab es ein paar Iren, ein paar Italiener, ein paar WASPs – weiße angelsächsische Protestanten.

Wie waren die ersten Jahre? In Ihrem Roman »Handbuch für den russischen Debütanten« gibt es den Satz, dass »in Amerika sogar die Küchenschaben mehr Initiative zeigen«. Hat Ihnen dieses Land der Lichter als Kind gefallen?
Meine Eltern waren sehr skeptisch. Bei uns gab es keinen Fernseher. Deswegen hatte ich keine Ahnung, wie ein Kind in den USA lebt. Beim Tora‐Unterricht wollten alle immer nur über »Knight Rider« und das »A‐Team« sprechen. Doch bei uns wurde noch Tschechow gelesen. Das hat genervt. Mein Vater wollte, dass ich wirklich jüdisch werde. An Pessach musste ich immer alle Chametz in der Wohnung suchen.

War das eine Reaktion darauf, dass es in der Sowjetunion keine Religion gab?
Ich weiß nicht. Ich glaube, ohne den Antisemitismus hätten die meisten Juden dort ihr Judentum nicht so entdeckt. Es gab immer Antisemitismus in Russland, aber nach dem Sechstagekrieg wurde das im Grunde offizielle Staatslinie. Deswegen gab es diese Flüchtlingswelle. Und es war auch klar, dass sich das Land wirtschaftlich nicht halten konnte. Dass in den 70ern so viele Juden die Sowjetunion verlassen haben, hat dem Land natürlich geschadet, weil das technische Fachwissen in jüdischer Hand war.

Haben Ihre Eltern an den Kommunismus geglaubt?
Nein, das hat niemand wirklich.

Haben Sie an Russland geglaubt?
Als Kultur, ja. Mir wurde beigebracht, dass die Tora und der Talmud wichtige Bücher sind, aber dass wahres Wissen bei Tschechow, Turgenjew, Tolstoi und sogar beim Antisemiten Dostojewski zu finden ist. Dieser Glaube an die russische Kultur bleibt. Auch wenn die meisten russischen Juden in den USA heute konservativ und rechts sind und »Fox News« sehen.

Wird sich das in den kommenden Generationen ändern?
Das hängt davon ab, was in Israel passiert. Ich sehe da kein Ende. Da wird einfach nur ein Status quo verlängert, und ab und an explodiert die Gewalt.

Manchmal könnte man glauben, dass es mit der Welt zu Ende geht.
Dieser Planet kocht sich gerade selbst. Wir können uns auf Israel und Palästina konzentrieren und deswegen die »New York Times« und »Le Monde« vollschreiben, aber eigentlich ist das ein kleines Problem. Wenn der Meeresspiegel steigt, dann könnte New York von einem Hurrikan wie Irene zerstört werden. In Afrika oder Südamerika verschwindet das Wasser, und wir beschäftigen uns immer noch mit Stammesgefühlen.

Diese Angst vor dem Untergang taucht auch in Ihrem neuen Roman »Super Sad True Love Story« auf, der ein paar Jahre in der Zukunft spielt und in dem ein Krieg zwischen den USA und China droht. Wollen Sie sich jetzt den globalen Fragen widmen?
Ich habe New York seit einem Monat nicht mehr gesehen. Da merkt man schnell, dass das Leben überall ähnlich ist. Wir sind alle Kinder oder Eltern oder Liebende. Aber wegen dieser Lesereise verbringe ich mein Leben im Flugzeug. Damit der lustige Jude vor Publikum lesen kann.

Interessiert Sie das Judesein noch?
Die Kultur ist einfach faszinierend. Von Chagall bis »Curb Your Enthusiasm«, das ist einfach einmalig. Ich habe das Gefühl, dass die Welt langsam aufholt. Dieses moderne Nomadendasein, hier einen Dollar verdienen und da einen Euro, das haben wir irgendwie erfunden. Und jetzt merken die anderen, wie das ist. Ich frage mich nur, ob sie jetzt auch diesen Humor entwickeln, den man dafür braucht.

Ist es schwierig, lustige Bücher über ernste Themen zu schreiben?
Anders kann ich es nicht. Ernste Romane über ernste Themen langweilen mich. Da lese ich lieber Zeitung.

Müssen Sie beim Schreiben erst die richtige Sprache finden? Diesmal erzählen Sie Ihre Story anhand von Tagebucheinträgen und Chatprotokollen.
Lenny ist eine typische Figur – ein nebbischer Jude mit Angst vor der Welt und seinen Eltern. Ganz traditionell. Aber er trifft Eunice Park, Mitte 20, und verliebt sich in sie. Es hat viel Spaß gemacht, Eunice zu schreiben. Sie kommt von einem anderen Planeten. Dem digitalen Planeten. Bücher, wie Lenny sie liest, sind ihr suspekt. Stattdessen beschäftigt sie sich mit ihren sozialen Netzwerken. Das hat mich fasziniert: Wie sie mit diesen dauernden Informationen und oberflächlichen Gefühlen umgeht.

Hat die digitale Revolution keine Vorteile?
Sicher. Aber ich habe diesen Aschkenasi‐Pessimismus. Ich sehe nur die schlechten Seiten. Ich habe ein iPhone. Das ist furchtbar. Wie ein Arzt auf Schicht muss ich dauernd auf Nachrichten antworten. Was ist denn daran toll? Das ist kein Luxus. Ein Buch lesen, das ist Luxus. Am Strand liegen und schlafen, das ist Luxus. Rückzug vom Digitalen, das ist Luxus.

Fühlen Sie sich damit manchmal allein, mit diesem Pessimismus?
Ein bisschen. Die Idee für das Buch ist mir gekommen, als ein Fernsehtechniker in meiner Wohnung meine Bücherregale und meinen kleinen Fernseher gesehen hat und angeekelt war.

In Ihrem ersten Roman haben Sie geschrieben: Liebe ist eine soziale Transaktion. Was kann die Wirtschaft über die Menschen erzählen?
Alles. Der Wirtschaftsteil der »New York Times« erklärt im Grunde alle anderen Rubriken. Und auch diese sozialen Netzwerke sind ja nichts anderes als große Firmen.

Und doch haben Sie eine Facebook‐Seite, auf der Sie mit Ihren Fans interagieren.
Natürlich. Ich lade Bilder von meinem Dackel hoch, und die Leute sagen mir, dass ich einen tollen Hund habe. Im 21. Jahrhundert geht das ja schon fast als Liebe durch.

Mit dem US‐amerikanischen Schriftsteller sprach Fabian Wolff.

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