Kino

»Ein anderer Mensch werden«

Oscar-Preisträger Guy Nattiv

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»Ein anderer Mensch werden«

Der Regisseur Guy Nattiv über seinen Film »Skin«, einen Oscar für Israel und den Rat seines Großvaters

von Katrin Richter  02.10.2019 10:51 Uhr

Herr Nattiv, am 3. Oktober läuft Ihr Film »Skin« in den deutschen Kinos an, Ihr erster Film, den Sie in den Vereinigten Staaten gedreht haben. Er erzählt die Geschichte von Byron Widner, der aus der White-Supremacists-Szene aussteigen will. Wie sind Sie auf dieses Thema gekommen?
Ich sah eines Tages die Fotos dieses gewissen Bryon Widner in der Zeitung »Haaretz« und sagte zu meiner Frau: Ich glaube, dass ich mein Thema für meinen ersten Film gefunden habe. Ich kümmerte mich also um die Rechte und schrieb Widner eine E-Mail. Eine ganz offene E-Mail. Ich schrieb ihm, dass mein Vater Kind von Schoa-Überlebenden ist und ich Interesse habe, sein Leben zu erzählen.

Das Leben des Mannes, der den »Vinlanders Social Club« gründete, eine Organisation von Rechtsextremen im US-Bundesstaat Indiana.
Ja. Nach zwei Monaten meldete er sich und sagte: Wenn es Ihnen wirklich ernst ist mit dem Projekt, sollten wir uns treffen. Also flog ich von Tel Aviv nach New Mexico. Meine Frau kam aus Los Angeles dazu, und es war ein sehr entspanntes Treffen. Ich hörte all seine Geschichten, und nach einem langen Wochenende gab er mir auf einer Serviette seine Unterschrift, die mir die Rechte an seiner Geschichte zusicherte. Damit flog ich zurück und begann meine Arbeit.

Was hat Sie an Bryon Widners Geschichte interessiert?
Die Tatsache, dass jemand, der so kaputt war, eine Familie gefunden hat und danach strebte, ein anderer Mensch zu werden, ist für mich faszinierend. Es ist auch nicht die klassische Erlösungsgeschichte. Aber es geht natürlich um jemanden, der sich ändern möchte. Ich musste dabei immer an meinen Großvater denken.

Weshalb?
Er war derjenige, der mir immer gesagt hat: Sieh hin und akzeptiere, dass jemand ein neuer Mensch werden will! Schaffe in deinem Herzen einen Platz und akzeptiere diese Person! Und diese Aussage kommt von einem Schoa-Überlebenden.

Jamie Bell und Danielle Macdonald spielen die Hauptrollen. Wie haben Sie die beiden auf den Dreh vorbereitet?
Sie haben sich natürlich zum größten Teil selbst auf die Rolle vorbereitet, haben sich mit den wahren Menschen getroffen und sich mental und physisch an die Orte des Geschehens begeben. Ich habe ihnen vollkommen vertraut und ihnen gesagt, was ich von ihnen erwarte. Wir haben lange und sehr intensive Unterhaltungen geführt.

Hatten Sie nach dem Dreh noch Kontakt zu Jamie Bell?
Ich habe ihn angerufen und gefragt, wie es ihm geht. Er sagte mir, dass er von der Rolle mental und körperlich entgiften müsse. Auch deswegen hat er die Rolle in »Rocketman« angenommen. (Anm. d. Red.: Jamie Bell spielt in dem Biopic über Elton John Bernie Taupin, mit dem Elton John lange zusammenarbeitete.) Etwas, das mich sehr beeindruckt hat, war, dass Jamie Bell die Tattoos, die Widner trägt, während des gesamtes Drehs nicht abgeschminkt hat. Er ging damit in Bars, in Restaurants, weil er wissen wollte, wie es ist, wenn man sich eingeschlossen fühlt. Bryon Widner sagte mir einmal, er verstehe, warum sich so viele Skinheads tätowieren. Nämlich, weil sie sich nicht im Spiegel sehen könnten. Sie wollten nicht die wahre Person sehen.

Ohne zu viel vorwegnehmen zu wollen: In Ihrem Film sieht man Bryon Widner auch ohne Tattoos. Hat er Ihnen je davon erzählt?
Das Unglaubliche ist, dass er sich seine Tattoos ohne Betäubung hat entfernen lassen. Er wollte leiden. Er wollte den körperlichen Schmerz spüren.

Sie muten dem Publikum einige Szenen zu, die nicht leicht sind. Wie die, in der der Vater seinem Sohn im Krankenhaus den lebensnotwendigen Sauerstoff abdrehen will.
Diese Menschen wollen Gott spielen. Und die Kinder von White Supremacists sind wie Marionetten. Sie wachsen mit dieser hasserfüllten Ideologie auf. Die Szene ist sehr hart, aber sie musste so sein.

Sie wohnen mit Ihrer Familie in den USA. Wie erleben Sie dieses Land, nach dem Marsch von Rechtsextremisten durch Charlottesville und dem Anschlag auf die Synagoge »Tree of Life« in Pittsburgh?
Es ist furchtbar. Ich habe immer allen gesagt, dass es für Israelis und Juden nur zwei Orte auf der Welt gibt, an denen sie sicher sind: Israel und die USA. Ich war in den 80er-Jahren oft mit meiner Familie hier, und in den 90ern war die Freiheit riesig. Jetzt fühle ich mich hier nicht mehr so sicher. Der Rechtsextremismus und Faschismus ist überall. Das macht mir Angst. Meine Frau und ich haben eine kleine Tochter. Ich frage mich, in welche Welt wir sie gesetzt haben. Es scheint, als ob es überhaupt keinen sicheren Ort mehr gibt. In Israel gibt es viel Hass, in Deutschland sind viele rechtsextrem. Die Welt ist verrückt geworden. Deswegen habe ich diesen Film gemacht. Er ist jetzt wichtig. Er handelt von Akzeptanz.

Sie verlangen dem Zuschauer ziemlich viel ab, wenn Sie über Akzeptanz sprechen.
Ich weiß, dass es hart ist. Niemand hat mehr Geduld dafür.

Im Film heißt es, man habe drei Möglichkeiten: jung sterben, lebenslänglich ins Gefängnis gehen oder anfangen, miteinander zu sprechen. Wie realistisch ist die dritte Option?
Die Welt lebt in Zyklen, und selbst in den dunkelsten Kapiteln der Geschichte haben Menschen irgendwann von diesem Instrument, also dem Miteinander-Reden, Gebrauch gemacht.

Hat die Menschheit aus der Geschichte gelernt?
Ich würde sagen: Nein. Die junge Generation kann auch nichts aus der Geschichte lernen, denn sie lernt nichts darüber. Dabei ist Bildung so wichtig.

Wie betrachten Sie die USA unter Donald Trump?
Ich erhielt meine amerikanische Staatsbürgerschaft zwei Tage vor der Wahl von Donald Trump. Präsident Obama sprach zu den neu Eingebürgerten. Ich habe Israel verlassen, weil es mir mit der Regierung von Benjamin Netanjahu zu rechts wurde. Dann kam ich in den USA an – und Donald Trump wurde Präsident! Ich denke, dass er diesen extremen Bewegungen Macht verleiht. Ich bin überzeugt davon, dass es eine Beziehung zueinander gibt. Es ist doch verrückt: Auf der einen Seite sagt er, er setze sich für Israel und die Juden ein, und auf der anderen Seite lässt er diese Rechtsextremen zu.

Haben Sie persönlich Erfahrungen mit Antisemitismus gemacht?
Ja, ich war mit meiner Frau in Los Angeles unterwegs, und aus heiterem Himmel rief mir jemand zu, ich sei ein dreckiger Jude. Ich traute meinen Ohren nicht. Mitten in L.A.!

Gemeinsam mit Ihrer Frau Jaime Ray Newman haben Sie mit dem Kurzfilm »Skin« aus dem Jahr 2018 für Israel einen Oscar bekommen. Denken Sie manchmal daran, nach Israel zurückzukehren?
Mein Zuhause ist in den USA, aber ich möchte natürlich Filme in Israel machen. Mein nächstes Projekt befasst sich unter anderem mit einem Familienthema und stellt die Frage: Was braucht man, um glücklich zu sein?

»Skin« läuft am 3. Oktober in den deutschen Kinos an. Mit dem israelischen Regisseur sprach Katrin Richter.

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