NS-Geschichte

Eichmann im Verhör

Anmerkung der Redaktion (2. August 2023):

Als dieser Text von Fabian Wolff in der Jüdischen Allgemeinen erschien, glaubte die Redaktion Wolffs Auskunft, er sei Jude. Inzwischen hat sich Wolffs Behauptung als unwahr herausgestellt.

Zwei Männer, ein Tisch, ein Verhör. Auf der einen Seite ein Nazi, der nach zehn Jahren in Argentinien jetzt plötzlich in Jerusalem sitzt und auf seinen Prozess wartet. Auf der anderen Seite ein israelischer Polizeioffizier, der in Berlin geboren wurde und jetzt sein Gegenüber ohne jeden Druck zum Sprechen bringen soll. 275 Stunden werden sie reden.

Von dem einen, Adolf Eichmann, glaubt fast jeder, alles zu wissen: erst Schreibtischtäter, dann Kaninchenzüchter, schließlich Banalitätsbösewicht. Von dem anderen, dem Polizisten Avner Less, weiß fast niemand. Das Buch Lüge! Alles Lüge! – rekonstruiert aus den Aufzeichnungen von Less und anderen von der Philosophin und Historikerin Bettina Stangneth – füllt nicht nur diese wichtige Lücke in der Geschichte des Eichmann-Prozesses. Es erzählt auch die leise, aber große Lebensgeschichte von Avner Less.

Lügenroutine Mit ihrer umfangreichen Studie Eichmann vor Jerusalem hatte Stangneth die bis dahin kaum beachteten Jahre vor dem Prozess beleuchtet. So bemühte der SS-Mann sich in Argentinien, das Dritte Reich ideologisch am Leben zu erhalten, mithilfe von rechtsextremen Verlegern und anderen Unterstützern, auch aus der Bundesrepublik. Und er perfektionierte die Lügenroutine, mit der er später in Jerusalem auftrat: Eichmann, das kleine Rad im Getriebe, statt, wie Stangneth sagt, Teil der Weltanschauungselite.

Trotzdem fallen fast alle zeitgenössischen Beobachter zumindest teilweise auf den Organisator der »Endlösung« herein und halten ihn für einen kleinen Beamten, der große Verbrechen zu verantworten hat. Avner Less sieht mehr in Eichmann. In den 275 Stunden Verhör, die er mit ihm führt, darf er nach angelsächsischem Strafrecht nicht den leisesten Druck auf ihn ausüben. Trotzdem entlockt er ihm mehr als später Staatsanwalt Gideon Hausner.

Als Stangneth bei ihren Recherchen auf Teile der Aufzeichnungen von Avner Less aus dieser Zeit stößt, ist sie vor allem von seinem Tonfall beeindruckt: »Das war nicht die Stimme eines Verhöroffiziers.« Nach Veröffentlichung liest Alon Less, der Sohn von Avner, das Buch über Eichmann und ist beeindruckt: »Bettinas Art des Denkens hat mich sehr an meinen Vater erinnert.« Er setzt sich mit der Wissenschaftlerin in Verbindung, mit dem Angebot, ihr auch den privaten Nachlass zugänglich zu machen. Stangneth ist begeistert: »Auf was für ein Leben ich da gestoßen bin!«

Avner Less wird 1916 als Werner Less in Berlin-Wilmersdorf geboren. 1933 kann er nach Frankreich fliehen. Dort lernt er seine spätere Frau Vera kennen, die aus Hamburg kommt. Gemeinsam emigrieren sie 1938 nach Palästina. Dort wird Werner, jetzt Avner, Polizist. In den 50er- und 60er-Jahren ist er zwischenzeitlich Konsul in New York und Verbindungsmann zu Interpol. Sein Spezialgebiet ist Wirtschafts- und Bandenkriminalität.

Überlistet Mit diesem Hintergrund eignet er sich perfekt als Verhöroffizier von Eichmann – die NS-Führungsriege als Verbrechersyndikat ist schließlich heute eine gängige Lesart. Trotzdem zögert Less, den Auftrag anzunehmen, und auch während des mehrmonatigen Verhörs sträubt er sich. Auf einem Zettel hat Stangneth eine Notiz aus dieser Zeit gefunden, auf der »Lüge! Alles Lüge!«, mit mehr Ausrufezeichen als Buchstaben, steht.

Denn Eichmann erzählt nichts anderes als Lügen. Doch Less bleibt ruhig, fast freundlich. Am Ende glaubt Eichmann, Less überlisten zu können: Schließlich glaubt der »Arier«, mehr über den Juden zu wissen als der Jude selbst. Am Ende ist Eichmann sogar so dreist, den vermeintlich nett-dummen Polizisten zu fragen, ob er eigentlich noch Eltern hat. Less antwortet, einen Vater gehabt zu haben, den Eichmann hat deportieren lassen. »Das ist ja schrecklich!«, sagt der.

Bisher glaubte man, dass sich in diesem Augenblick etwas wie Empathie in Eichmann zeigt. Stangneth widerspricht dem vehement: »Das ist der Moment, in dem Eichmann merkt, dass er in die Falle getappt ist. Ab diesem Moment wird er verschlossen.« Doch da ist es für ihn längst zu spät.

Dann kommt der Prozess und danach das Buch Eichmann in Jerusalem von Hannah Arendt, die den Begriff der »Banalität des Bösen« einführt. Arendts begrenzte Einsicht in den Prozess und die Person Eichmann ist heute bekannt. Trotzdem verteidigt Stangneth, die an einer historisch-kritischen Neuausgabe des Buches arbeitet, Arendt. »Die Entdeckung des banalen Bösen ist schlicht richtig. Es gibt keinen Weg hinter Arendt zurück. Eichmann war nur das falsche Beispiel.«

lebensgeschichte Auch Avner Less wollte seine Erkenntnisse veröffentlichen und plante Zeit seines Lebens ein eigenes Buch, das nie zustande kam. Dieses Buch ist jetzt quasi nachträglich geschrieben worden, und noch mehr. Es ist die Geschichte seines Lebens und deswegen auch eine Liebesgeschichte. Bis zu ihrem Tod 1980 war Less mit Vera verheiratet. Sein Sohn Alon sagt: »Ich versuche immer, mich an nur eine schlechte Sache in der Ehe zu erinnern. Aber da ist nichts.«

Vera litt an Polio. Als die Hitze ein Leben in Israel unmöglich macht, geht Avner mit ihr nach Paris und in die Schweiz. Er arbeitet als Sicherheitsberater für Banken. Die sehen in ihm wenig mehr als ein Alibi. Doch Less verliert nicht seine Neugier und deckt von innen Korruption auf, ohne selbst korrupt zu werden. Als Vera stirbt, schreibt er Gedichte darüber, wie sehr er sie vermisst.

»Less war ein Schatz, der gehoben werden musste«, sagt Bettina Stangneth. So ist Lüge! Alles Lüge! die Geschichte von jemandem, für den der Begriff »mentsch« wie geschaffen zu sein scheint: Avner Less, der Eichmann-Vernehmer, der dichtende Ex-Polizist.

Avner Werner Less: »Lüge! Alles Lüge!« Aufzeichnungen des Eichmann-Verhörers. Rekonstruiert von Bettina Stangneth. Arche, Zürich 2012, 347 S., 19,95 €

New York

Nach Paul Simon wird auch Art Garfunkel 85

Mit Songs wie »The Sound of Silence« wurden Simon & Garfunkel weltberühmt – aber auch die Streits der beiden Schulfreunde aus New York sind legendär. Jetzt steht der nächste große Geburtstag an

von Christina Horsten  02.11.2026

Essay

Der neue Jude

Warum ich Mitleid mit den Deutschen habe, die bis heute nicht begreifen wollen, dass wir keine wehrlosen Opfer mehr sind, sondern starke, selbstbestimmte Menschen, die hart zurückschlagen, wenn man uns angreift

von Zeev Avrahami  02.11.2026

Baustelle der Jüdischen Akademie an einer Straße in Frankfurt am Main

Ort jüdischen Denkens

Jüdische Akademie öffnet in Frankfurt

Es soll ein Ort des Diskurses und der Begegnung sein: In Frankfurt wird die Jüdische Akademie feierlich eröffnet

 02.11.2026

Frankfurt

Eine Akademie für Deutschland

Heute wird die Jüdische Akademie feierlich eröffnet. Sie soll innerjüdische Debatten fördern und jüdische Perspektiven stärker in die Gesellschaft einbringen

von Josef Schuster  02.11.2026 Aktualisiert

Konferenz in Berlin

Wie die Schlagzeile das Israelbild formt

Bei einem Workshop an der Technischen Universität Berlin gingen Wissenschaftler und Journalisten der Frage nach, wie deutsche Medien über Israel berichten, welche Narrative dabei wirken und wo sich Fehler einschleichen

von Ralf Fischer  01.11.2026

Glosse

Der Rest der Welt

Der ungelesene Bücherstapel oder Die Bibliografie des idealen Menschen

von Nicole Dreyfus  01.11.2026

Eröffnung

Museum Zwangsarbeit zeigt Ausstellung zu »unerwünschten Kindern«

Beziehungen zwischen Deutschen und Zwangsarbeitern im NS-Regime waren verboten. Trotzdem gab es diese Kontakte ebenso wie Kinder aus diesen Beziehungen. Eine Ausstellung in Weimar widmet sich den Geschichten der betroffenen Eltern und Kindern

 30.10.2026

Literatur

»Empfänger unbekannt«: Wenn ein Freund zum Feind wird

Die judenfeindlichen Novemberpogrome von 1938 jähren sich zum 88. Mal. Anlass, die Geschichte »Empfänger unbekannt« aus demselben Jahr zur Hand zu nehmen. Darin schlägt ein Jude zurück, mit überraschenden Mitteln

von Leticia Witte  30.10.2026

München

Julia Klöckner: Verteidigung jüdischen Lebens Aufgabe für alle

Jüdische Kultur ist in Deutschland tief verwurzelt. Zum 40. Mal wollen die Kulturtage diesen Reichtum würdigen. Für die Bundestagspräsidentin ein Anlass zu Mahnung und Hoffnung

 30.10.2026