Berlinale

»Dovlatov«, »Transit« und »7 Tage in Entebbe«

Filmszene mit Rosamund Pike und Daniel Brühl aus »7 Days in Entebbe« von José Padilha Foto: Liam Daniel

Der Film 7 Days in Entebbe über die Entführung einer Air‐France‐Maschine 1976 durch Terroristen hatte am Montagabend Weltpremiere bei den 68. Internationalen Filmfestspielen Berlin. Der Spielfilm von José Padilha (USA/Großbritannien 2018) lief außer Konkurrenz im Wettbewerb.

Der Film, der mit gemischten Kritiken aufgenommen wurde, stellt die Geschichte der Geiselnahme nach: Das Flugzeug befand sich auf dem Weg von Tel Aviv nach Paris, die Entführer waren zwei Mitglieder der PFLP (Volksfront zur Befreiung Palästinas) und zwei Deutsche, Mitglieder der linksextremistischen Revolutionären Zellen.

Lior Ashkenazi Sie behielten mehr als 100 der Geiseln, vorwiegend Israelis, eine Woche lang in ihrer Gewalt und verlangten unter anderem die Freilassung von 40 in Israel inhaftierten palästinensischen Terroristen und Militärs. Rekonstruiert wurden vor allem die Ereignisse nach der Landung des Flugzeugs auf dem Flughafen in Entebbe, wo die Entführer vom ugandischen Diktator Idi Amin unterstützt wurden. In der Rolle des damaligen israelischen Ministerpräsidenten Yitzhak Rabin ist der israelische Schauspieler Lior Ashkenazi zu sehen.

Wenig glaubwürdig macht den Film, dass sich Rabin und sein Kabinett im Film auf Englisch unterhalten – was der Regisseur bei der Pressekonferenz mit Sachzwängen im Filmbusiness begründete. Außerdem wirkte die Kombination der israelischen Befreiungsaktion mit Aufnahmen eines Auftritts der Batsheva Dance Company künstlich und geschmacklos.

7 Days in Entebbe erhebt den Anspruch, ein politischer Film zu sein, der Verständnis für alle Seiten weckt – auch für die psychischen Befindlichkeiten der deutschen Terroristen Wilfried Böse und Brigitte Kuhlmann, die bei der Befreiung der Geiseln ums Leben kamen. Wer daran kein Interesse hat, sollte sich den Film, der im Mai in die Kinos kommt, lieber ersparen.

Schriftstellerverband
Unterdessen feierte am Samstag der Beitrag Dovlatov von Alexej German jr. (Russische Föderation/Polen/Serbien 2018) seine Première im Wettbewerb. Der Film schildert sechs Tage im November 1971 im Leben des Schriftstellers Sergei Donatowitsch Dowlatow (1941–1990) in Leningrad, der in Russland mit seiner ironischen Prosa erst postum zu Ruhm gelangte. Ihm wurde die Aufnahme in den Schriftstellerverband verweigert; keines seiner Bücher wurde bis 1989 in der Sowjetunion gedruckt.

Dowlatows Vater war Jude, seine Mutter Armenierin. Der Drucksatz seines ersten Buch wurde auf Befehl des KGB vernichtet; nach der Veröffentlichung einiger Geschichten in westlichen Zeitschriften wurde er 1976 aus dem Journalisten‐Verband der UdSSR ausgeschlossen. 1978 emigrierte Dowlatow in die USA. Er starb im Alter von 48 Jahren an einem Herzinfarkt.

Dissidentenszene Der Film gibt Einblick in die Dissidentenszene und schildert auch Dowlatows Bekanntschaft mit dem späteren Literatur‐Nobelpreisträger Joseph Brodsky (1940–1996). Zwei Stunden lang wird der Zuschauer Zeuge, wie der deprimierende sowjetische Alltag seinen Helden bricht. Dowlatow versucht, sich als Journalist durchzuschlagen: Er soll in den Tagen der Feierlichkeiten zum Gedenken der Revolution einen Film über die Arbeiter einer Werft drehen, die ihr Schiff nach großen russischen Dichtern benannt haben. Doch seine Texte werden abgelehnt, weil sie zu ironisch sind.

Zuflucht findet der Schriftsteller im Alkohol und in Gesprächen mit Gleichgesinnten, die immer um dasselbe kreisen: Wie kann man geistig überleben in einer Umgebung, die den Geist unterdrückt? Dowlatows private Beziehungen scheitern unterdessen – erst im Exil, wie der Abspann berichtet, kehrte er zu seiner Frau und seiner Tochter zurück. Ein Film mit einem Anti‐Helden als Held, der die bleierne Atmosphäre der Breschnew‐Ära und den hoffnungslosen Widerstand gegen den Sowjetkommunismus überzeugend nachzeichnet – und dem in Deutschland unbedingt ein Kino‐Verleih zu wünschen wäre.

Regisseur Alexej German versteht seinen Film, wie er bei der Pressekonferenz am Samstag sagte, als Warnung: »Der Film zeigt, dass es unzulässig ist, Talente zu zerstören, Schicksale zu zerstören.« Germans Spielfilm Under Electric Clouds war 2015 bei der Berlinale mit einem silbernen Bären für die beste Kamera ausgezeichnet worden.

Exil Ebenfalls ein erster Höhepunkt im Wettbewerb war am Samstag der Film Transit von Christian Petzold. Der Regisseur adaptierte den Exilroman Transit von Anna Seghers, allerdings in einer sehr freien Verfilmung. Georg (Franz Rogowski) flüchtet aus dem von den Deutschen besetzten Paris nach Marseille, in das die Wehrmacht noch nicht eingerückt ist. Nach dem Suizid des Schriftstellers Weidel in einem Hotel hat er dessen Papiere an sich genommen – und damit ein Visum für die Ausreise nach Mexiko.

Petzold hat den Roman nicht mit historischer Kulisse verfilmt, sondern lässt ihn in der Gegenwart spielen. Französische Sondereinsatzkommandos verkörpern die Verfolger der Emigranten, damalige Flüchtlinge mischen sich mit heutigen Migranten – eine Verknüpfung, die trotz einer gewissen Künstlichkeit der Handlung bei der Internationalen Jury des Berlinale‐Wettbewerbs gut ankommen könnte. Der Goldene Bär für den besten Film und die Silbernen Bären sowie weitere Preise der Berlinale werden am Samstag verliehen. (mit epd)

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