Musik

Dissident des Rock

Nie Kompromisse eingegangen: Lou Reed (1942–2013) Foto: dpa

Kurt Tucholsky schreibt am 19. Dezember 1935 im Abschiedsbrief an seine ehemalige Frau Mary: »Wenn Liebe das ist, was einen ganz und gar umkehrt, was jede Faser verrückt, so kann man das hier und da empfinden. Wenn aber zur echten Liebe dazukommen muss, dass sie währt, dass sie immer wieder kommt, immer und immer wieder –: dann hat man nur einmal in seinem Leben geliebt.«

Liebe und Musik haben mehr gemein, als man denken mag. Und es kommt nur sehr, sehr selten in einem Leben vor, vielleicht zwei oder drei Mal, dass man ein Album entdeckt, das einen »ganz und gar umkehrt«, das »jede Faser verrückt«, in dem man etwas entdeckt, das einen förmlich umhaut – und an diesen Moment kann man sich sein ganzes Leben lang erinnern.

cover‐banane Ich werde nie vergessen, wie das war, als ich etwa 19‐jährig Ende der 70er‐Jahre zum ersten Mal das erste Velvet‐Underground‐Album mit Andy Warhols Cover‐Banane gehört habe. Eine ganze Welt tat sich auf! »Sunday Morning«! »I’m Waiting For The Man«! »Femme Fatale«! »Venus In Furs«! »Run Run Run«! »All Tomorrow’s Parties«! »Heroin«! »There She Goes Again«! »I’ll Be Your Mirror«! »The Black Angel’s Death Song«! »European Son«!

Was für ein Wurf, was für ein ungeheurer Geniestreich, was für ein Monster von einem Album! Dass so eine Musik, dass solche Texte möglich waren! Was für eine Versprechung, was für eine Verheißung! Die Welt, meine Welt war plötzlich eine andere geworden. Und so empfanden vor mir und nach mir Zigtausende. Es gab sicher erfolgreichere Bands, und es mag berühmtere Musiker gegeben haben – aber es gab wohl kaum einen einflussreicheren Künstler in der Geschichte der Rockmusik als Lou Reed.

radikaler So viele Menschen haben, von Lou Reed und seinen Velvet Underground inspiriert, Bands gegründet, ihr Leben radikaler gelebt, Möglichkeiten erkannt. Wie gerne wäre man damals, 1966, als diese Musik entstand, und im März und April 1967, als das Album veröffentlicht und die ersten »intermedia shows« mit diesem Programm aufgeführt wurden, in New York dabei gewesen, im »Dom«: Laut Jonas Mekas von der Zeitung Village Voice waren diese Shows die »most violent, loudest and most dynamic« ihrer Zeit, »the most dramatic expression of the contemporary generation«.

Ja, sicher, und das konnte man auch über ein Jahrzehnt später diesem Album noch anhören, und man kann es bis heute spüren, was damals im Greenwich Village los war – und was ja übrigens eine dezidiert jüdische Szene war, die sich da bildete, die »Punk Zeyne« um die Ahnherren Jonathan Richman, Alan Vega (Suicide) und eben Lou Reed, den Steven Lee Beeber in seinem großartigen Buch The Heebie‐Jeebies at CBGB’s als den »Godfather of (Jewish) Punk« bezeichnet. Daraus entstand wenig später die legendäre (jüdische) Punkszene um Richard Hell und Joey Ramone und Lenny Kaye (der bis heute zum Nukleus der Patti Smith Band gehört).

echtheit Eines der besten Bücher über Rockmusik, das ich kenne, heißt Lou Reed. Texte (und ist, natürlich, vergriffen). Reed hat dafür seine wichtigsten Texte versammelt, und Diedrich Diederichsen hat sie übersetzt. Ergänzt wird der Band um zwei Gedichte und zwei Interviews, die Lou Reed geführt hat, mit Václav Havel und mit Hubert Selby – weil er »mehr über das Schreiben herausfinden wollte: über das Wie und das Warum. Was sich schließlich auch auf das Leben bezieht, und wie man es führt«, schreibt Lou Reed in seiner Einleitung. Und: »Das Herz eines Textes war für mich immer in erfahrbarer Wirklichkeit verankert. (…) Um also die mir meistgestellte Frage zu beantworten: ›Ist das alles echt?‹ Ja, sagte er, ja, ja, ja.« Wohlgemerkt, er sagt, dass alles »echt« sei, nicht unbedingt »wirklich« oder gar »wahr«. Aber Lou Reed lehrt uns, dass es ohne »Echtheit« keine wahre Kunst gibt, dass ohne Echtheit keine große Musik entstehen kann.

Man studiere Lou Reeds Songtexte, den ganzen Kosmos der Realität, den der Dichter hier ausbreitet. Wie einer auf seinen puertoricanischen Drogendealer wartet. Vom Königreich namens Heroin. Das von Sacher‐Masoch inspirierte »Venus In Furs«, das man sich ohne John Cales treibende Bratsche kaum vorstellen kann – Kopfmusik. All die Feste von morgen, Andy Warhols Lieblingslied. Lady Godivas Operation – »ich hatte 24 Schock‐Behandlungen, als ich 17 Jahre alt war. Ich nehme an, dass mich das dazu brachte, solche Sachen zu schreiben«.

Candy von »Candy Says« war laut Reed »ein Transvestit. Sie starb später an Krebs, den ihre Hormonbehandlung verursacht hatte. Ihr richtiger Name war James Slattery. Sie kam aus Long Island«. Und »Pale Blue Eyes« schrieb er »für jemanden, der mir sehr fehlte. Ihre Augen waren braun«. Er »liebte After‐Hours‐Bars. Ich sah dort das erste Mal, wie ein Mann zu Tode geprügelt wurde«.

brutalität Lou Reed erzählt uns keine netten Geschichten, keine sanften Legenden. So wie die amerikanischen »hard boiled«-Autoren schreibt Reed von der Realität, die »echt« war, und das hieß nicht selten: brutal. Die meisten Geschichten, die er in seinen Songs erzählt, hat er auch erlebt. »Einige meiner Freunde waren Kriminelle.« Seine Zärtlichkeit gilt den Außenseitern, den Transvestiten oder den Strichern. Seine Sympathie gilt immer den Verlierern. Wenn er von der »Halloween Parade« im Village singt, berichtet er auch davon, wie AIDS die Teilnehmerzahl dezimiert hat. Der Boulevard ist »dirty«, und »Beginning Of A Great Adventure« berichtet von einem Typen, dem »diese Baby‐Angelegenheit« möglicherweise über den Kopf wächst.

Mit seinen Songs hat Lou Reed uns ein eindrucksvolles Bild von New York gemalt; wir kennen seine düster schillernde Stadt möglicherweise besser als unsere eigene Nachbarschaft. Jedenfalls genauer. »Ich habe immer gedacht, wenn du dir alle meine Platten als ein Buch vorstellst, dann hast du den Großen Amerikanischen Roman, jedes Album ein Kapitel«, sagte er 1987 in einem Interview.

»Walk On The Wild Side«, sein vielleicht berühmtestes Lied, erklärt Lou Reed lapidar: »Aus Nelson Algrens ›A Walk on the Wild Side‹ wollten sie ein Musical machen. Nachdem das Projekt fallengelassen wurde, nahm ich meinen Song und ersetzte die Figuren aus dem Buch durch Leute, die ich aus Warhols Factory kannte. Ich mag nichts wegschmeißen.«

kompromisslos Um 1990 herum habe ich Lou Reed in einem sagenhaften Konzert erlebt. Der Saal barst vorher förmlich vor nervöser Anspannung. Dann betrat er mit seinen Musikern die Bühne und machte eine Ansage: »Wir spielen jetzt den kompletten Songs for Drella-Zyklus (das Album, das er zusammen mit John Cale in Angedenken an den verstorbenen Andy Warhol geschrieben hatte, Anm. d. Autors). Und dann spielen wir das komplette New York-Album. Bitte klatscht nicht dazwischen. Es geht hier um die Musik.«

Als Lou Reed 2012 auf große Europa‐Tournee ging, die seine letzte Tour werden sollte, da probte er vorher über einen Monat lang mit seiner Band, damit die Show seinen hohen musikalischen Ansprüchen genügte. Es ging ihm immer um die Musik, um seine Kunst. Er ging keine Kompromisse ein. Nie. Nicht im Verhältnis zu Journalisten, nicht im Verhältnis zu seinem Publikum. Seine Musik war radikal, er scherte sich nicht um den Publikumsgeschmack.

Er verweigerte sich dem Erfolg, wenn es nötig war, wenn seine Musik auf Alben von Metal Machine Music bis Lulu eben so klingen musste, wie sie klang – grandiose Experimente, und dass sie von vielen nicht verstanden wurden, spricht eher gegen die Vielen als gegen diese Musik, die ihrer Zeit oft weit voraus war. Lou Reed verkörperte den Künstler mit Haltung wie kein Zweiter. Er spielte Songs, die der Welt die Zustimmung verweigerten. Er war einer der klügsten und vielschichtigsten Dissidenten unserer Kultur – der gleichzeitig fast schon rührend naiv daran glaubte, dass es nur der harte, deutliche Rock’n’Roll sei, der die Welt ändern könne, wie er noch im September bei einem seiner letzten öffentlichen Auftritte sagte.

freundlich Der Lou Reed, den ich in den letzten Jahren persönlich kennenlernte, war ein freundlicher, zurückhaltender, oft ironischer und durchweg sehr angenehmer Mensch – ganz anders als der Lou Reed, der als schwierig und kompliziert beschrieben wurde. Als wir uns nach seinem Dresdner Konzert im Backstage begegneten, kam er auf mich zu und bedankte sich für meine Arbeit, drückte mir die Hand – »Thank you, thank you for everything – dankescheen« –, und diese paar Worte der Zuneigung bedeuten mir die Welt.

Doch den Moment mit der vielleicht größten Magie habe ich ein paar Jahre vorher in der Frankfurter Jahrhunderthalle erlebt, als Lou Reed mit seiner langjährigen Lebensgefährtin und seit 2008 auch Ehefrau Laurie Anderson auftrat, begleitet nur von einem zurückhaltenden Keyboarder. Die beiden spielten unter anderem einige der großen Songs des jeweils anderen, und so kam es, dass Laurie Anderson Lou Reeds erklärten Lieblingssong »I’ll Be Your Mirror« gab, von ihm begleitet. Diese doppelte Bespiegelung der musikalischen und Lebenspartner, wie sich das »I’ll be your mirror, reflect what you are«, das »Let me stand to show that you are blind/Please put down your hands,/cause I see you« ineinanderwand, sich ineinanderschmiegte zwischen den Liebenden, von ihnen gegenseitig rückversichert wurde – das bleibt unvergessen.

fans Nach dem Konzert zogen sich Lou Reed und Laurie Anderson noch fast eine Stunde zurück, ehe sie zusammenpackten und die Halle verließen. Wir hatten den Shuttle an die andere Hallenseite beordert, weil am eigentlichen Bühneneingang 20 oder 30 Fans warteten und sein Management klargemacht hatte, dass er keinen Kontakt mit irgendwem wünsche. Als Lou Reed, der damals jenseits der Bühne schon recht klapprig war, bereits in den Wagen geklettert war, hörte er von der anderen Hallenseite die Fans rufen. Er fragte mich, was das für ein Geschrei sei. Ich sagte ihm: »Das sind die Fans.« »Und die warten jetzt schon eine Stunde da draußen?« »Ja.« »Dann will ich da hingehen.«

Und Lou Reed kletterte aus dem Wagen, schlurfte noch einmal auf die andere Hallenseite und ging raus zu den Fans, unterschrieb geduldig jede CD und jede Schallplatte, die man ihm reichte, lächelte und hatte freundliche Worte für jeden. Eine Frau bestand darauf, ihm eine Lou‐Reed‐CD zu schenken. Er sagte: »Ich kenn das Album aber, ich hab’s doch selbst eingespielt.« Aber die Frau war nicht davon abzubringen, und so nahm Lou Reed die CD an sich und schenkte sie, nachdem er mit allen Fans gesprochen hatte, auf dem Weg zurück zu seinem Auto dem Pförtner.

»I’ll be your mirror.« Lou Reed war, ist und bleibt unser Spiegel. Ganz sicher: Mit seiner unversöhnlichen Haltung, mit seiner großen und einzigartigen Musik sorgt er jetzt für trouble in paradise.

Der Autor ist Konzertagent in Berlin. Er hat die letzten Deutschland‐Tourneen von Lou Reed veranstaltet.

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