Restitution

Dinas Kampf ums Erbe

Die Beamten im Berliner Verkehrsministerium staunten nicht schlecht, als sich am Nachmittag des 4. Dezember 1990 die schwere Eingangstür öffnete. »Ich bin hergekommen, um das Gebäude meiner Familie zurückzufordern!« Mit diesen Worten betrat Dina Gold, in Dufflecoat und Wollmütze, das Foyer. Sie hatte nichts, um ihren Anspruch zu beweisen – nur ein Berliner Geschäftsverzeichnis von 1920 mit dem Eintrag »H. Wolff« – und die Erinnerung an die Worte ihrer Großmutter: »Dina, wenn die Mauer fällt und wir unser Gebäude in Berlin zurückbekommen, werden wir reich!«

Für die Chefetage des Ministeriums wurde ein Albtraum wahr. »Ein Mitarbeiter sagte, dass das Gebäude immer das ›Wolff‐Haus‹ genannt wurde, aber niemand gewusst habe, warum«, erzählt Gold. »Und dass bekannt – und dokumentiert! – sei«, dass das Gebäude einst in jüdischem Eigentum war. »Er sagte zu mir: Sie müssen nur die Unterlagen finden.«

Suche Dina Gold machte sich auf die Suche. Schicht für Schicht legte sie die Geschichte des Gebäudes frei. Sie war immer wieder erstaunt, wie viele Dokumente – dank deutscher Dokumentationswut – noch vorhanden waren. »Es war wie ein Wunder«, sagt Gold. Sie fand heraus, dass das imposante sechsstöckige Haus 1908 bis 1909 vom Architekten Friedrich Kristeller im Auftrag von Dinas Urgroßvater Victor Wolff, einem erfolgreichen Pelzhändler, errichtet wurde. Noch heute ist die Inschrift »H. Wolff« – für Victors Vater Heimann Wolff, der das Pelzgeschäft gegründet hatte – neben dem Eingang zu sehen.

Rückzahlung Der Pelzhandel florierte – bis die Nazis mit perfiden Gesetzen die Juden nach und nach aus allen öffentlichen Ämtern, ausgewählten Berufszweigen und dem Geschäftsleben vertrieben. 1936 verlangte der Hypothekengeber, die Berliner Victoria‐Versicherung, die sofortige Rückzahlung der gesamten Kreditsumme. »Wirtschaftlich völlig unsinnig«, kommentiert Gold. Den Wolffs blieb nichts anderes übrig, als einen Zwangsverkauf zu akzeptieren.

Am 26. Mai 1937 unterzeichneten ihre Anwälte die Vereinbarung, mit der das Eigentum an dem Gebäude für 1,8 Millionen Reichsmark (damals 725.800 US‐Dollar) auf die Reichsbahn – nicht an die Victoria selbst – überging, die später zahlreiche Juden in die Vernichtungslager deportierte. Nach Abzug aller Kosten blieben dem damaligen Eigentümer Fritz Wolff, Victors Sohn, 1629 Reichsmark (damals etwas unter 400 Dollar). »Das ganze Verfahren war eine Farce«, sagt Dina Gold. Fritz Wolff wurde, nach einer kurzen Inhaftierung im Lager Sachsenhausen und mehreren Verhaftungen, im März 1943 nach Auschwitz deportiert.

Im Januar 1949 machte die Deutsche Reichsbahn ihr Eigentum an dem Gebäude – das nun in der sowjetischen Besatzungszone stand – geltend, wurde aber mit der Begründung abgewiesen, die Reichsbahn habe das Gebäude nicht in einer, wie sie behauptete, »vollständig rechtmäßigen Transaktion« erworben, sondern durch eine Zwangsversteigerung während der Nazizeit.

Nach der Gründung der DDR fiel das Gebäude in der Krausenstraße in die Zuständigkeit der sogenannten Deutschen Treuhandstelle zur Verwaltung des polnischen und jüdischen Vermögens im Sowjetischen Besatzungssektor.

wiedervereinigung Dinas Mutter, Aviva Gold geb. Wolff, hatte kurz vor Ablauf der offiziellen Frist im Oktober 1990 ihren Anspruch formal beim Vermögensamt (AROV) geltend gemacht. Ihn durchzusetzen, war allerdings schwierig. »Die Behörden haben uns überall Steine in den Weg gelegt und unsinnige Nachweise verlangt, um die Sache zu verzögern. Sie wollten sogar einen Totenschein für Fritz Wolff, der in Auschwitz umgebracht wurde«, empört sich Gold. »Insgeheim haben sie wohl gehofft, dass meine Mutter sterben würde. Sie haben sich echt nicht mit Ruhm bekleckert.«

1996 bekam die Familie das Gebäude zurück und übereignete es der Bundesrepublik Deutschland. Heute wird es von der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben verwaltet und ist einer der Dienstsitze des Umweltministeriums. Das heutige Ministerium für Verkehr und Digitale Infrastruktur, das 1990 seinen Hauptsitz in der Krausenstraße 17/18 hatte, nutzt ebenfalls einige Büros in dem Gebäude.

Dina Gold hat den jahrelangen Kampf um das Gebäude in ihrem jüngst veröffentlichten Werk Stolen Legacy dokumentiert. Die erfolgreiche Restitution beendete zwar ihre Familiengeschichte, nicht aber das Buch – im Gegenteil. Ihre Recherchen führten Gold zur Victoria‐Versicherung, die Darlehensgeberin für das Gebäude Krausenstraße 17/18, und insbesondere zu ihrem damaligen Generaldirektor Kurt Hamann. Der hatte den Posten 1935 übernommen, nachdem sein – jüdischer – Vorgänger, Emil Herzfelder, entlassen worden und nach Großbritannien emigriert war, und behielt ihn bis zum Jahre 1968. Aus Anlass seines 80. Geburtstags wurde 1979 eine Stiftung an der Universität Mannheim in seinem Namen errichtet.

Gold fand heraus, dass Kurt Hamann in einem offiziellen Dokument der britischen Regierung von 1944 mit dem Titel Who is Who in Nazi‐Germany als führende Persönlichkeit auf dem Gebiet Banken, Finanzen und Versicherungen gelistet war und dem Ehrenausschuss des »Haus Der Deutschen Kunst« angehörte. Konfrontiert mit diesen Erkenntnissen, so Gold, ging die Rechtsnachfolgerin der Victoria, die Ergo‐Versicherungsgruppe, in die Defensive. »Sie betonten, dass Hamann nie Mitglied der NSDAP gewesen war – was ich nie behauptet hatte«, sagt Gold. Historikern zufolge hatten in der Regel jedoch nur ideologietreue Personen solche Führungspositionen inne. Der Historiker Gregory J. Murphy schreibt in einer Analyse der Aufzeichnungen des Office of Military Government for Germany, US (sogenannte OMGUS‐Akten), dass die Nazis der Kapitalreserven der deutschen Versicherungsunternehmen dadurch habhaft geworden seien, indem sie die Führungspositionen mit vertrauenswürdigen Parteigenossen besetzt hätten.

allianz‐konsortium Der Jüdischen Allgemeinen sagte ERGO‐Pressesprecherin Uta Apel – offenbar als Entlastung gemeint –, Hamann sei mit seinem Vorgänger Emil Herzfelder »freundschaftlich verbunden« gewesen, der ihm im Jahre 1945 sogar eine »Empfehlung« ausgesprochen habe. Ob Hamann seinem Freund Herzfelder, der 1935 nach Großbritannien emigriert war, allerdings erzählt hat, dass sich die Victoria unter seiner Leitung maßgeblich am sogenannten Allianz‐Konsortium beteiligte, das mit nicht ausgezahlten Lebensversicherungen deportierter Juden sowie Policen für Betriebe und Gebäude der Arbeits‐ und Vernichtungslager Profite in Millionenhöhe machte, ist ungewiss.

»Vor diesem Hintergrund erscheint auch die Behauptung der ERGO, die Victoria habe nur eine untergeordnete Rolle in der von den Nazis kontrollierten Wirtschaft gespielt, untertrieben«, sagt Gold.

verdienst Hamann wurde zweifach mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet, was über seine Rolle vor 1945 jedoch nichts aussagt. In der Vorschlagsbegründung aus dem Jahre 1953 heißt es, er habe bei der Victoria »hervorragende Verdienste um den Wiederaufbau der Versicherungswirtschaft« erworben und sei mit weiteren »führenden Persönlichkeiten der deutschen Versicherungswirtschaft« wie dem »Vorstandsmitglied der Allianz, (…) Hans Parthier« gleichzustellen.

Die Vorschlagsbegründung 1978 betont – neben des »tatkräftigen Beitrags zum Wiederaufbau der Berliner Wirtschaft« – Hamanns Engagement in verschiedenen Verbänden der Versicherungswirtschaft, in der Industrie‐ und Handelskammer und als Aufsichtsrat – beispielsweise der Münchner Rück (ebenfalls Mitglied im damaligen Auschwitz‐Konsortium) und der Dresdner Bank.

Zu den Hintergründen des Zwangsverkaufs der Immobilie Krausenstraße 17/18 im Zuge der Arisierung sei der ERGO »keine Aussage möglich«, so Apel, da »kriegsbedingt nahezu sämtliche Originalvertragsakten verloren« gegangen seien. Apel bestätigte aber, Dina Golds Buch zu kennen und wies darauf hin, dass die ERGO sie »leider erfolglos« eingeladen hätte, sich im historischen Archiv des Unternehmens ein eigenes Bild zu machen.

Dina Gold weiß allerdings nichts von einer solchen Offerte: »Ich bekam zu keinem Zeitpunkt Zutritt zum Archiv angeboten, sondern nur die Übersendung eines Exemplars einer Festschrift aus dem Jahre 2003, das ich schon hatte.«

Die ERGO will offenbar nicht weiter in Aufklärung investieren – anders die Universität Mannheim, der die ganze Angelegenheit sichtlich unangenehm ist. »Sie waren entsetzt, als sie von meinen Recherchen erfuhren«, sagt Gold. Der Rektor, Ernst‐Ludwig von Thadden, habe ihr einen Brief geschrieben und seinen Willen bekundet, die Rolle von Kurt Hamann und die Frage nach seiner Schuld untersuchen zu lassen. Uni‐Pressesprecherin Katja Bär teilt mit, dass von Thadden der ERGO vorgeschlagen habe, eine wissenschaftliche Untersuchung zu Kurt Hamann aus Stiftungserträgen mit Zuschuss der ERGO zu finanzieren, woraufhin die ERGO nur die Nutzung ihres Archivs angeboten habe. Thadden, der Stiftungsvorstand ist, hat für den 8. Dezember eine Sitzung des Stiftungsrates – in dem auch zwei ERGO‐Vorstände in der Nachfolge der Victoria sitzen – anberaumt, in der ein ERGO‐Archivar berichten soll.

gedenken Stuart Eizenstat schreibt in seinem Vorwort zu Stolen Legacy, Golds Geschichte sei ein Beweis dafür, dass der Holocaust und das »Drängen auf die Rückübereignung von in der Vergangenheit Verlorenem aktueller denn je« ist. Dina Gold eröffnet ein neues Kapitel von Raub und Restitution – und dem Umgang deutscher Unternehmen mit ihrer Vergangenheit:

Waren sie Befehlsempfänger oder Erfüllungsgehilfen des NS‐Staats bei der Enteignung jüdischen Vermögens? Die Allianz beauftragte seinerzeit – wenn auch vor dem Hintergrund von Sammelklagen in den USA und entsprechendem öffentlichen Druck – eine Wirtschaftsprüfungsgesellschaft und einen Historiker, die Geschichte der Allianz in der NS‐Zeit aufzuarbeiten. »Andere sollten diesem Beispiel folgen«, sagt Gold. Neben Aufklärung will sie vor allem eines: eine Gedenktafel am Gebäude Krausenstraße 17/18. »Auf meine Anfrage an den damaligen Verkehrsminister Peter Ramsauer sagte mir einer seiner Mitarbeiter die Tafel fest zu. Trotz mehrfacher Nachfragen warte ich noch heute«, sagt Gold.

Eins nimmt sie bereits jetzt aus der Geschichte mit: die Erkenntnis, dass »der kleine Mann« gewinnen kann. »Meine Eltern hielten es für größenwahnsinnig, sich mit einer Regierung anzulegen«, erzählt Gold schmunzelnd. Die American Bar Association (amerikanische Anwaltskammer), die das Buch veröffentlicht hat, schreibt in ihrer Einführung, es sei nie zu spät, das Andenken der Vorfahren zu ehren und gegen Ungerechtigkeit zu kämpfen. Stolen Legacy ist bislang nur auf Englisch erhältlich. Die Veröffentlichung einer deutschen Übersetzung wird gerade geprüft.

Dina Gold: »Stolen Legacy – Nazi Theft and the Quest for Justice at Krausenstrasse 17/18, Berlin«. Ankerwycke/American Bar Association 2015, ca. 26,95 US‐Dollar

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