Interview

»Dieses Land hat keine Zeit«

Sara Klatt, 1990 geboren, fotografierte unter anderem für die israelische Agentur »Flash 90«. Foto: Stephan Pramme

Interview

»Dieses Land hat keine Zeit«

Die Fotojournalistin Sara Klatt über Israel, ihren ersten Roman und Namen als Identitäten

von Joshua Schultheis  19.09.2024 16:19 Uhr

Frau Klatt, Sie sind Fotojournalistin, für Ihre autofiktionale Geschichte »Das Land, das ich dir zeigen will« haben Sie aber die Form des Romans gewählt. Was kann Prosa, das Fotografie nicht kann?
Fotografie war immer das Medium meines Ausdrucks, und sie hat mir oft den Zugang zu anderen Lebenswelten geöffnet. Ich habe zum Beispiel bei den Beduinen in den judäi­schen Hügeln, die auch im Roman vorkommen, viel Zeit verbracht, und mit zunehmendem Vertrauen haben sie mich mehr fotografieren lassen. Trotzdem änderte sich im Raum immer die Stimmung, wenn ich die Kamera auspackte. Irgendwann hatte ich den Wunsch, als Sara dort hinzugehen und nicht mehr als Fotografin. Die Kamera habe ich dann im Rucksack gelassen, und plötzlich erzählten die Menschen Geschichten aus einer anderen Intimität heraus. Ich habe sie mir einfach angehört und zur Erinnerung werden lassen. Mir gefiel, dass ich nicht mehr das Gefühl hatte, jede Szene gleich fotografieren zu müssen. Stattdessen konnte ich die Geschichten irgendwann mit allen Freiheiten des fiktionalen Schreibens zu Papier bringen. Aus diesem Impuls heraus habe ich angefangen, Literatur zu machen.

In Ihrem Roman geht es um eine junge Frau aus Deutschland, die nach Israel gezogen ist. Dort begibt sie sich auf die Spuren ihrer deutsch-jüdischen Familie und versucht, ihre eigene komplexe Identität besser zu verstehen. Entstanden ist Ihr Buch bereits vor dem 7. Oktober 2023. Gibt es das Land, das Sie darin beschreiben, heute noch?
Ja, aber verwandelt und anders. Ich beschreibe viele verschiedene Israels in meinem Buch: das Israel meines Großvaters der 40er-Jahre, das meines Vaters in den 60ern, mein Kindheitsisrael, das meiner Jugend und das Israel der Gegenwart. Natürlich ist es immer das gleiche Land, aber es trägt stets ein anderes Gewand. Auf dem Cover-Foto, das 1997 entstanden ist und den Strand von Tel Aviv zeigt, sieht man das gut: Dort stehen heute Wolkenkratzer, und es ist trotzdem noch der gleiche Strand, auch wenn er sich komplett verändert hat. Dieses Land hat keine Zeit, es rennt durch seine Geschichte. Ich habe das Gefühl, dass nirgendwo die Zeit so schnell vergeht wie in Israel.

Die Sprache in Ihrem Roman ist schlicht und klar: wenige Nebensätze, einfache Adjektive. Würden Sie für ein Buch über Israel nach dem 7. Oktober eine andere Sprache wählen?
Ich habe tragischerweise gerade gar keine Sprache mehr. Seit dem 7. Oktober habe ich keinen literarischen Satz mehr in meinem Kopf. Eine Sprache über den 7. Oktober müsste ich erst finden. Das gilt aber vielleicht für jeden Text. Für meinen Roman habe ich auch viel ausprobiert, bis ich die richtige Form gefunden hatte.

Wie haben Sie das gemacht?
Ich schreibe in dem Buch viel über die Schoa und nutze dafür auch die Erinnerungen meines Großvaters, wie er sie mir erzählt hat. Über diese schrecklichen Ereignisse zu schreiben, ist schwer. Adjektive schwächen die Erzählung häufig ab, anstatt sie eindrücklicher zu machen. Also habe ich irgendwann angefangen, in den Textstellen, wo es um die Schoa geht, alle Adjektive herauszustreichen, und zurück blieb nur die nackte Tatsachenbeschreibung. Danach hatte ich das Gefühl: Ja, das ist es, das wird der Sache am gerechtesten.

Ihr Roman ist auch eine Liebeserklärung an Tel Aviv, wo die Protagonistin »S.« die eine Hälfte der Woche lebt. Was macht diese Stadt so besonders?
Die Stadt hat eine Magie, die ich nie wieder irgendwo anders gefunden habe. Ich habe dort viel Zeit in meiner Jugend verbracht und bin mit der Stadt sozusagen erwachsen geworden. Tel Aviv und Berlin, wo ich heute lebe, sind Schwesterstädte. Sie ähneln sich in sehr vielem. Aber in Tel Aviv hat man nicht nur besseres Wetter, es gibt dort auch eine ganz andere Energie und Aggressivität. Man hat hier nie seine Ruhe. Wenn du auf dem Rothschild-Boulevard sitzt und Falafel isst, dann kommt ständig jemand vorbei und fragt: »Wie ist das Falafel?« oder: »Kann ich mich dazusetzen?«, »Was machst du so?«, »Wie gehtʼs dir so?«. Ich liebe das. Man ist sofort im Gespräch miteinander, und das löst bei mir ein Gefühl von Lebendigkeit aus.

Die andere Hälfte der Woche lebt »S.« in Jerusalem, einer Stadt, die kaum verschiedener zu Tel Aviv sein könnte.
In dem Buch beschreibe ich Tel Aviv und Jerusalem als entfernte Verwandte, die eigentlich nicht viel miteinander anfangen können und sich nicht verstehen. Doch zwischen beiden Städten liegt nur eine Dreiviertelstunde Fahrt. Ich liebe diese Kontraste. An Jerusalem gefallen mir die Farben und die Religiosität der Stadt. Ich bin selbst nicht religiös, aber in Jerusalem habe ich das Gefühl, dass die Leute mir etwas von ihrem Glauben abgeben. Wenn dort an Schabbat alles stillhält, entsteht ein kollektives Gefühl von »Jetzt«.

In welcher der beiden Städte sind Sie persönlich lieber?
Das kann ich wirklich nicht sagen. Beide Städte haben auch Nachteile: Das Leben in Jerusalem ist härter aufgrund der ganzen politischen und religiösen Kontroversen in der Stadt. In Tel Aviv kannst du zwar gut der Realität entfliehen, dafür ist das Leben dort unbezahlbar. Und wenn man so wie ich immer sehr wenig Geld hat, dann wohnt man in irgendeinem Zwölf-Bett-Zimmer ohne Fenster, aber dafür mit Kakerlaken.

Die Namen der Protagonisten spielen in Ihrem Roman eine große Rolle. Oft wird deren Wortherkunft thematisiert, manche Namen werden von zwei Figuren getragen, andere ändern sich im Laufe deren Lebens. Was sagen Namen über ihre Träger aus?
Namen sind Identität. Besonders deutlich hat sich das für mich bei zwei Gruppen gezeigt. Einmal bei Aussteigern aus der jüdischen Orthodoxie. Das ist ein Thema, mit dem ich mich als Fotojournalistin sehr viel beschäftigt habe. Fast alle Aussteiger, die ich getroffen habe, haben sich neue Namen gegeben. Manche wählen die Kurzform ihres alten Namens: Aus Menucha wird Menuchi, aus Avraham wird Avi. Andere benennen sich etwa von Chaim in James um, einfach, weil es cool ist.

Und die zweite Gruppe?
Das sind Schoa-Überlebende, die aus Europa nach Israel oder in die USA gegangen sind. Sie passen ihre Namen an die dortigen Gepflogenheiten an, was nur bedingt selbstgewählt ist, schließlich wurden sie aus ihrer alten Heimat vertrieben. Doch sie mussten in ihrer neuen Heimat irgendwie klarkommen, und das hieß für sie auch, ihre Namen zu ändern. Mein Großvater, der auch die Vorlage für die Großvater-Figur im Roman ist, wurde als Fritz Shalom geboren. Als er nach Israel kam, sagte er: Jetzt nenne ich mich Moshe. Eigentlich nannten ihn aber alle nur Aba. So sammelte er im Laufe seines Lebens verschiedene Namen. Und so wie sein Name ist auch seine Identität aus verschiedenen Teilen zusammengesetzt.

Der Name der Protagonistin Ihres Romans wird nie ausgeschrieben. Steht »S.« womöglich für »Sara«?
Vielleicht.

Nur vielleicht?
Dieses Buch ist sehr nah an meiner Biografie. Ich wollte aber nicht, dass meine Prota­gonistin genauso heißt wie ich. Ich wollte eine Figur, die ich aus mir herausschreibe.

Mit der Autorin und Fotografin sprach Joshua Schult­heis. Sara Klatt: »Das Land, das ich dir zeigen will«. Penguin, München 2024, 400 S., 24 €

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