Zeitzeugen

»Diese Wahrheit darf nicht verschwinden«

Sally Perel Foto: Gregor Zielke

Zeitzeugen

»Diese Wahrheit darf nicht verschwinden«

Sally Perel hat als Hitlerjunge die Schoa überlebt. Heute kommt er mehrmals im Jahr nach Deutschland und erzählt Schülern seine Geschichte

von Christine Schmitt  26.01.2015 09:12 Uhr

Herr Perel, Sie mussten als Kind vor den Nazis fliehen, überlebten als Hitlerjunge in einem Internat die Schoa. Mehrmals waren Sie damals in Lebensgefahr – ein Stück Seife sollte Ihnen in den Waschräumen helfen, nicht als Jude als erkannt zu werden. Haben Sie diese Geschichte auch den Schülern, vor denen Sie gesprochen haben, erzählt?
Ja. Ich berichtete über die Maßnahmen, die ich beim gemeinsamen Duschen unternommen habe – ich war ja in einer Hitlerschule in Niedersachen. Ich nahm die Seife und rechnete mit Schaum, sodass keiner sehen konnte, dass ich beschnitten bin. Aber es war eine Einheitsseife, die nicht schäumte. Es waren schreckliche Momente. Heute kommt es mir beinahe lustig vor, aber damals war es nicht zum Lachen.

Wie haben die Schüler reagiert?
Sie sind immer begeistert. Sie hören eine echte Erzählung aus erster Quelle, authentisch, voller Wahrheit. Und das finden sie außergewöhnlich wichtig. Ich gebe ihnen gewisse Botschaften mit. Ich sage auch: Ab jetzt seid ihr ebenso Zeitzeugen. Gebt es weiter an eure Kinder und Kindeskinder. Diese Wahrheit darf nicht verschwinden. Das nehmen sie ernst und sind sehr betroffen. Ich hatte viele Schüler mit Tränen in den Augen.

Nehmen Sie immer derlei Reaktionen wahr?
Alle sind betroffen, das motiviert mich und gibt mir Kraft. Ich würde sagen, es ist zu meinem Lebensziel geworden, die Jugend zu warnen, weil ich mit den Erfahrungen meiner Vergangenheit gewisse Dinge rechtzeitig erkennen kann. Deshalb kann ich sie bitten, nicht wegzuschauen. Denn es fängt schon wieder so wie damals an.

Was meinen Sie damit, dass es wieder anfängt wie damals?
Die Neonazis marschieren wieder auf, ob es nun der NSU-Skandal, Pegida oder Anhänger ähnlicher Gruppen unter anderem Namen sind. Aber die Gefahr, die davon ausgeht, muss entlarvt werden.

Sie verfolgen aufmerksam, was in Deutschland passiert, obwohl Sie in Israel leben?
Ja, Deutschland bleibt mein Mutterland, und Israel wurde mein Vaterland. Ich wuchs in Peine in Niedersachsen auf. Mein Vater war Rabbiner, arbeitete aber später im Schuhgeschäft.

Sie werden im April 90 Jahre alt. Trotz Ihres Alters kommen Sie zweimal im Jahr nach Deutschland.
Ja, das ist mir sehr wichtig. Solange mich meine Füße tragen, mache ich das.

Nach der Schoa wollten Sie weg aus Deutschland.
Ja, ich wollte in kein anderes Land als nach Israel, um nie wieder als Minderheit leben zu müssen. Ich war aber kein Zionist.

Heute können Sie ihre alte Heimat unbefangen betreten?

Die Jugend ist nicht dafür verantwortlich, was damals geschah. Deshalb sind sie meine Adressaten, und dafür komme ich gerne nach Deutschland. Meine Geschichte ist auch ein kleiner Krimi, was für die Jugendlichen besonders interessant ist. Ich war damals zwischen 14 und 18 Jahre alt, so alt wie die Jugendlichen heute – das interessiert sie.

Ihr Vater hatte Ihnen auf den Weg gegeben, sich selbst und dem Judentum treu zu bleiben. Ihre Mutter sagte, dass Sie überleben sollen.
Das ist der Mittelpunkt meiner Erzählung. Zwei Botschaften, die nachher gegeneinander standen. Als ich gefragt wurde, ob ich Jude bin, folgte ich meiner Mutter und verneinte. Mein Vater wollte auch, dass ich lebe. Er dachte, mit dem Glauben würde er mir mehr Kräfte geben. Wir wissen aber heute, dass der Glaube bei den Nazis kein Gewicht hatte.

Tauschen Sie sich mit anderen Zeitzeugen aus?

Früher schon. Nun ist es nicht mehr möglich, da alle verstorben sind. Ich bin der Letzte. Auch von meinen ehemaligen Hitlerjugend-Kameraden lebt keiner mehr. Unser Jahrgang geht davon.

Wie kann man mit dieser Vergangenheit, der Zerrissenheit, als Jude die falsche Identität eines Hitlerjungen annehmen zu müssen, leben?
Man muss die Balance finden. Ich führte ein Doppelleben. Wenn man über den Holocaust redet, sagt man, die Juden waren die Opfer und die Deutschen die Täter. Ich war beides. In dem Moment, in dem ich eine Hitlerjugenduniform angezogen hatte, wurde ich mein Feind – ich musste mich selbst überleben. Und dann entstanden Schutzmechanismen. Man kommt aus solchen Jahren nicht unbeschädigt heraus. Kein Holocaust-Überlebender konnte ein normales Leben führen. Es ist alles überschattet. Das Buch zu schreiben, war für mich eine Therapie.

Mit dem Schoa-Überlebenden sprach Christine Schmitt.

Programm

Kleine Großstadtdektive, ein musikalischer Golem und Gespräche: Termine und TV-Tipps

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 5. bis zum 12. März

 03.03.2026

Kult-Comics

80 Jahre Lucky Luke: Der Cowboy mit dem smarten Pferd

Zwar trägt Lucky Luke keinen Davidstern. Der jüdische Autor René Goscinny trug aber entscheidend zum Witz und dem großen Erfolg der Serie bei

 03.03.2026

Berlin

Tuttle will bei Berlinale bleiben - ist der Streit vorbei?

Die US-Amerikanerin Tricia Tuttle leitet das renommierte Filmfestival seit 2024. Nach Vorwürfen und Kontroversen legt sie sich fest: Sie will weitermachen. Aber längst nicht alle Fragen sind geklärt

von Verena Schmitt-Roschmann, Sabrina Szameitat  03.03.2026

Berlin

Weimer: »Auf gutem Weg« zu zukunftsfester Berlinale

Die US-Amerikanerin Tricia Tuttle will Leiterin des Filmfestivals bleiben. Der Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien reagiert knapp

 03.03.2026

Berlin

Tuttle: Will »in vollem Vertrauen« Berlinale-Chefin bleiben

Nach politischen Kontroversen wird lebhaft über die Zukunft der Berlinale diskutiert - und die ihrer Chefin. Im Interview erklärt Tricia Tuttle, wieso sie im Amt bleiben will

von Sabrina Szameitat  03.03.2026

Potsdam

Zentrum für jüdischen Film wird eröffnet

An der Filmuniversität Babelsberg soll Lea Wohl von Haselberg ein neues Zentrum für jüdischen Film und audiovisuelles Erinnern leiten

 03.03.2026

Doppel-Interview zu Holocaust-Forschung

»Wir streiten uns nicht über die Fakten«

Seit Wochen tobt im Feuilleton ein Streit über den Stellenwert der Kollaboration in den von Nazi-Deutschland besetzten Ländern. Erstmals diskutieren die Hauptprotagonisten, die Schoa-Historiker Jan Grabowski und Stephan Lehnstaedt, direkt miteinander

von Ayala Goldmann, Michael Thaidigsmann  03.03.2026

Berlin

Wirbel um Berlinale-Chefin: Tricia Tuttle hält an Amt fest

Wie geht es weiter bei der Berlinale? Es wurde lebhaft über die Zukunft des Filmfestivals und die Intendantin diskutiert. Nun äußert sie sich erstmals selbst dazu

 03.03.2026

Glosse

Der Rest der Welt

Purim-Stress? Absolut zu empfehlen!

von Nicole Dreyfus  02.03.2026