Jerusalem

»Diese Stadt ist ein Irrenhaus«

In Jerusalem fühlen viele Menschen sich – vielleicht zu? – nah bei Gott: chassidischer Prediger mit Charedipuppe Foto: Uwe Stolzmann

Das Café Kalo südlich der Jerusalemer Altstadt ist ein wunderlicher Ort, ein Museum der benutzten Dinge. Da hängt eine Wanduhr wie aus dem Berlin der Zwanziger; ein Röhrenradio beschweigt die unerhörten Nachrichten; auf einem Sofa, gelb und plüschig, schläft eine Katze. Die Zeit steht still für einen Moment – Gelegenheit, über diese Stadt nachzudenken. Jerusalem. Wie sehen Israels Schriftsteller, die Stimmgewaltigen, diesen Ort der vielen Stimmen?

Mira Magén Verabredung mit Mira Magén. Die Erzählerin lebt in Jerusalem, das Kalo ist ihr Lieblings-Café, aber wo ist sie? Sie sitzt schon eine Weile still in einem Winkel, die Bluse weiß mit Spitzen, das Jäckchen schwarz wie ihr Haar, das Kettchen golden. »Wer ich bin? Frau, Mutter, Ehefrau, Schriftstellerin, Jüdin. Und dann Israeli.« Magén, geboren in den Fünfzigern, kommt aus einer kleinen Ortschaft nordöstlich von Tel Aviv. Das Haus der Eltern stand allein, am Haus lagen die Felder mit Orangen, Äpfeln, Avocados. Ihre Kindheit, das war der Geruch des Vaters nach Ackerkrume und Früchten, das war sein Gesang früh um fünf, das Gebet des orthodoxen Juden. »Ich lag im Bett und lauschte der Musik. Sie begleitet mich bis heute.«

Mira Magén mag die orthodoxen Bräuche, doch sie hadert mit den Charedim in Jerusalem. »Das sind Fanatiker. Du kannst mit ihnen nicht diskutieren. Sie sagen nur: ›Gott bestimmt.‹« Einmal, sie saß mittags an ihrem Schreibtisch, fiel es ihr auf: Diese Stadt ist verrückt. »Von einer Seite hörte ich Kirchenglocken, von der anderen Seite einen Muezzin und den Gesang jüdischer Kinder. Der Friede des Himmels über Jerusalem wurde gestört. Vertreter dreier Religionen klopften lautstark bei IHM an.« Und, haben die Gottsucher Gott erreicht? »Nein«, erwidert Mira Magén. »Sie versuchen es immer wieder. Aber sie schaffen es nicht.«

Yiftach Ashkenazi Muss man selbst verrückt sein, um in Jerusalem zu leben? Ja, sagt der Erzähler Yiftach Ashkenazi, Jahrgang 1980. Treffpunkt in der Shoppingmall gleich an der Stadtmauer. Was ist das Besondere an dieser Stadt? Nichts, meint Ashkenazi. »Ich führe eine normale Existenz. Ich arbeite, treffe Freunde, gehe in die Bar. Manche Leute sagen: Wie kannst du so leben – in einer Konfliktzone? Aber Israel ist überall Konfliktzone!«

War Ashkenazi bei der Armee? Ja. Im Krieg? Ja, im Libanon, Mai 2000, beim Rückzug. Über dem Rotwein wird Jerusalem der Ort, an dem ein Dichter plötzlich vom Töten spricht, über die Stille vor dem ersten Schuss, über den Adrenalinschub bei dem Gefühl, Herr zu sein über fremdes Leben. »Du genießt den Moment. Und dann kommt die Scham: Du bist ein Killer.«

Ashkenazis Familie kam vor 300 Jahren ins Land. Sein Großvater schnitt sich die Pejes ab; er mochte kein Orthodoxer mehr sein. Was ist das Schlimmste an Jerusalem? Genau dies, sagt Yiftach Ashkenazi: die Borniertheit der Ultraorthodoxen. Und die Stadtverwaltung. »Sie hat meine Hündin eingesperrt, fünf Tage lang, weil sie auf der Straße einen Haufen machte. Die Ultras sagen: ›Kämpft für Jerusalem!‹ Ich schaue lieber nach meinem Hund. Wenn du dich um die kleinen Probleme kümmerst, löst sich manch großes Problem von allein.«

eshkol nevo »Jerusalem ist eine Stadt, die dir das Herz öffnet«, meint ein Mann über seinem Cappuccino – Eshkol Nevo, Jahrgang 1971, schlank und sportlich, Autor von sechs Romanen. Der jüngste, Neuland, sorgt gerade für Furore. Nevo wurde in Jerusalem geboren. »Das ist eine erotische Stadt. Meine romantischsten Momente habe ich hier erlebt. Das ist ein heiliger Ort, auch wenn ich nicht an Gott glaube. Haben Sie vom Jerusalem-Syndrom gehört? Manche Besucher flippen hier aus. Sie glauben, sie seien der Messias.« In seinem allerersten Buch hat Eshkol Nevo von Jerusalem erzählt. Von Israelis, die in einem Park Fußball spielen, gute Freunde, bis sie laut werden und dann gewalttätig. »Die Vergangenheit bedrängt dich. Es ist schmutzig. Aber so schön!«

Vielleicht muss man fort, um Jerusalem zu erkennen. Der Reisende fährt eine Stunde durch eine Landschaft, die schon das Meer beschwört: weite Dünung, weiche Wellen bis zum Horizont. Er sieht die Mauer, die die einen im Land von den anderen trennt, sieht Felder, auf denen Steine wachsen. Irgendwer fragt: »Und um diese Steine führen sie Krieg?«

joshua Sobol Treffpunkt in einem Café in Tel Aviv. In der Nähe liegt ein metaphorischer Punkt: der Rabin Square – jener Platz, auf dem 1995 Premier Yitzhak Rabin erschossen wurde. Von einem Nationalreligiösen.

»Ich mag Jerusalem nicht«, sagt Joshua Sobol. »Es ist mit Widersprüchen überladen.« Der Dramatiker, geboren 1939, weißbärtig, eloquent, kennt die Stadt gut, er hat dort an der Filmschule unterrichtet. Ein Sobol-Stück von 1987 hieß Das Jerusalem-Syndrom: Ein Krieg ist vorbei, Jerusalem zerstört. Die Überlebenden – oder sind es Irre? – spielen Theater, ein Stück über die Revolte der Juden gegen die Römer im Jahr 66 u.Z. Und siehe, plötzlich erinnern die Juden von damals an die Palästinenser von heute. »Die Leute verstanden die Metapher«, sagt Sobol. Die Rechten attackierten ihn damals deshalb so heftig, dass er das Land für Jahre verließ.

Wie kann man die Widersprüche lösen? Sobol hat Vorschläge, so radikal wie seine Stücke. »Die Regierung behauptet: Jerusalem ist unsere ewige, unteilbare Hauptstadt. Unteilbar? Wieso? Natürlich kann man sie teilen!« Vorschlag zwei: Ein Rat religiöser Autoritäten sollte die heiligen Stätten verwalten, der Rest der Stadt aber ein säkulares Leben führen. »Jerusalem wird als Metapher missbraucht. Aus diesem Grund werden wir nie Frieden haben. Wenn die Stadt uns das antut, kann ich nur sagen: Fuck Jerusalem!«

lizzie doron »Ich könnte nicht in Jerusalem leben«, meint Lizzie Doron, Jahrgang 1953, in Tel Aviv. Es ist Schabbat, ein Samstag mit viel Sonne. Jerusalem sei eine Art Labor, glaubt Doron. »Irgendwer testet, wie man Menschen gegeneinander aufbringt. Alle lieben sie Gott, und alle hassen sie einander. Ich fühle mich dort wie im Gefängnis der Geschichte. Ich bin sowieso neurotisch. Aber in Jerusalem bin ich neurotisch und paranoid.«

Doron schreibt verstörend schöne Bücher über die Schoa, über die Traumata der Überlebenden – und die der nächsten Generation. Ihre Mutter war im KZ, nicht nur in einem, »in vielen«, sagt die Schriftstellerin, und dann lacht sie, lacht lange und laut. Lachen schützt vor dem Grauen. Lizzie Doron, könnte man sagen, ist eine geborene Expertin in Sachen Wahn und Fanatismus. Israel? Ein Irrenhaus traumatisierter Juden, stellt sie fest. Und Jerusalem? Heimstatt von Psychotikern.

Vielleicht sollte man die Heilige Stadt nicht beschreiben, sondern malen; vielleicht zeigt sie dann ihr Gesicht. Joshua Sobol würde Ocker wählen. Eshkol Nevo wäre lieber Musiker. Als Liebeslied würde seine Hymne beginnen, mit einer Oud, einer arabischen Laute. »Dann wird es laut. House Music.« Am Ende stünde wieder die Oud, leise und allein. Lizzie Doron möchte eher fotografieren, auf einem Friedhof. »Denn das ist Jerusalem: ein Friedhof.« Mira Magén würde gern den Himmel über der Stadt malen. »Der hat dort ein tieferes Blau. Und am Abend ein besonderes Licht.« Es bräuchte noch etwas auf ihrem Bild, sagt sie, als Symbol der Gottesliebe: etwas Abstraktes. Und Steine. Denn Steine sind die Ewigkeit.

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