Die Willkür von Symbolen

Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS

Während meiner Asienreise stellte ich mir immer wieder die folgende Frage: Was verleiht Symbolen, die den öffentlichen Raum dominieren, eigentlich ihre Bedeutung? Wann werden sie als Bedrohung wahrgenommen? Wie transformieren sie sich von einfachen Zeichen hin zu Botschaften, die einschüchtern, weil in ihnen explizit zur Vernichtung aufgerufen wird, weshalb es sich auch um Ausdrucksformen einer menschenverachtenden Ideologie handelt?

Die sogenannte Swastika ist dafür ein Beispiel. In Japan ziert dieses Zeichen buddhistische Tempel-Ornamente, findet sich auf Landkarten, in der U-Bahn und in Graphic Novels. Archäologische Funde aus der Region rund um Jericho belegen, dass es schon vor rund 9000 Jahren benutzt wurde. Es taucht nicht nur als Glückssymbol in der buddhistischen Kultur auf, so wie bis heute eben in Japan, sondern war auch weltweit mit unterschiedlichsten Bedeutungen versehen.

Ich weiß das. Dennoch löst die Swastika bei mir zunächst Irritation aus. So muss ich darüber lachen, wie »cute« etwas aussehen kann, das ich mein Leben lang mit Vernichtung assoziiert habe. Denn ab dem 19. Jahrhundert wurde das Zeichen von völkisch-nationalistischen Bewegungen vereinnahmt. Für die rassistische und antisemitische Ideologie, mit der die Nationalsozialisten den millionenfachen industriellen Massenmord legitimierten, steht kein anderes Symbol so eindeutig wie das Hakenkreuz.

Ich muss darüber lachen, wie »cute« etwas aussehen kann, das ich mein Leben lang mit Vernichtung assoziiert habe.

Es gibt ein weiteres Zeichen, das in Japan auf Fensterfronten zu finden ist – jedoch in der Regel nicht aus den Gründen, weswegen es vom Bundesinnenministerium nach dem 7. Oktober 2023 verboten wurde, und zwar das nach unten spitz zusammenlaufende rote Dreieck. Das propalästinensische Lager argumentiert, es handele sich dabei lediglich um einen Ausdruck der Solidarität, inspiriert von der palästinensischen Flagge. Man findet es auf Demonstrationen, auf Bannern und Regenbogen-Stirnbändern sowie an Häuserwänden von Universitäten, Medienhäusern und jüdischen Gemeinden.

Die Hamas nutzt dieses Zeichen unmissverständlich, um ihre Feinde zu markieren und »legitimen Widerstand« zu propagieren, etwa am »Tag des Zorns«, als eine Woche nach dem 7. Oktober zu Angriffen auf Juden weltweit aufgerufen wurde.

In der Ideologie der Hamas ist das Feindbild eindeutig. Wir wissen, wer gemeint ist. In Japan aber findet sich das rote Dreieck an Fenstern großer Gebäude, um im Brandfall der Feuerwehr zu signalisieren, durch welches Fenster sie am besten ins Haus kommen soll. Das Absurde: Durch ein solches Notfall-Kennzeichen fühle ich mich natürlich nicht bedroht. Letztlich ist nicht entscheidend, welche verschiedenen Bedeutungen ein Symbol haben kann. Der gezielte Einsatz vermeintlich harmloser Zeichen ist genau das, was sich menschenverachtende Ideologien zunutze machen, bis alle auf Linie gebracht sind.

Entscheidend ist also die Intention dahinter. Auf diese Weise kann ein Zeichen – unschuldig anmutend – zu einer globalen Bewegung werden, wie eine Welle, die harmlos erscheint, bis sie schließlich eine Schneise der Verwüstung hinterlassen hat. Machen wir uns nichts vor, Japan hat seine eigene Geschichte mit dem Faschismus. In dessen Folge wurden wohl auch Markierungen genutzt, die für mich im öffentlichen Raum unsichtbar bleiben. So ist es mit der Willkür von Symbolen. Im Kontext antisemitischer Bewegungen sind diese Zeichen deshalb für mich nicht harmloser geworden – eher im Gegenteil. Mit etwas Abstand wird die Absicht, die hinter ihrer Nutzung steckt, noch klarer.

Analyse

Historiker: Dirigent von Karajan kein Hitler-Sympathisant

Opportunist oder Gesinnungsnazi? Das historische Bild des Dirigenten Herbert von Karajan leidet seit Längerem unter seiner NSDAP-Mitgliedschaft. Der Historiker Michael Wolffsohn will ihn nun von mehreren Vorwürfen freisprechen

von Johannes Peter Senk  13.02.2026

Berlinale-Film

Special Screening: David Cunio in Berlin erwartet

Das Kino Babylon zeigt vier Monate nach der Freilassung der israelischen Hamas-Geisel eine neue Fassung des Films »A Letter To David«

von Ayala Goldmann  12.02.2026

Meinung

Schuld und Sühne?

Martin Krauß irritiert der Umgang mancher Medien mit dem »Dschungelcamp«-König Gil Ofarim

von Martin Krauß  12.02.2026

Kulturkolumne

»Konti: Mission BRD«

Meine Bewältigung der Einwanderung nach Deutschland: Wie ich als Immigrant ein Brettspiel entwickelte

von Eugen El  12.02.2026

Hollywood

Rachel Weisz spielt in Neuauflage von »Die Mumie« mit

Beim dritten Teil hatte die Schauspielerin eine Mitwirkung abgelehnt, da sie das Drehbuch nicht überzeugt hatte. Auf den neuesten Film müssen Fans noch etwas warten

 12.02.2026

Erfurt

Jüdische Kulturtage mit mehr Sichtbarkeit in Israel

Dank eines gewachsenen Netzwerks erwarten die Organisatoren von Thüringens größtem jüdischen Festival zahlreiche Künstler aus Israel

 12.02.2026

Filmfestspiele

Was die Berlinale diesmal bietet

Wieder läuft keine israelische Produktion im Wettbewerb. Dafür finden sich viele jüdische und israelische Perspektiven im gesamten Programm

von Sophie Albers Ben Chamo  11.02.2026

Berlinale

»Wir wollen die Komplexität aushalten«

Wenn die Welt um einen herum verrücktspielt, helfen nur Offenheit und Dialog, sagt Festivalchefin Tricia Tuttle

von Sophie Albers Ben Chamo  11.02.2026

Meinung

Oliver Pochers geschmacklose Witze über Gil Ofarim

Der Comedian verkleidet sich auf Instagram als Ofarim und reißt Witzchen über die Schoa. Während echte Komiker Humor stets als ein Mittel nutzen, um sich mit den Schrecken und Abgründen dieses Verbrechens auseinanderzusetzen, tritt Pocher nur nach unten

von Ralf Balke  11.02.2026