Literatur

Die Vorleserin

Will nicht in die jüdische Schublade gesteckt werden: Julya Rabinowich Foto: Margit Marnul

Wenn am 6. Juli in Klagenfurt die »35. Tage der deutschsprachigen Literatur« starten und damit der Lesewettstreit um den Ingeborg-Bachmann-Preis beginnt – eine der renommiertesten Auszeichnungen der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur – wird diesmal auch eine jüdische Zuwandererin aus der ehemaligen Sowjetunion mit am Start sein: Julya Rabinowich.

In der literarischen Szene ist sie seit 2009 bekannt. Damals erhielt Rabinowich den Rauriser Literaturpreis für ihr Romandebüt Spaltkopf, erschienen 2008 als Taschenbuch in dem kleinen Verlag edition exil. Dieser Preis sei wie ein Stein gewesen, »mit dem ich schnell und mit einem großen Knall durch die gläserne Decke gebrochen bin«, sagt die Autorin. Vorher sei sie nur im Bereich der Migrantenliteratur wahrgenommen worden.

»umgetopft« Rabinowich, 1970 in St. Petersburg geboren, das damals noch Leningrad hieß, wanderte mit ihren Eltern 1977 nach Österreich aus. »Entwurzelt und umgetopft nach Wien«, nennt sie das in ihrem offiziellen Lebenslauf. Tatsächlich hat sie in Österreich rasch Wurzeln geschlagen, vor allem sprachliche.

Sie studierte Dolmetschen an der Universität Wien, anschließend Malerei an der Hochschule für Angewandte Kunst. Danach arbeitete sie als Simultandolmetscherin in der Flüchtlingsbetreuung, ein Job, den sie bis heute macht. 2003 trat sie erstmals als Autorin in Erscheinung.

Sie gewann den Preis »Schreiben zwischen den Kulturen« des Verlags edition exil. 2007 wurde ihr Theaterstück »nach der Grenze« im Werkstätten- und Kulturhaus in Wien uraufgeführt. Acht Bühnenwerke sind es inzwischen geworden, darunter »Fluchtarien. Monolog für drei Stimmen und eine Tastatur« (2009) und »Stück ohne Juden« (2010), beide im Wiener Volkstheater in Szene gesetzt.

Zwischen den Kulturen: Das ist auch das Thema von Rabinowichs Romanerstling Spaltkopf, der Ende Juli bei Deuticke als Hardcover-Ausgabe wieder erscheint. Die Autorin schildert eine Kindheit in Russland, das Aufwachsen in einer jüdischen Intellektuellenfamilie, den Bruch mit der Heimat, das neue Leben in Wien. »Die Kindheitserinnerungen an Russland, das sind meine Erinnerungen.«

Im Deuticke Verlag ist auch im Februar dieses Jahres Rabinowichs zweiter Roman Herznovelle herausgekommen. Eine Frau wird von ihrem Mann zur Herzoperation ins Krankenhaus gebracht und rasch wird klar: die beiden leben nur nebeneinander her. Nach dem gelungenen Eingriff sucht die Frau nach dem Chirurgen, der ihr Herz berührt hat – und wird zur Stalkerin.

areligiös Jüdisches ist in diesem Roman nicht zu finden. Es ist – »im Augenblick – in einem der nächsten Bücher dann schon wieder« – nicht Rabinowichs Thema. »Das Judentum ist für mich im Großen und Ganzen ein luftleerer Raum, der sich nicht füllt, sondern ausdehnt.« Sie mag das Schubladendenken nicht, dem sie sich zeit ihres Lebens ausgesetzt fühlt. Das Label, das man ihr nach Erscheinen von Spaltkopf verpasste war »die russische Jüdin«. Dabei habe sie das Jüdische weniger interessiert, Thema sei vor allem das Russische gewesen.

Jüdische Feste feiert Julya Rabinowich nicht. Sie hat auch nicht vor, sich näher mit Religion zu befassen. Schon ihre Eltern seien nicht religiös gewesen, sagt die Autorin. Doch in Russland habe man zur Gruppe der Juden gehört, »egal, ob man wollte oder nicht – aber man hat gerne dazugehört«. Alle Freunde seien jüdisch gewesen.

Der Begriff »Jude« wurde allerdings nicht in den Mund genommen. »Angehörige« oder »Zugehörige« hätten die Erwachsenen gesagt. Julya Rabinowich erzählt, wie ihre Mutter, als die noch ein Kind war, ihren Eltern eines Tages eröffnete, sie wisse nun, wer so ein Zugehöriger sei – »ein gebildeter, angenehmer Mensch«. Hier sieht die Schriftstellerin auch heute noch am ehesten einen Anknüpfungspunkt zum Judentum: die Tradition, Bildung hochzuhalten. Diese habe man auch in ihrer Familie gepflegt.

Im Herbst 2012 soll Rabinowichs dritter Roman erscheinen, betitelt Erdfresserin. Eine Passage daraus wird die Schriftstellerin mit der markanten schwarzen Bobfrisur beim Wettlesen in Klagenfurt vortragen.

Viel will sie im Vorfeld inhaltlich nicht preisgeben, verrät aber doch: Erdfresserin schildere »eine Odyssee über innere und äußere Grenzen hinweg, die irgendwann nicht mehr zu unterscheiden sind«. Die Hauptfigur ist wieder eine Frau – »männliche Hauptfiguren ziehen mich wahrscheinlich nicht so an«. Und dann lacht Rabinowich: »Ich bin wohl mit meinen Recherchen am Mann noch nicht fertig.«

Die Lesungen des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs werden live im Kultursender 3sat übertragen.
www.3sat.de/page/?source=/kulturzeit/ specials/
154545/index.html

Eine Leseprobe aus Julya Rabinowichs »Herznovelle« finden Sie hier: www.hanser-literaturverlage.de/
buecher/buch.html?isbn=978-3-552-06158-3

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