»Shylock«

Die verpfändete Vorhaut

Erzählt zu Shakespeares 400. Todestag den »Kaufmann von Venedig« neu: der britische Schriftsteller Howard Jacobson Foto: dpa

»Shylock«

Die verpfändete Vorhaut

Howard Jacobson begibt sich mit seinem neuen Buch auf Shakespeares Spuren

von Welf Grombacher  25.04.2016 17:17 Uhr

Was kommt heraus, wenn britischer mit jüdischem Humor kollidiert? Ein Roman von Howard Jacobson. Anlässlich des 400. Todestages von William Shakespeare am 23. April hat der britische Verlag Hogarth Press zusammen mit dem Münchner Knaus-Verlag das »Hogarth Shakespeare Projekt« gestartet, bei dem zeitgenössische Autoren wie Margaret Atwood, Jo Nesbø oder Gillian Flynn berühmte Werke des englischen Nationalhelden neu erzählen. Den Auftakt machen Jeanette Winterson mit Das Wintermärchen und eben Howard Jacobson, der sich des Kaufmanns von Venedig angenommen hat.

Und so viel sei vorab verraten: Einen geeigneteren Schriftsteller als Howard Jacobson hätte es für dieses Projekt nicht geben können. Shakespeare begleitet den 1942 in Manchester geborenen Autor seit Beginn seiner Karriere; bereits in seiner allerersten Veröffentlichung beschäftigte er sich mit dem englischen Nationaldichter. Nun kehrt er mit seiner Neuerzählung des Shylock zu Shakespeare zurück – für Jacobson »das verstörendste Schauspiel aus der Feder des Dramatikers, aber für einen britischen Romancier, der zufällig noch Jude ist, auch die größte Herausforderung«.

Autoteile Jacobson, der sich selbst eher als jüdische Jane Austen begreift und nicht mit Shakespeare verglichen werden möchte, geht sehr frei mit der Vorlage um. Die Motive allerdings bleiben die gleichen: Auch bei ihm ist Recht nicht gleich Moral, und die Gnade des Neuen Testaments prallt auf das eherne Gesetz des Alten. Die Handlung verlegt er von Italien nach England.

Dort sitzen die beiden Freunde Simon Strulovitch und Shylock beisammen und klagen einander ihr Leid. Der eine, Strulovitch, ist Philanthrop mit einer beachtlichen Sammlung jüdischer Kunst, der sein Geld mit Autoteilen verdient hat. Der andere, Shylock, ist nur dann richtig glücklich, wenn er mit seinem Schicksal hadert und unglücklich ist. Oder handelt es sich bei den Freunden um ein und dieselbe Person? Der Dialog nur ein Selbstgespräch?

Jedenfalls klagen beide über ihre ach so missratenen Töchter. Wobei es Strulovitch härter trifft. Dessen aufmüpfige Tochter Beatrice ist in die Kreise der leichtlebigen Erbin Plurabelle und deren persönlichem Assistenten D’Anton geraten. Nicht der richtige Umgang für ein jüdisches Mädchen, findet Strulovitch. Generell möchte er seine 16-jährige Tochter Beatrice keinesfalls mit einem Gojim liiert sehen. Als er einmal dazukommt, wie sie einen chinesischen Jungen küsst, wirft er ihr entgeistert an den Kopf, sie lasse »Hitler doch noch gewinnen«.

Hitlergruß Wie konnte dieses Kind nur so missraten, fragt sich Strulovitch. Hochkultiviert mit Mozart und Schubert aufgewachsen, geht sie jetzt auf Partys, bei denen ein DJ mit dreckigen Fingern über Schallplatten kratzt und »Macht Krach!« ins Mikrofon brüllt. Noch schlimmer: Seit Neuestem geht Beatrice mit dem Fußballprofi und Unterhosenmodel Gratan Howsome, der ein erzieltes Tor doch tatsächlich mit Hitlergruß bejubelte.

Das sei im Eifer des Gefechts geschehen, beteuert zwar der Fußballer und will sein Fehlverhalten kompensieren, indem er mit einer Jüdin ins Bett geht. Strulovitch bestellt ihn zu sich und fordert eindringlich von Howsome, dass er sich zumindest beschneiden lässt, wenn er sich schon mit seiner Tochter einlässt. Entsetzt von diesem Vorschlag, flieht der Fußballstar mitsamt Beatrice nach Venedig.

Parallel zu diesem Handlungsstrang tut sich wie bei Shakespeare ein zweiter auf. Der erzählt von Plurabelle (im Original Porzia), die ein schlechtes Gewissen hat, weil sich die minderjährige Beatrice und Howsome in ihrem Haus kennenlernten. Von Strulovitch unter Druck gesetzt, der verlangt, sie solle ihm seine Tochter zurückbringen, überredet sie ihren Assistenten D’Anton zu einem Deal: Wenn der Fußballer sich schon nicht beschneiden lässt, dann doch wenigstens D’Anton – zur Sühne gewissermaßen.

konversion Aus dem verpfändeten Stück Fleisch bei Shakespeare wird bei Jacobson die Vorhaut. Und wo im Original am Ende Shylock zum Christentum konvertiert, entlarvt sich in der Adaption der vermeintliche Christ D’Anton als bereits beschnittener Jude. Manchmal hat man ein wenig Mühe, den ganzen Tiraden zu folgen. Mit welcher durchtriebenen Ironie Howard Jacobson die Vorlage aber verfremdet und sie sich zu eigen macht, sucht in der britischen Gegenwartsliteratur schlicht seinesgleichen.

Nicht selten erinnert die Zeichnung der Figuren an seinen Bestseller Die Finkler-Frage, in dem auch so manches Thema des neuen Buches bereits anklang. Kurzum: Shakespeares Drama liefert Jacobson die Bühne, auf der er sein eigenes Thema – den Stolz und das Hadern seiner Protagonisten mit ihrem Judentum – durchdeklinieren kann.

Mit schwarzem Humor schreibt Jacobson auch über das Schicksal der jüdischen Gemeinschaft, in der Geschichte immer wieder Opfer von Pogromen geworden zu sein und genau dafür noch verantwortlich gemacht zu werden. Gegen Ende des Buches lässt er eine seiner Figuren über Juden sagen: »Sie rücken sich ins Zentrum jedweden Dramas, menschlicher wie theologischer Natur. Immer schon tun sie das. Ich sehe es als eine politische Traurigkeit. Der Kleister des Selbstmitleids ist stark. Wie emotionale Erpressung.«

Sprachlich eifert Jacobson seinem Vorbild aus dem Elisabethanischen Zeitalter nach. Kunstvoll setzt er seine Helden in Szene und dreht manchmal eine Pirouette zu viel. Aber mal ehrlich: Das ist bei William Shakespeare nicht anders.

Howard Jacobson: »Shylock«. Knaus, München 2016, 288 S., 19,99 €

Fußball

Länderspiel verlegt: Irland verzichtet auf Israel-Boykott

Irlands Fußballverband FAI will das UEFA-Nations-League-Spiel gegen Israel nun in Serbien austragen - auch, um einen Abstieg zu vermeiden

 01.07.2026

Berlin

Jüdische Kunstschule und UdK wollen kooperieren

Auch die Universität der Künste war nach dem 7. Oktober 2023 mehrfach Schauplatz »propalästinensischer« Aktionen. Nun will sie jüdischen Künstlern einen geschützten Raum bieten

 01.07.2026

Interview

»Es fehlte am fußballerischen Können, nicht am Glück«

Sportreporter-Legende Marcel Reif über das WM-Aus der deutschen Nationalmannschaft, Jürgen Klopp und die Zukunft von Julian Nagelsmann als Bundestrainer

von Michael Thaidigsmann  30.06.2026

Burkhard C. Kosminski

»Ich würde das Stück gerne im Osten spielen«

Der Intendant am Schauspiel Stuttgart über »Die Ermittlung« von Peter Weiss, die Existenzberechtigung Israels in der Kunst und seine Auszeichnung mit der Otto-Hirsch-Medaille

von Nicole Golombek  30.06.2026

Interview

»Der Oscar öffnete mir neue Türen«

Daniel Roher über seinen ersten Spielfilm »The Piano Tuner« und den Dreh mit Dustin Hoffman und Lior Raz

von Patrick Heidmann  30.06.2026

Meinung

Georg Restle, die Jüdische Allgemeine und der berüchtigte Scheck aus Jerusalem

Früher hätte man Journalisten wie Restle, die Juden unterstellen, sie seien nur Sprachrohr einer Regierung in Israel, die Eignung als Politik-Redakteure beim Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk abgesprochen. Zu Recht

von Michael Thaidigsmann  30.06.2026

Interview

»Schriftsteller sind quasi die Putzfrauen des Literaturbetriebs«

Slata Roschal über den Bachmannpreis, prekäre Lebenssituationen von Autoren und das Schreiben nach dem 7. Oktober 2023

von Katrin Richter  30.06.2026

Forschung

Historiker Gerber: Erinnerung an Holocaust verschwindet

Der Leipziger Historiker Jan Gerber wendet sich gegen ein kontinuierliches Verschwinden der gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit der Schoa. Der Tod der letzten Zeitzeugen ist für ihn dabei nicht entscheidend

von Volker Hasenauer  29.06.2026

Festival

Trotz Rekordhitze: Tausende Gäste bei Jüdischer Woche in Leipzig

Trotz der sommerlichen Hitze und damit verbundener Programmänderungen seien die Veranstaltungen im gesamten Stadtgebiet auf großen Zuspruch gestoßen

 29.06.2026