Medien

»Die Überlebenden reichen uns die Hand«

Markus Lanz Foto: ZDF

Herr Lanz, Sie haben dem 70. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz in Ihren vergangenen Sendungen mehrere Schwerpunkte gewidmet. Es ist bekannt, dass die Einschaltquoten bei diesem Thema stark sinken. Weshalb haben Sie sich entschieden, trotzdem fast jeden Abend Zeitzeugengespräche zu senden?
Unsere Erfahrung mit Einschaltquoten ist eine andere. Die Zuschauer meiner Sendung schätzen diese intensiven Gespräche, auch wenn mitunter schwer zu ertragen ist, was sie da hören. Wir laden schon seit Langem Zeitzeugen in die Sendung ein und werden das auch weiterhin tun – nicht nur, weil wir alle ahnen, dass es nicht mehr lange möglich sein wird. Es ist bewegend, diese letzten Zeugen zu hören. Und sie berühren die Menschen meiner Meinung nach vor allem deshalb, weil es denen, die bereit sind, ihre Geschichte noch einmal zu erzählen, nicht mehr in erster Linie um die Aufarbeitung von Schuld oder gar Sühne geht.

Sondern?
Mein Eindruck ist: Es geht ihnen um Versöhnung. Sie reichen uns die Hand. Zu hören, wie sie ihr Leben in den 70 Jahren danach gemeistert haben, wie sie es geschafft haben, nicht daran zu zerbrechen, ist bewegend. Davon können wir alle ungeheuer viel lernen. Es ist nicht nur eine Lektion in Überleben, es ist eine Lektion in Leben.

Warum liegen Ihnen die Gespräche mit Zeitzeugen so sehr am Herzen?
Die Antwort darauf ist einerseits sehr komplex, andererseits aber sehr, sehr einfach: Im Geschichtsunterricht waren die Fotos all dieser Menschen immer nur schwarz-weiß – und damit sehr weit weg, wie aus einer längst vergangenen Zeit. Doch wenn im Studio jemand neben einem sitzt, der auf einmal seinen Unterarm freilegt und eine tätowierte Nummer zeigt, dann wird aus Schwarz-Weiß plötzlich Farbe. Will heißen: Dann wird das alles plötzlich sehr lebendig, plötzlich ist es ganz, ganz nahe. Ich bin für diese Art von Geschichtsunterricht sehr dankbar.

Wie fallen die Reaktion der Zuschauer aus?
Wenn ein Holocaust-Überlebender im Studio seine Geschichte erzählt, dann entsteht immer eine ganz besondere Atmosphäre. Oft möchten Zuschauer aus dem Publikum, vor allem junge Menschen, nach der Sendung noch mit ihm ins Gespräch kommen. Und es gehen auffällig viele Nachfragen beim ZDF und der Redaktion ein, beispielsweise zu Büchern, die es über viele dieser Zeitzeugen gibt.

Gibt es auch kritische Rückmeldungen?
Nur in einem Punkt: hinsichtlich der Gästezusammensetzung. Kann man eine Auschwitz-Überlebende, den Enkel des Lagerkommandanten und jemanden, der eher auf dem Medien-Boulevard zu Hause ist, gemeinsam in eine Sendung einladen? Wir sagen den Leuten dann, ja, man kann, denn genau so ist auch das Leben. Interessanterweise haben die Zeitzeugen selbst damit meistens überhaupt kein Problem.

Die Fragen an den TV-Moderator stellte Philipp Peyman Engel.

TV-Kritik

Der Ring, der nie gelungen: Arte-Doku über Richard Wagner und sein monumentales Werk

Eine Arte-Dokumentation erzählt die Geschichte von Richard Wagners Gesamtkunstwerk und seiner Vereinnahmung durch die Nazis

von Manfred Riepe  14.08.2026

Gesangswettbewerb

Hat neue ESC-Vorschrift Auswirkungen auf drohenden Israel-Boykott?

Diese Debatte lässt den Eurovision Song Contest nicht los: Einige Länder könnten auch die kommende Ausgabe des ESC aufgrund der Teilnahme des jüdischen Staates boykottieren. Nun gibt es eine neue Regel - sorgt diese nun für Ruhe?

von Daniel Zander  14.08.2026

Exklusiv

Causa Georg Restle: Jetzt meldet sich WDR-Chefredakteurin Ellen Ehni zu Wort

Felix Schotland, Mitglied im WDR-Rundfunkrat und im Vorstand der Synagogen-Gemeinde Köln, beschwerte sich über einen X-Post des Journalisten Georg Restle. Nun bekam er eine Antwort

von Michael Thaidigsmann  13.08.2026

Leipzig

Ausstellung mit Fotografien von NS-Deportationen

Mehrere Hunderttausend Menschen wurden in der NS-Zeit aus dem Deutschen Reich deportiert. Ein Forschungsprojekt sichert seit Jahren fotografische Dokumente. Einige zeigt jetzt das Leipziger Ariowitsch-Haus

 13.08.2026

Jubiläum

25 Jahre Jüdisches Museum Berlin: Risse in der Geschichte

2001 öffnete das Jüdische Museum seine Türen für die Öffentlichkeit. Der Bau des bekannten Architekten Daniel Libeskind stand da schon. Und spricht bis heute eine eigene Sprache

von Nikolas Ender  13.08.2026

NRW

Antisemitismus: Konzert der Rapper Kneecap in Oberhausen geplant, Absage gefordert

Die Veranstalter sagen, Vorwürfe der Terrorverherrlichung gegen die nordirische Band würden ernst genommen und »intensiv geprüft«. Eine Absage komme aber nicht infrage

 13.08.2026

Comics

Asterix’ Vater

Vor 100 Jahren wurde René Goscinny geboren. Der Erfinder des gallischen Dorfes hat mit seinem jüdischen Humor ein Genre neu erfunden

von Alexander Kluy  13.08.2026

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der jüdischen Welt

von Katrin Richter, Imanuel Marcus  13.08.2026

Forum

Leserbriefe

Kommentare und Meinungen zu aktuellen Themen der Jüdischen Allgemeinen

 12.08.2026