Jewgeni Jewtuschenko

Die Stimme der Jugend

Jewgeni Jewtuschenko in der »Hall of Names« bei einem Besuch in Yad Vashem 2007 Foto: dpa

Der russische Dichter Jewgeni Jewtuschenko ist tot. Er starb am Samstag im Alter von 84 Jahren in den USA, wo er seit den 90er-Jahren russische Literatur an der Universität von Tulsa im Bundesstaat Oklahoma lehrte. Berühmt geworden war Jewtuschenko als »Dichter der Tauwetter-Periode« unter Stalins Nachfolger Nikita Chrustschow.

Jewtuschenko veröffentlichte mehr als 150 Gedichte, darunter Stalin-kritische Verse bereits zu Lebzeiten des sowjetischen Diktators. Insbesondere das von ihm verfasste epische Poem »Babi Jar« machte Jewtuschenko weltberühmt. Der Komponist Dmitri Schostakowitsch legte es kurz darauf seiner 13. Sinfonie zugrunde.

verse Hatten Intellektuelle die Schrecken von Babi Jar bereits unmittelbar nach der Befreiung von Kiew thematisiert – darunter die jüdischen Schriftsteller Wassili Grossman, Izik Kipnis und Ilja Ehrenburg –, wurden die Texte im Zuge von Stalins antisemitischer Kampagne in die Schubladen verbannt. Erst Jewtuschenkos Gedicht brach 1961 das Schweigen und löste damit in der sowjetischen Öffentlichkeit wahre Tumulte aus.

Der Text, der mit den Worten »Über Babi Jar steht kein Denkmal …« beginnt, erinnert an das Massaker in der Schlucht Babi Jar bei Kiew, in der die Nazis im September 1941 innerhalb von zwei Tagen 34.000 Kiewer Juden erschossen und verscharrten.

In den schlichten wie ergreifenden Versen erwähnt Jewtuschenko mit keinem Wort, dass die Juden in Babi Jar durch Deutsche ermordet wurden. Sein Gedicht richtet sich ausschließlich gegen den russischen Antisemitismus und die fehlende Gedenkkultur in der sowjetischen Gesellschaft.

narrativ Nichts sollte nach dem Krieg an den organisierten Massenmord an 100.000 Juden in Babi Jar erinnern – ein Teil der Schlucht wurde zugeschüttet, darauf bauten die sowjetischen Behörden zwei Autobahnen. In einem anderen Areal entstanden Neubauten und ein Park. Später beschloss die Stadtverwaltung, den größten Teil des Geländes als Mülldeponie zu nutzen.

Im sowjetischen Narrativ des Großen Vaterländischen Krieges fand die Schoa keinen Platz. Juden wurden aus der Gesamtmasse der »friedvollen sowjetischen Bürger, der Faschismusopfer« nicht herausgehoben. Das erste offizielle Denkmal zur Erinnerung an die Ermordeten wurde 1976 errichtet; 1991 wies die ukrainische Regierung die Opfer in Gedenktafeln erstmals explizit als Juden aus.

Spätestens mit »Babi Jar« wurde Jewtuschenko zur Stimme der Jugend und zur rebellischen Dichter-Ikone der Entstalinisierung. Im Ausland war er ebenso populär wie in der Sowjetunion, sodass das Regime ihm nichts anhaben konnte.

lesungen Nachdem er 1968 die Niederschlagung des Prager Frühlings kritisiert hatte, verlor er seinen Job als Redakteur bei der Zeitschrift »Junost«. Dennoch ließ sich Jewtuschenko nicht den Mund verbieten. Auch in der Breschnew-Zeit erhob er immer wieder energisch seine Stimme.

Mit seinen Lesungen füllte er in Russland Säle und Stadien; seine Beliebtheit wurde oft mit der des volkstümlichen Dichters Wladimir Majakowski verglichen. Er unterstützte Michail Gorbatschows Politik von Glasnost und Perestroika und war Angeordneter in Russlands erstem frei gewählten Parlament. Der vielfach ausgezeichnete Poet schrieb auch Prosa und arbeitete als Regisseur (Stalins Begräbnis, 1990) und Drehbuchautor. Im postsowjetischen Russland beklagte er die »kommerzielle Zensur« und die »McDonaldisierung der Kultur«.

Nach einer russisch-orthodoxen Trauerfeier in den USA wird Jewtuschenko laut seinem letzten Willen im Moskauer Literatenvorort Peredelkino begraben. Dort besaß der Schriftsteller unweit vom Sommerhaus Boris Pasternaks eine Datscha, die er vor wenigen Jahren dem russischen Staat als Dichtermuseum geschenkt hat.

Schweiz

Das sind die beliebtesten Vornamen für neugeborene Jungen und Mädchen

Eine neue Erhebung liefert den Überblick

von Nicole Dreyfus  24.08.2026 Aktualisiert

TV-Kritik

»Phoenix« - herausragender Film über eine Holocaust-Überlebende

Christian Petzolds grandiose Parabel auf Deutschland im »Jahre Null«

von Felicitas Kleiner  24.08.2026

Ausstellung

Ein Buchladen als säkulares Bethaus

Rachel Salamander schuf in München einen Ort, an dem jüdische Literatur, Erinnerung und Gegenwart aufeinandertreffen – sie bewahrt ihn in roten Ordnern und auf klapprigen Kassetten

von Katrin Diehl  24.08.2026

Neu

Neue Synagoge Berlin zeigt neue Ausstellungen

Der Blick auf Jüdinnen und Juden und ihre Darstellung wird oft von Vorurteilen begleitet. Eine Ausstellung im Berliner Centrum Judaicum macht dies jetzt zum Thema

 24.08.2026

Berlin

Ruth Moschner positioniert sich gegen die AfD

Die Moderatorin mit jüdischem Hintergrund schreibt, sie persönlich würde von der Politik der Partei profitieren. Dennoch warnt sie vor der selbsternannten Alternative

 24.08.2026

Europäischer Gesangswettbewerb

ESC 2027 in Bulgarien: Warum Burgas gegen Sofia gewann

Das maritime Flair der Stadt sowie eine Tradition von Musikfestivals dürften zur Entscheidung beigetragen haben

von Matthias Röder, Elena Lalowa  24.08.2026

Dokumentation

»Sie sollten sich schämen«

Die langjährige ARD-Autorin Rita Knobel-Ulrich übt scharfe Kritik an Sophie von der Tann und den Initiatoren des Katharina-Zell-Preises. Ein offener Brief

von Rita Knobel-Ulrich  23.08.2026

Aufgegabelt

Avocadosalat mit Thunfisch

Rezepte und Leckeres

 23.08.2026

Zahl der Woche

34 Sekunden

Fun Facts und Wissenswertes

 23.08.2026