Bilderrätsel

Die schönste Frau von Jena

Wie das Gemälde in den Besitz der Familie Opel kam, bleibt ungeklärt. Foto: Stephan Laudien

Am 10. Dezember 2013 klingelt um die Mittagszeit das Telefon in meinem Büro an der Jenaer Universität. Am anderen Ende der Leitung ist Stephan Winzek. Er leitet das Liborianum, eine Tagungsstätte des Erzbistums Paderborn. Nachdem er sich vorgestellt hat, sagt er: »Sie suchen doch nach diesem Bild von Clara Rosenthal?« Und dann: »Das Bild hängt bei uns an der Wand.«

élite Winzeks Anruf in Jena steht am Ende einer langen Geschichte, die 1896 ihren Anfang nimmt. In diesem Jahr fertigt der Münchner Maler Raffael Schuster‐Woldan in Jena ein großformatiges Ölgemälde Clara Rosenthals an. Clara Rosen‐ thal ist seit 1885 mit dem Juristen Eduard Rosenthal verheiratet. Eduard stammt aus Würzburg, er habilitiert sich in Jena und wird im Jahr seiner Hochzeit außerordentlicher Professor ohne Besoldung. Der Jurist schmückt sich mit seiner hübschen jungen Frau, die aus einer Karlsruher Fabrikantenfamilie kommt. Claras Onkel Moritz Ellstätter hat es bis zum Finanzminister in Baden gebracht.

In Jena trifft Eduard Rosenthal auf ein ideales Betätigungsfeld. Die Stadt prosperiert dank der optischen Industrie, deren Grundstein Carl Zeiss, Otto Schott und Ernst Abbé gelegt haben. Als sich Abbé 1889 entschließt, die Firma Carl Zeiss in ein Stiftungsunternehmen zu verwandeln, erarbeitet Eduard Rosenthal das Stiftungsstatut mit. Abbé und Rosenthal bleiben von da an freundschaftlich verbunden. Rosenthal entwirft später die Thüringer Verfassung von 1920/21, er begründet den Jenaer Kunstverein mit und leitet ihn, sitzt zudem im Landtag.

Im Jahr 1891 lassen sich die Rosenthals in Jena eine Villa errichten. Das Haus beziehen die Eheleute ein Jahr später mit dem Sohn Curt Arnold Otto, der 1887 geboren wurde. Der Jenaer Historiker Alexander Cartellieri nennt Clara Rosenthal die »schönste und eleganteste Frau Jenas«. Doch Clara repräsentiert nicht nur, sie engagiert sich beispielsweise im Beirat der Gesellschaft der Kunstfreunde von Weimar und Jena. In der Villa werden, so Cartellieri, »üppige Gesellschaften« gefeiert. Zum Freundeskreis der Rosenthals gehört Elisabeth Förster‐Nietzsche im benachbarten Weimar.

ausgrenzung
Die Welt der Familie Rosenthal bekommt 1914 den ersten Riss: Der einzige Sohn Curt fällt als Kriegsfreiwilliger in Frankreich. Zum Andenken an ihr Kind lassen die Eltern im Garten der Villa 1916 einen Gedenkpavillon errichten. Nach 1926 kommt eine Erinnerungstafel für Eduard Rosenthal hinzu. Der Ehrenbürger Je‐nas verstirbt am 25. Juni 1926. Eine Menschenmenge folgt dem Sarg zum Friedhof, die örtlichen Zeitungen quellen über von Nachrufen und Danksagungen. Zwei Jahre später überschreibt Clara Rosenthal die Villa der Stadt Jena. So entspricht es dem testamentarischen Willen der Eheleute. Die Witwe behält das lebenslange Wohnrecht im Haus. Nach ihrem Tod soll es »idealen Zwecken« dienen, vielleicht die Kunstsammlung der Stadt beherbergen.

Nach der Machtübernahme der Nazis verdüstert sich Clara Rosenthals Leben zunehmend. Es wird ihr als Jüdin verboten, Konzerte zu besuchen. Sie muss ihr Radio abgeben; selbst die Läden, in denen sie einkaufen kann, werden ihr vorgeschrieben. Im Jahr 1939 versucht der Oberbürgermeister von Jena, sie aus dem Haus zu werfen. Den »arischen« Mietern könne nicht zugemutet werden, mit einer Jüdin unter einem Dach zu leben. Der Vorstoß scheitert am Einspruch des Rechtsamts.

Im gleichen Jahr erlässt die Oberfinanzdirektion Rudolstadt eine »Sicherungsverfügung« über das Vermögen Clara Rosenthals. Sie erhält ein monatliches Taschengeld, größere Ausgaben müssen beantragt werden. Wenn sie das Haus verlassen will, muss sie den Judenstern tragen. Zudem wird ihr der Zwangsname »Sara« zugeteilt. Am 11. No‐vember 1941 ist das Maß voll: Clara Rosenthal nimmt sich das Leben. Ihr Leichnam wird zum Jenaer Nordfriedhof gebracht, eine Grabstelle gibt es nicht.

villa Das Gemälde Frau Klärchen R., Jena wird im Februar 1942 in Weimar zum Verkauf angeboten. Grete Unrein, die Tochter Ernst Abbes, hat es geerbt und legt es mit weiteren Kunstwerken in der Kunstsammlung Weimar vor. Von da an verliert sich die Spur des Bildes.

Anders ergeht es dem Maler. Raffael Schuster‐Woldan gehört im Dritten Reich zu den angesagten Künstlern. Sogar Hitler erwirbt eines seiner Bilder, Das Leben, im Jahr 1941 für 60.000 Reichsmark.

In die Villa Rosenthal ziehen nach dem Krieg amerikanische, später sowjetische Offiziere ein. Ihnen folgen Familien und Studenten – Wohnraum ist knapp in Jena. Der Gedenkpavillon im Garten wird als Kohlenbunker genutzt, die Erinnerung an die jüdischen Hausbewohner verschwindet nach und nach. Ebenso wie zuvor das Mobiliar der Familie.

Nach dem politischen Umbruch in der DDR 1989 erwacht die Villa Rosenthal aus ihrem Schlaf. Lange wird um das Haus gestritten, das einst der Stadt geschenkt worden war und der Öffentlichkeit zugänglich sein sollte. Schließlich wird es saniert und dem Eigenbetrieb »JenaKultur« in Obhut gegeben. »JenaKultur« hat ein Stipendiatenprogramm gestartet: Abwechselnd woh‐ nen ein Stadtschreiber und ein bildender Künstler in der Villa.

spurensuche Im Herbst 2009 werde ich erster Stadtschreiber in Jena. Meine Aufgabe: biografische Forschung zur Familie Rosenthal. Die Arbeit: äußerst mühsam. Das Resultat: ernüchternd. Ein Nachlass existiert nicht, Spuren sind verwischt oder zerstört worden, Zeitzeugen leben nicht mehr oder reden nicht. Der Fokus der Suche konzentriert sich auf eine bildliche Darstellung Clara Rosenthals. Von der einst »schönsten Frau« Jenas existiert offenbar kein einziges Bild.

Ein kleiner Hinweis bringt mich auf die Spur des Gemäldes von Schuster‐Woldan. Eine langjährige Bewohnerin des Hauses erinnert sich, die Mutter habe ihr von einem großen Bild berichtet, das einst in der Villa gehangen habe. Darauf seien Clara Rosenthal und ihr Hund zu sehen gewesen. Ein weiteres Indiz liefert Alexander Cartellieri: Er habe den Hund der Rosenthals nicht mehr erlebt, kenne ihn jedoch von dem Bildnis im Hause, schreibt der Historiker.

Nach einer verschlungenen Spurensuche gibt es im Frühjahr 2011 endlich einen Erfolg. Von der Enkelin des Malers erhalte ich den Tipp, es gebe eine Reproduktion des Gemäldes in der Zeitschrift »Die Kunst unserer Zeit«. Eine Sonderausgabe von 1899 ist Schuster‐Woldan gewidmet. Kurios: Die gesuchte Ausgabe findet sich im Magazin der Jenaer Universitätsbibliothek. Nun gibt es also wenigstens ein Bild von Clara Rosenthal. Zumindest eine Reproduktion in Schwarz‐Weiß. Doch vom Originalgemälde keine Spur.

heimkehr Im Frühjahr 2013 veröffentliche ich einen Bericht über meine Recherche auf Spiegel Online, in der Rubrik »einestages«. In der Hoffnung, neue Hin‐ weise zu erhalten. Längst bin ich da kein Stadtschreiber mehr. Doch die Geschichte der Rosenthals lässt mich nicht mehr los. Leider ist die Reaktion gleich null. Keine Bemerkungen, keine Kommentare. Bis zu jenem Anruf im Dezember 2013.

Im Gespräch mit Stephan Winzek wird schnell klar, dass es sich tatsächlich um das Clara‐Rosenthal‐Bildnis von Raffael Schus‐ter‐Woldan handelt. In Paderborn vermutete man eine schöne Nachfahrin Adam Opels. Das Gemälde hing nämlich bis 1979 im Haus St. Meinolf am Möhnesee, der ehemaligen Forstverwaltung der Opel‐Familie. In jenes Haus war die Tagungsstätte des Paderborner Erzbistums nach Kriegsende umgezogen. St. Meinolf gehörte Wilhelm von Opel. Der Unternehmer war Senator des Hauses der Deutschen Kunst in München. Wie er das Gemälde erwarb, lässt sich nicht mehr feststellen.

Identifiziert hatte das Bild in Paderborn der Kunsthistoriker Hans Hillermann. Er ist zusammen mit anderen seit Jahren da‐ mit betraut, die Kunstgegenstände des Erzbistums zu inventarisieren. Hillermann verschaffte sich im Liborianum zunächst einen Überblick. Dabei fiel ihm das großformatige Bild auf – es misst zwei mal 2,30 Meter. Schuster‐Woldan war dem Kunsthistoriker nicht bekannt, also sah er im Internet nach. Dabei stieß er auf den Text bei »einestages« mit der Bild‐Reproduktion als Startfoto. Volltreffer!

Ohne Aufhebens erklärte sich das Erzbistum Paderborn bereit, das Bild der Stadt Jena zu schenken. Im Frühjahr 2014 kehrte die »schönste Frau Jenas« zurück. Nun lächelt Clara wieder von einer Wand in der Villa Rosenthal. Die Erinnerung an sie und ihre Familie wird im Haus bewahrt. Eine späte Entschuldigung.

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