TV-Tipp

Die Rothschilds, das Geld und die Brieftauben

Mayer Amschel Rothschild (1744–1812), gemalt von Daniel Oppenheim Foto: picture-alliance / akg-images

TV-Tipp

Die Rothschilds, das Geld und die Brieftauben

Um die Rothschilds ranken sich viele antisemitische Legenden. Wie die Familie die einst weltweit größte Bank aufbaute, zeigt nun eine detailreiche Doku

von Leticia Witte  30.08.2021 14:46 Uhr

Die Rothschilds: Mit dem Namen dieser Familie ist ein weit verzweigtes Bankengeflecht mit besten Verbindungen zu europäischen Herrschern und Politikern im 19. und frühen 20. Jahrhundert verbunden. Der Name wurde zugleich im Laufe der Zeit zu einer Projektionsfläche für antisemitische Verschwörungsmythen.

Gemeint sind dann Juden oder eine nicht näher bezeichnete »Elite«, die für Unerklärliches als vermeintliche Verursacher herhalten muss, und hinter Entwicklungen stehe, um damit angeblich Profit zu machen. So wird die Legende der »jüdischen Weltverschwörung« befeuert, wie es momentan auch in der aktuellen Corona-Pandemie der Fall ist.

Der Entwicklung des großen Bankhauses geht die 3sat-Dokumenation »Die Rothschilds - Die Macht der Banker« nach, die an diesem Donnerstag um 22.55 Uhr ausgestrahlt wird. Detailreich zeigt der Film von Martin Vogg und Matthias Widter eine Dreiviertelstunde lang den Aufstieg der jüdischen Familie und wie sie, aus Frankfurt am Main stammend, ihre Bankhäuser an wichtigen europäischen Finanzplätzen aufbaute. Wie sie bedeutende Projekte, etwa den Eisenbahnbau, mitfinanzierte und so den Fortschritt der Moderne unterstützte. Beleuchtet werden auch die Beziehungen zu Herrschern und Politikern wie dem österreichischen Staatskanzler Fürst Klemens von Metternich sowie die Wohltätigkeit der Familie.

Die dichte Doku zeigt all das in historischen Bildern, nachgestellten Spielszenen und lässt vor allem diverse Gesprächspartner zu Wort kommen, darunter Historiker und Journalisten. Im Mittelpunkt steht die Frage: Wie groß war der politische Einfluss der Rothschilds tatsächlich? Der Beitrag kommt zu dem Schluss, dass es in der mehr als 200-jährigen Bankengeschichte weniger um Macht gegangen sei als vielmehr um das Gespür, »im richtigen Moment richtige Investitionen zu tätigen, und das Geschick, Entwicklungen voranzutreiben, auf denen unser heutiger Wohlstand basiert«.

Festgehalten wird außerdem: An Orten, von denen Familien wie die Rothschilds fort mussten, »fehlten weniger das Geld als ihre Innovationskraft und Mut, sich neuen Herausforderungen zu stellen, ohne sich blindlings in kriegerische Auseinandersetzungen zu flüchten«. Drei Hauptfaktoren werden für den Erfolg ausgemacht: eine globale Grundausrichtung, Kommunikationsgeschick und eine vorausschauende »Heiratspolitik« beziehungsweise insgesamt ein starker Zusammenhalt innerhalb der Familie - die anders als andere Familien nicht das Judentum hinter sich ließ und sich für die Emanzipation der Juden und ein Ende ihrer Diskriminierung einsetzte.

In Frankfurt begann mit Mayer Amschel Rothschild der Aufstieg zum weltweit größten Privatbankhaus. Der 1744 Geborene lebte dort in beengten Verhältnissen in der »Judengasse«, machte später eine Bankausbildung und wurde Hoffaktor, der einen Hof mit Krediten und Luxuswaren versorgte.

Vor Napoleons Truppen rettete und verwaltete Rothschild das Vermögen des Landgrafen Wilhelm IX von Hessen-Kassel. Dies spielte eine wichtige Rolle im wirtschaftlichen Aufstieg, so die Doku. Und: Rothschild habe »über den Tellerrand« hinausgeschaut. Seine Söhne gingen nach London, Paris, Wien und Neapel und bauten von dort mit Frankfurt ein Bankennetzwerk auf.

Die Kommunikation untereinander bezeichnet die Doku als perfekt. Der Historiker Peter Eigner spricht von einem »ausgezeichneten System von Brieftauben« sowie einem europäischen Netz von Gewährsleuten, über die Informationen, die für die Finanzwelt wichtig waren, zügig weitergereicht worden seien. Rothschilds Reichtum und Erfolg riefen Neider auf den Plan - und eben auch Antisemitismus.

Der Historiker Fritz Backhaus betont, dass die Familie trotz ihres Einflusses und der Finanzierung von Großprojekten, darunter auch eine Beteiligung am Suezkanal, keine »politische Agenda« im eigentlichen Sinne hatte. Sie habe stattdessen »Zeichen der Zeit frühzeitig erkannt«. In dem Film wird deutlich, dass die Rothschilds, die 1817 vom österreichischen Kaiser einen Adelstitel erhielten, Staaten unterstützten - um an Orten ihrer Niederlassungen stabile Verhältnisse vorzufinden.

Die Doku betont, dass der Aufstieg der Nazis die Erfolgsgeschichte der Familie abrupt beendete. Für sie wurde in der Zeit des Zweiten Weltkriegs die Schweiz zum Zufluchtsort. Heute gibt es etwa in Österreich kaum noch Spuren der Rothschilds. Das Jüdische Museum in Wien plant von Dezember an eine Ausstellung über die »Wiener Rothschilds« - auch, um Mythen und Vorurteile abzubauen.

»Die Rothschilds - Die Macht der Banker«, 3sat, Do 02.09., 22.55 - 23.40 Uhr.

Glosse

Der Rest der Welt

Kamele an der Limmat oder wie Zürich mit Tradition umgeht

von Nicole Dreyfus  20.04.2026

Essay

Darf es mir gut gehen …?

Die Welt brennt an allen Ecken und Enden. Unsere Autorin Barbara Bišický-Ehrlich plädiert für die Hoffnung als Lebensprinzip in dunklen Zeiten

von Barbara Bišický-Ehrlich  20.04.2026

Los Angeles

Natalie Portman erwartet drittes Kind

Zwei Kinder hat sie bereits aus ihrer früheren Ehe

 20.04.2026

TV-Tipp

Der Elvis der Violine

Ivri Gitlis ist ein Phantom. Er bespielte mit seiner Geige die großen Bühnen und musizierte mit den Stars der Musikbranche. Seinen Namen kennen heute aber nur die wenigsten. Eine Arte-Doku begibt sich auf Spurensuche

von Manfred Riepe  19.04.2026

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der Jüdischen Welt

von Katrin Richter, Imanuel Marcus  19.04.2026

Aufgegabelt

Falafel-Bowl mit Quinoa

Rezept der Woche

von Katrin Richter  19.04.2026

Eurovision Song Contest

Mehr als 1000 Prominente verteidigen Israels ESC-Teilnahme

Helen Mirren, Amy Schumer und Co: Internationale Persönlichkeiten unterzeichnen einen offenen Brief

von Sabine Brandes  19.04.2026

Eurovision Song Contest

»Der Künstler aus Israel kann per se natürlich nichts dafür, dass er aus Israel kommt, aber …«

Der deutsche Sänger und frühere ESC-Teilnehmer Michael Schulte ruft Israel zum freiwilligen Verzicht auf seine Teilnahme am Eurovision Song Contest auf

 19.04.2026

Kultur

Klein wünscht sich mehr Wehrhaftigkeit gegen Antisemitismus im Kulturbetrieb

Der Antisemitismus-Beauftragte Klein kritisiert einen geplanten Auftritt der palästinenisch-stämmigen DJ Sama‘ Abdulhadi im Juli in Hamburg

 19.04.2026