Berlin

Die Nazis und der Kunstbetrieb

Blick in die Ausstellung: Nach Stationen in Bern und Bonn ist die Schau ab dem 14.September in aktualisierter Form im Martin-Gropius-Bau zu sehen. Foto: dpa

Der Kunstfund war spektakulär: Mehr als 1500 Kunstwerke wurden 2013 bei Cornelius Gurlitt (1932–2014), dem zurückgezogen in München und Salzburg lebenden Sohn des Kunsthändlers Hildebrand Gurlitt (1895–1956), beschlagnahmt. Sie standen im Verdacht, NS-Raubkunst zu sein. Seitdem sind international Wissenschaftler damit beschäftigt, in Kleinstarbeit die Herkunft all dieser Objekte zu recherchieren.

Fest steht längst: Die Sammlung enthält Arbeiten hochkarätiger Künstler, ist aber weit von einem Milliardenwert entfernt. 2017 wurde bereits eine Auswahl von Werken aus dem Nachlass Gurlitts in der Bundeskunsthalle Bonn sowie dem Kunstmuseum Bern gezeigt. Nun ist im Berliner Martin-Gropius-Bau die Ausstellung Bestandsaufnahme Gurlitt. Ein Kunsthändler im Nationalsozialismus zu sehen.

Schicksale Ab Freitag liefert die Schau den bislang umfassendsten Überblick. Dieser setzt den Kunstfund in einen historischen Kontext und beleuchtet die Rolle des Kunsthandels zur NS-Zeit. In der Berliner Schau gehe es zudem weniger um die Biografien von Vater und Sohn Gurlitt und mehr um die Schicksale der früheren Besitzer der Werke, sagte Kuratorin Agnieszka Lulinska am Donnerstag.

Die bis Januar 2019 zu sehende »Bestandsaufnahme« ist ein Ritt durch die europäische Kunstgeschichte und präsentiert rund 200 Kunstwerke verschiedener Epochen und Stile, die jahrzehntelang als verschollen galten – darunter Arbeiten von Albrecht Dürer, Claude Monet, Ernst Ludwig Kirchner, Otto Dix, Edvard Munch, Emil Nolde, Max Liebermann und Auguste Rodin. Unter jedem Werk wird aufgelistet, was zur Herkunft bekannt ist.

Der Gurlitt-Bestand ist ein zufälliger Nachlass, er wurde nie als Sammlung angelegt und ist entsprechend heterogen. Auch erbte Gurlitt nicht nur Meisterwerke. Den Kuratoren ist es dennoch gelungen, eine Auswahl zusammenzustellen, die in Vielfalt und Fülle der Künstler sowie ihrer Kombination aus Kunst und Kontext überzeugt.

Politik Der Intendant der Bundeskunsthalle und Kurator Rein Wolfs sieht die Schau als »Narrativ«: »Wir haben es mit einem Fall zu tun, der die deutsche NS-Geschichte nochmal beispielhaft erzählt.« Dazu gehörten die engen Verstrickungen von Kunst beziehungsweise Kunsthandel und Politik.

So thematisiert die Ausstellung, wie Hildebrand Gurlitt vom Verfechter der Moderne zum aktiven Verwerter der Aktion »Entartete Kunst« und schließlich zum Chefeinkäufer für das von Adolf Hitler geplante »Führermuseum« in Linz wurde. Und wie schnell er nach dem Krieg trotz seiner Dienste für das NS-Regime als entlastet eingestuft wurde und an seine Vorkriegskarriere als Museumsmann anknüpfte. Dem gegenübergestellt werden Biografien von Zeitgenossen – meist jüdischen Künstlern, Sammlern und Kunsthändlern –, die Opfer nationalsozialistischer Verfolgung wurden.

Die Ausstellung, in der auch Familienfotos, Briefwechsel, Ankaufslisten und Exportverzeichnisse gezeigt werden, deutet an, dass die Gurlitt-Kinder schon vor langer Zeit nicht ahnungslos waren. Zwar ist unklar, ob der eigenbrötlerische Cornelius Gurlitt, der für seinen Lebensunterhalt in Bern regelmäßig Kunst gegen Bargeld tauschte, wusste, dass er möglicherweise auf NS-Raubkunst saß. Seine Schwester Benita (1935–2012) schrieb ihm jedoch 1964 einen Brief, in dem sie das Erbe des Vaters als »dunkelste Belastung« bezeichnete.

Kategorien Sechs Werke wurden bisher als NS-Raubkunst definiert, vier wurden an die Nachfahren der rechtmäßigen Besitzer zurückgegeben. Nina Zimmer, Direktorin des Kunstmuseums Bern, das von Cornelius Gurlitt als Erbe bestimmt wurde, sagte, aktuell seien 327 Kunstwerke in der Kategorie Gelb, die für eine unklare Herkunft stehe. In der Kategorie Grün beziehungsweise geklärt seien 25 Werke, in der Kategorie Rot, also NS-Raubkunst, sei eines.

Bei vielen Objekten werde die Provenienz jedoch vermutlich nie geklärt, da Belege verloren gegangen oder Spuren verwischt worden seien, sagte Wolfs: »Wir sind mal wieder 80 Jahre zu spät.«

Die Ausstellung »Bestandsaufnahme Gurlitt. Ein Kunsthändler im Nationalsozialismus« im Martin-Gropius-Bau ist vom 14. September bis 7. Januar mittwochs bis montags von 10 bis 19 Uhr zu sehen.

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