Literatur

Die Kunst der Erinnerung

Modiano rekonstruiert die Vergangenheit und erfindet sie zugleich neu. Foto: Hanser

Literatur

Die Kunst der Erinnerung

Nobelpreisträger Patrick Modiano auf der Suche nach einer vorsätzlich vergessenen Kindheit

von Wolf Scheller  24.08.2015 19:20 Uhr

Seit den 60er-Jahren, in denen sich Patrick Modiano (Jahrgang 1945) mit seinem Debüt Place de L’Étoile als Erzähler von Rang etablierte, erscheinen in unregelmäßigem Abstand die schmalen Romane dieses Autors, der im vorigen Herbst mit dem Nobelpreis geehrt wurde. Es sind Werke, in denen Modiano häufig die beunruhigend genaue Topografie einer halb erfundenen, halb erlebten Vergangenheit entwirft.

Auch in seinem jüngsten Roman Damit du dich im Viertel nicht verirrst verstrickt sich sein Protagonist in ein Netz von Erinnerungsfetzen, dessen Fiktionen sich aus der autobiografischen Substanz ihres Erfinders nähren. Der Schriftsteller Jean Daragane – wiederum ein Alter Ego des Autors – hat sich in vier Jahrzehnten einen Schutzraum geschaffen, den er kaum verlässt, bis er eines Tages mit seiner Vergangenheit konfrontiert wird, an die er sich nur noch undeutlich erinnert.

mysteriös Provoziert durch das Auftauchen eines undurchsichtigen Mannes – Gilles Ottolini, der ein altes Notizbuch des Schriftstellers gefunden hat – und beeindruckt von seiner jungen Begleiterin Chantal Grippay, gerät Daragane in ein mysteriöses Geflecht von Erinnerungszwängen und Begebenheiten, denen er sich nur widerwillig überlässt.

Ein Fall von Erpressung? Chantal will, dass Daragane ihrem Freund beim Schreiben eines Buches behilflich ist – oder ihm mit Geld über die Runden hilft. Denn Ottolini ist im Notizbuch auf den Namen eines Mannes gestoßen, der etwas mit dem Mord an einer gewissen Colette Laurent zu tun haben soll – Guy Trostel. Der wiederum verkehrte in einem übel beleumdeten Haus in Saint Leu-la-Forèt, das von einer gewissen Annie Astrand geführt wurde.

Das alles liegt schon Jahrzehnte zurück, aber plötzlich tauchen etliche weitere Namen von Personen auf, an die sich Daragane nach und nach erinnert. Offenbar gehörten die meisten zum Freundeskreis seiner Mutter, vor allem Annie, mit der Daragane eine Zeitlang in der Rue Puget in Paris wohnte, nachdem die Polizei das Etablissement in Leu-la-Forèt geschlossen hatte.

fragil Im ersten Teil des Romans geht es vor allem um die Kindheits- und Jugenderinnerungen von Daragane, im zweiten besucht er die damit verbundenen Lokalitäten und lässt sich – unter dem Vorwand einer Recherche – von seinem ehemaligen Hausarzt Louis Voustraat über Verhältnisse und Vorkommnisse aus der Vergangenheit informieren. Schließlich, Jahre später, reist der Erzähler an die Cóte d’Azur und entdeckt einen kleinen Bahnhof, auf dem er sich als Kind mit Annie kurz aufgehalten hat.

Alle Kenntnisse und Erkenntnisse haben freilich nur eine fragile Grundlage, sie bleiben vage. Ähnlich verhält es sich auch mit den einzelnen Zeitebenen, denen man die Erinnerungsergebnisse zuordnen möchte. Als gesichert darf man aber annehmen, dass ein von Daragane im Koffer von Chantal entdecktes Automatenfoto aus dem Jahr 1952 ihn selbst als Kind zeigt, begleitet von Annie, die an der Grenze bei Ventimiglia an der Weiterreise nach Italien gehindert und vorübergehend inhaftiert wurde.

Modiano rekonstruiert auch in diesem Roman die Vergangenheit und erfindet sie zugleich neu. Und wieder geht es ihm um die Suche nach einer vorsätzlich vergessenen Kindheit, bei der sich der Protagonist daran erinnert, dass Annie ihm seinerzeit einen Zettel in die Tasche gesteckt hatte mit dem Hinweis: »… damit du dich im Viertel nicht verirrst.« Ähnliches möchte man – trotz der Kunst der Erinnerung, mit der Modiano die Schicksale wieder wachruft – angesichts der Vielzahl an Charakteren und der teils unübersichtlichen Handlung auch dem Leser wünschen.

Patrick Modiano: »Damit du dich im Viertel nicht verirrst«. Carl Hanser, München 2015. 160 S., 18,90 €

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