Redezeit

»Die israelische Zivilgesellschaft zeigen«

Dirk Sadowski: »Bei manchen Schulbüchern kann man schon erkennen, wie was beim Schüler wahrscheinlich verzerrt ankommen wird.« Foto: Lucia Halder

Anmerkung der Redaktion (2. August 2023):

Als dieser Text von Fabian Wolff in der Jüdischen Allgemeinen erschien, glaubte die Redaktion Wolffs Auskunft, er sei Jude. Inzwischen hat sich Wolffs Behauptung als unwahr herausgestellt.

Herr Sadowski, in der vergangenen Woche hat in Berlin die Deutsch-Israelische Schulbuchkommission getagt, um unter anderem über das Israelbild in deutschen Schulbüchern zu sprechen. Wie viele Bücher haben Sie sich im Vorfeld angesehen?
Wir haben uns insgesamt 415 Schulbücher für die drei Fächer Geschichte, Geografie und Sozialkunde vorgenommen. Das sind etwa 40 Prozent aller Schulbücher für diese drei Fächer, die 2011 in Deutschland im Umlauf und zugelassen waren. Da haben wir uns die Erwähnungen und ausführlicheren Darstellungen von Israel angesehen.

In welchen Kontexten kommt Israel meistens vor?
In den Geschichtsbüchern und den Sozialkundebüchern im Wesentlichen im Rahmen des Nahostkonflikts. In den Geografiebüchern gibt es auch länderkundliche Aspekte, zum Beispiel Bewässerungsmethoden – »Der Negev: Durchdacht bewässert« wäre eine typische Überschrift. Dann erscheint Israel durchaus als ein modernes und hoch technologisiertes Land, das es schafft, seine Probleme durch technisches Know-how zu lösen. Aber auch dort durchmischen sich die Narrative: Da gibt es vielleicht einen Text über Springbrunnen in Tel Aviv und Wasserknappheit in den Palästinenser-Gebieten, und dann geht es im nächsten Teil schon um Tröpfchenbewässerung im Negev.

Und in den Geschichts- und Sozialkundebüchern?
Die Schüler sollen aus der Gegenwart erkennen, dass es da einen Konflikt gibt, der historische Wurzeln hat. Es gibt also zwei Teile: einen über die Geschichte des Konflikts und dann einen zweiten über die Gegenwart, der meistens mit der zweiten Intifada beginnt und den Konflikt fatalistisch darstellt. Dann gibt es Sprachspiele wie »Naher Osten – Ferner Frieden« oder Orientalismen in Überschriften wie »Bleibt der Frieden eine Fata Morgana?«.

Wie wird der Konflikt an sich dargestellt?
Es ist ja ein israelisch-palästinensischer Konflikt, mittlerweile. Andere Player kommen kaum noch in den Blick. Aber historisch ist es ja nicht nur ein Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern, sondern auch ein Konflikt zwischen Israel und den umliegenden arabischen Staaten. In den Schulbüchern wird das dann oft nur am Rande referiert oder von der Gegenwart her aufgerollt. Dann wird zum Beispiel behauptet, dass es schon zur Zeit der Staatsgründung ein enges Bündnis zwischen Israel und den USA gab.

Inwiefern sind diese Schulbücher dann auch exemplarisch für das, was in der Schule tatsächlich vermittelt wird?
Das ist schwer zu sagen. Da müsste man ausgiebige Wirksamkeitsstudien machen. Auch wenn man bei manchen Schulbüchern schon erkennen kann, wie was beim Schüler wahrscheinlich verzerrt ankommen wird.

Wie kann es eigentlich zu dieser Verzerrung kommen?
Wohl durch die öffentliche Wahrnehmung des Konflikts. Das sieht man gerade bei den illustrierenden Bildern. Das sind ja meistens Agenturbilder, die immer in eine Richtung gehen. Das muss dramatisch wirken: spielende Kinder vor der Mauer und so weiter. Das weckt Assoziationen.

Geht es um Einseitigkeit?
Grundsätzlich finden sich in fast allen Schulbüchern Fehler und Schwachstellen. Alle Bücher versuchen aber auch, die Perspektiven beider Seiten zu zeigen. Das ist das Prinzip. Klug ist natürlich, wenn dort zwei Quellen gegenübergestellt sind, die gleichrangig sind: ein palästinensischer Jugendlicher und ein israelisch-jüdischer Jugendlicher. Oder zwei Politiker. Da wäre Multiperspektivität gelungen. Aber in einem Fall zitiert zum Beispiel eine Quelle die Aussagen eines Siedlerführers und stellt sie einem jugendlichen Palästinenser gegenüber, der seine Diskriminierungserfahrung schildert. Da wird sich der Schüler natürlich eher mit dem Jugendlichen identifizieren.

Taucht die oft beschworene besondere Verantwortung Deutschlands auf?
Überraschenderweise in den Kapiteln zum Nahostkonflikt so gut wie gar nicht. In den Kapiteln zum Holocaust, die wir in den nächsten Jahren vertieft untersuchen, gibt es aber auch meistens ein Kapitel zum Thema Verantwortung und Erinnerung. Ich denke, da lernen die Schüler, diese Begriffe zu verstehen.

Was wäre die Empfehlung an Schulbuchverlage?
Auf jeden Fall sollte die existierende israelische Zivilgesellschaft in den Büchern präsentiert werden. Das kann ja auch durchaus im Rahmen des bestehenden Narrativs geschehen: »Demokratie und Zivilgesellschaft im Konflikt« etwa. Das würde auch der Realität gerecht.

Mit dem Mitglied der Deutsch-Israelischen Schulbuchkommission und wissenschftlichen Mitarbeiter am Georg-Eckert-Institut für internationale Schulbuchforschung sprach Fabian Wolff.

Leipzig

Hotelmitarbeiter: Gil Ofarim inszeniert sich wie ein Opfer

Vor vier Jahren warf der Musiker dem Hotelmitarbeiter Markus W. vor, ihn aus antisemitischen Gründen nicht einchecken lassen zu haben. Die Vorwürfe waren erfunden. Nun äußert sich der Mitarbeiter erstmals

 10.02.2026

Naturschutz

Ein Zuhause für Meeresschildkröten

Aus einer Notfallklinik in Containern wird ein nationales Zentrum mit weltweit einzigartiger Zuchtstation

von Sabine Brandes  09.02.2026

Literatur

Als nichts mehr normal schien

Ein Auszug aus dem neuen Roman »Balagan« von Mirna Funk, der im Jahr 2024 in Berlin und Tel Aviv spielt

von Mirna Funk  09.02.2026

Restitution

Uni Frankfurt übergibt erstmals NS-Raubgut an Jüdische Gemeinde

Seit gut fünf Jahren durchforstet die Universitätsbibliothek in Frankfurt ihre Bestände systematisch nach Raubgut aus der NS-Zeit. Das Projekt trägt nun Früchte - und ist noch lange nicht abgeschlossen

 09.02.2026

Geburtstag

Seiner Zeit voraus: Vor 100 Jahren wurde John Schlesinger geboren

Regisseur John Schlesinger lebte seine Homosexualität offen und rührte mit seinen Filmen früh an gesellschaftliche Tabus, etwa mit dem Oscar-prämierten »Asphalt Cowboy«. An die atmosphärische Dichte seiner Werke knüpfen Filmemacher noch heute an

von Barbara Schweizerhof  09.02.2026

Fernsehen

Gil Ofarim: »Der Dschungel hat mich wieder zurückgeholt, zurück ins Leben«

»Wenn Gil gewinnt, verliere ich den Glauben an Reality-Shows«, sagte Simone Ballack. Dieser Fall ist nun eingetreten

von Jonas-Erik Schmidt  08.02.2026

Fernsehen

Gil Ofarim gewinnt das RTL-Dschungelcamp. Und nun?

Unser Kolumnist ist nach 17 Folgen ausgebrannt - und zieht ein letztes Mal Bilanz

von Martin Krauß  08.02.2026

Meinung

Warum ich mich für meine Teilnahme am Dschungelcamp nie schämen würde

Die »Lindenstraßen«-Darstellerin Rebecca Siemoneit-Barum war 2015 bei der berühmt-berüchtigten RTL-Sendung in Australien dabei. Hier erzählt sie, was die Zeit im Dschungel bis heute für sie bedeutet

von Rebecca Siemoneit-Barum  09.02.2026 Aktualisiert

Medien

Holger Friedrich, die Juden und ihre offenen Rechnungen nach dem Fall der Mauer

Der Verleger der »Berliner Zeitung« gibt im Gespräch mit Jakob Augstein einmal mehr Einblicke in sein krudes Geschichtsverständnis

von Ralf Balke  08.02.2026