Literatur

Die Helden sind müde

Neue Tendenzen in der israelischen Gegenwartsbelletristik

von Anat Feinberg  04.06.2013 14:10 Uhr

Vielsprachige Nationalliteratur: Leserin in einer Tel Aviver Buchhandlung Foto: Stephan Pramme

Neue Tendenzen in der israelischen Gegenwartsbelletristik

von Anat Feinberg  04.06.2013 14:10 Uhr

Hebräisch? Jiddisch? Gar Russisch und Französisch? Dies alles unter der Bezeichnung »israelische Literatur« zu subsumieren, mag merkwürdig anmuten. Doch der Sprachwirrwarr ist ein faszinierender. Denn die israelische Literatur ist durchaus nicht mit der hebräischen Literatur identisch: In Israel erscheinen belletristische Werke in allerlei Sprachen, allen voran auf Russisch, so etwa die Prosawerke der international erfolgreichen Dina Rubina.

zwei sprachen Der in Australien lehrende, aus Israel stammende Linguist Gilad Zuckermann unterscheidet sogar zwischen zwei verschiedenen Literatursprachen – Hebräisch und Israelisch. Seine These: Etgar Keret beispielsweise schreibe nicht in derselben Sprache, in der Shmuel Yosef Agnon, der Klassiker der hebräischen Moderne und Nobelpreisträger (1966), seine Werke verfasste. Während für Agnon Hebräisch, im Unterschied zu Jiddisch, keineswegs die Muttersprache war, ist Kerets Werk in einem linguistischen Sinne authentisch, wenngleich die Sprache, in der es verfasst ist, eher die Bezeichnung Israelisch verdiene.

Aber Zuckermann geht noch einen Schritt weiter: Er widerspricht der Meinung der »Puristen«, die sich über eine Verarmung und zunehmend fehlerhafte Ausdrucksweise in der hebräischen Literatur beklagen, und argumentiert, dass für Israelis das klassische Hebräisch längst eine Fremdsprache sei. Kein Wunder also, dass sie die Werke Agnons nicht verstehen können und für die Gedichte des Nationaldichters Chayim Nachman Bialik eher zu einer neuen, »leserfreundlichen« Ausgabe greifen, in der am Rande des jeweiligen Gedichts (scheinbar) schwere, veraltete oder gar obsolete Worte erklärt werden.

wiedergeburt Es ist heute kaum vorstellbar, doch noch vor genau 100 Jahren lebten die meisten Leser und Verleger der hebräischen Literatur ebenso wie die in dieser Sprache schreibenden Autoren in Ost‐ und Mitteleuropa. Dass die hebräische Sprache im jüdischen Staat eine einzigartige Renaissance erleben konnte, ist für mich einer der größten und eindeutigsten Erfolge der zionistischen Bewegung.

Die Sprache, die jahrhundertelang als Sefat kodesch hauptsächlich im religiösen Ritus gebraucht wurde, ist in Israel zu einer lebenden Sprache, zu einem Kommunikationsmittel im Alltag wie auch zu einer den Zeitgeist widerspiegelnden Sprache der Literatur geworden. Aus einer Literatur fernab des nationalen Territoriums, die voller Sehnsucht und Hoffnung das Land Zion idealisierte, wurde die Literatur einer Nation, eine Literatur, die die Wiedergeburt des jüdischen Volkes in der altneuen Heimat begleitete, gewiss teilweise überhöhte, sich aber auch mutig und oft vorausahnend mit den Problemen des Landes auseinandersetzte.

»Elik wurde aus dem Meer geboren« – dieser Einleitungssatz in Moshe Shamirs Roman Mit eigenen Händen (1951) formuliert die Quintessenz des neuen, mit Mythen beladenen Helden, der anspielungsreich aus dem Meer emporstieg und von Wellen getragen direkt in die eretz‐israelische Welt geboren wurde. Die Figur des »neuen Juden«, des im Lande geborenen Israeli, dominierte die erste Phase der Literaturgeschichte des jüdischen Staates.

Die mediterrane Landschaft der Heimat ist der Hintergrund für das Werden und Wirken des Sabra‐Helden. Dieser verkörpert das normale Leben eines freien Volkes im eigenen Land. Der Israeli, der aus der Heimaterde Brot gewinnt und der Taten über Worte stellt, sollte eine Antwort auf das stereotype Bild sein, das man sich – inner‐ und außerhalb der Literatur – damals gemeinhin vom Juden in der Diaspora machte. In der gegenwärtigen Prosa ist der heldenhafte Typus kaum noch zu finden.

zweifel In politischen Fragen waren es gerade die Schriftsteller, nicht die Politiker, denen bereits kurz nach der Staatsgründung die ersten Zweifel kamen. Weder das zionistische Projekt noch die israelische Politik konnten eine Lösung für das Zusammenleben mit den Arabern anbieten. Die Kriege hatte man zwar gewonnen, den Konflikt mit den Palästinensern aber nicht gelöst.

Das moralische Dilemma kommt nirgends so deutlich zum Ausdruck wie in der Prosa S. Yizhars. In seinen meisterhaften Kurzgeschichten Hirbet Hizaa und Der Gefangene (1948) wird das moralische Verhalten der Israelis im Umgang mit den Arabern thematisiert. Was soll der israelische Soldat mit dem besiegten arabischen Gefangenen machen? Soll er ihn töten oder leben lassen, und welche Konsequenzen zieht jede dieser Optionen nach sich?

In der israelischen Literatur der vergangenen Jahrzehnte erscheint der Araber oft als hilfloses Opfer, als Vertriebener, ja in makabrer Abwandlung des Bildes der über Jahrhunderte verfolgten Juden, zugleich auch als eine bedrohliche, gar dämonische Gestalt.

Yoram Kaniuk unternahm bereits 50 Jahre vor dem Erscheinen seines jüngsten Romans 1948 (2010) den Versuch, die Geschichte des Unabhängigkeitskrieges gegen das zionistische Narrativ zu bürsten, und entlarvte in seinem Roman Chimmo, König von Jerusalem (1965) das hässliche Gesicht des Krieges. Diese Tradition ist nicht in Vergessenheit geraten. Im vergangenen Jahrzehnt floriert die sogenannte Zukunftsliteratur (Assaf Gavron, Yali Sobol). Ihr Kennzeichen sind Dystopien, die ein düsteres Bild einer Gesellschaft im Schatten von Terror‐ und Cyberspace‐Katastrophen zeichnen.

privatsphäre Der dezidierte Vorwurf, israelische Schriftsteller zögen sich in den letzten Jahren ins Private zurück und vermieden dadurch die Beschäftigung mit den »großen« politisch‐gesellschaftlichen Themen, ist unzutreffend. Das Gegenteil ist der Fall. Neben Werken angesehener Autoren, welche die persönliche mit der kollektiven Geschichte verschränken – so beispielsweise Amos Oz’ Eine Geschichte von Liebe und Finsternis (2002), David Grossmans Meisterwerk Eine Frau flieht vor einer Nachricht (2008) oder jüngst Jehudit Katzirs Roman Zila (2013) – gibt es eine beachtliche belletristische Produktion weiterer Autoren, die von der Beschäftigung mit brisanten Themen zeugt.

Kaum mehr zu überschauen ist seit Anfang der 90er‐Jahre außerdem die Zahl von Romanen israelischer Schriftstellerinnen, wobei häufig der Blick auf das Leid, die Leidenschaften und Ängste der Frau als autonomes Subjekt gerichtet sind. Diese Literatur stellt eine späte Antwort auf die lange Zeit herrschende Ausgrenzung der Frau im männlich dominierten nationalen Diskurs und in der Belletristik dar. Beschrieben werden Ehe und Mutterschaft, sexuelle Erfahrungen und weibliche Intimitäten. Im Zeichen wachsender Aufgeschlossenheit und Toleranz werden zudem lesbische Beziehungen (Klil Zisappel, Jehudit Katzir) und die Erfahrungen männlicher Homosexueller beschrieben (Ilan Sheinfeld, Moshe Sakal).

Bemerkenswert sind ebenfalls eine Reihe von Romanen, die das orthodoxe Milieu mit seinen strengen Verhaltensregeln und Sitten beleuchten. Der Drang, aus diesem als hermetisch empfundenen Leben auszubrechen, sowie die Suche nach einer jüdischen Identität außerhalb des religiös bestimmten Kontextes sind Themen, die beispielsweise in der Erzählprosa von Autoren wie Mira Magen, Haim Be’er und Dov Elbaum eine wichtige Rolle spielen.

In den vergangenen Jahren sind auch die unterschiedlichen ethnischen Gruppen, aus denen die israelische Gesellschaft besteht, immer stärker in den Mittelpunkt der Literatur gerückt. Getragen vom Wunsch nach kultureller Erinnerung unternehmen die Kinder und Enkelkinder der Einwanderer, insbesondere diejenigen orientalischer Herkunft – beispielsweise Almog Behar – den Versuch, die Geschichte ihrer Familie und das Leben der Vorfahren in der Diaspora aufzuarbeiten, nachdem dieses Erbe lange Zeit unter dem Druck des monolithischen, eurozentrischen israelischen Identitätsmodells verschwiegen wurde.

Nicht zuletzt die aus denNachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion eingewanderten Autoren erzählen von Emigration und Einsamkeit und von jener Welt, die sie hinter sich lassen mussten (Marina Grosslerner, Boris Zaidman). 2008 erschien der allererste Roman, der die Einwanderung eines äthiopischen Israelis schildert, Asterei von Omri Tegamlak Avera.

deutschland Doch das für mich persönlich zweifellos spannendste Phänomen ist die Konjunktur jenes Motivs, das ich als Rückkehr nach Deutschland bezeichne. Als ich 1998 den Sammelband Wüstenwind auf der Allee. Israelische Autoren blicken auf Deutschland herausgab, ahnte ich kaum, dass diese Anthologie ein Phänomen in den Blick nahm, das seitdem stetig an Bedeutung in der hebräischen Literatur der Gegenwart gewonnen hat.

So sind inzwischen nicht nur Yoram Kaniuks fesselndes autobiografisch aufgeladenes Buch Der letzte Berliner (2002) und Fania Oz‐Salzbergers Studie Israelis in Berlin (2001) erschienen, sondern auch zahlreiche Romane, wie beispielsweise Judy Tals Der Teufel aus Berlin (2008), Nir Barams Gute Leute (2010), Shifra Horns Der Tanz der Skorpione (2012) oder Daniel Cohen‐Sagis Eine deutsche Liebe (2013). Als Orte der Erinnerung regen Deutschland und insbesondere Berlin wie kaum andere die israelische Fantasie an.

In keinem anderen Buch ist die Verquickung von Gegenwart und Vergangenheit dabei so plastisch geschildert wie in Haim Be’ers Roman Bebelplatz (2007) – ein Buch, das Erinnerungen an eine untergegangene Welt beschwört, dabei gleichzeitig das heutige Berlin erkundet und zugleich an die blühende hebräische Kultur an der Spree zur Zeit der Weimarer Republik anknüpft.

Anat Feinberg ist Professorin für hebräische und jüdische Literatur an der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg.

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