Usama Al Shahmani

Die Hälfte der Asche

Usama Al Shahmani

Die Hälfte der Asche

Der Schweizer Autor stammt aus dem Irak. Sein Roman erzählt eine Familiengeschichte zwischen Jerusalem und Bagdad

von Frank Keil  13.10.2025 13:18 Uhr

Er erblickt sich selbst kurz im Rückspiegel des Taxis, zufällig und unabsichtlich. Ein alter und müder Mann schaut da zurück. Wie sein Vater sieht er aus, der im Jerusalemer Hadassah Medical Center im Sterben liegt und ihn noch einmal sehen will, vor 30 Jahren sind sich die beiden das letzte Mal begegnet. Schon damals war das Verhältnis des Sohnes zum Vater mehr als frostig, hatte der Vater doch die Familie einst verlassen, an einem ganz normalen Abend, hatte einfach einen Koffer gepackt und ein paar Bücher mitgenommen, da ist Gadi noch ein Kind, und darüber gesprochen, was eigentlich vorgefallen war, ob es Gründe gab, das hat man nie.

Entsprechend unentschlossen und widerborstig gestimmt ist Gadi von Zürich, wo er mittlerweile als Sprachwissenschaftler arbeitet, nach Tel Aviv geflogen und nun landeinwärts mit dem Taxi unterwegs. Er bittet den Fahrer umzukehren, dann entscheidet er sich erneut um.

Nach ein paar Tagen wird er in die Schweiz zurückkehren, herausgefordert von einem sonderbaren, letzten Wunsch seines Vaters: Die Hälfte seiner Asche solle in Jerusalem bestattet werden, die andere aber möge der Sohn in Bagdad in den Tigris schütten, unterhalb der Ahrar-Brücke. In Bagdad! Was für eine abstruse Idee! Und damit nicht genug: Überreicht hat man ihm auch Aufzeichnungen seines Vaters, ein loses Bündel an Papieren, an Briefen und Notizbüchern. Soll er das wirklich lesen? Und dann?

Gadi ist zunächst kein sonderlich sympathischer Held

Gadi ist zunächst kein sonderlich sympathischer Held. Verschlossen und wortkarg, lädt er eher zum Distanzieren ein; nicht das Schlechteste, was einer Romanfigur passieren kann. Denn so entsteht Raum für eine sich behutsam entwickelnde Erzählung, in der auf ganz leichte, aber bald eindrückliche Weise eine scheinbar private Familiengeschichte verknüpft wird mit den politischen Umbrüchen und Konflikten des Nahen Ostens, die bis ins Heute ragen.

Denn wir tauchen lesend parallel ein in die Geschichte des Irak, besonders der 30er-Jahre, als es den scheinbar so fernen Nationalsozialisten in Berlin gelingt, die erstarkende irakische Nationalbewegung antisemitisch zu infiltrieren. Nach zunächst vereinzelten, dann organisierten Übergriffen und schließlich sich aufbauenden behördlichen Maßnahmen verlassen die irakischen Juden in Scharen ihr Land – wie Gadis Großeltern mütterlicherseits und eben auch väterlicherseits, worüber ihr Nachkomme in den ihm überlassenen Unterlagen lesen wird.

Wer ist der Autor dieser Erzählung? Usama Al Shahmani wird 1971 in Bagdad geboren, er wächst in der Großstadt Nasiriya im Südirak auf, studiert später moderne arabische Literatur und findet selbst zum Schreiben, besonders fürs Theater. Eines seiner Stücke aber missfällt im Jahr 2002 der Zensurbehörde, und er verlässt das Land.

Usama Al Shahmani ist die wohl wichtigste migrantische Stimme in der Schweizer Literatur

Er entscheidet sich für die Schweiz, zwei Jahre lang wird er dort von einer Flüchtlingsunterkunft zur nächsten geschickt, es ist ein mühsames, fremdes Leben. Doch er boxt sich durch, findet sich ein. Er lernt das amtliche Hochdeutsch und übersetzt bald ins Arabische: die Stücke des Schweizer Theatermanns Thomas Hürlimann, Schriften des deutschen Theologen Friedrich Schleiermacher, er übersetzt den Philosophen Jürgen Habermas.

Heute ist Usama Al Shahmani die wohl wichtigste migrantische Stimme in der Schweizer Literatur, der nun nach autofiktionalen Stoffen mit seinem vierten Roman eine fiktive Familiengeschichte vorlegt. Auch sie wird entscheidend getragen von eigenen Fremdheitserfahrungen; vom Ankommen an einem Ort, der eben nur ein Name war.

So wie auch Gadi in den Irak reisen wird, nach Bagdad, des Vaters Urne im Gepäck, begleitet von einem engen Freund, der wiederum eine ganz eigene Geschichte mit sich trägt. Und wir folgen einer melancholisch grundierten Reise ins Äußere wie ins Innere. Einer Reise, die davon erzählt, dass wenigstens so etwas wie eine persönliche Heilung möglich ist, auch wenn die politischen Verbindungen zwischen den verschiedenen Sphären und Kulturen wohl auf lange Zeit zerrissen bleiben werden.

Usama Al Shahmani: »In der Tiefe des Tigris schläft ein Lied«. Limmat, Zürich 2025, 234 S., 26 €

Berlin

Ruin und Rausch - Schau zeigt Berlin-Leben der 1910er und 20er Jahre

Glamour, Armut, Aufbruch: Die Neue Nationalgalerie Berlin zeigt mit »Ruin und Rausch«, wie Berlin in den 1910er und 20ern zwischen Glanz und Absturz, Chaos und Ekstase lebte. Was das »Babylon Berlin«-Lebensgefühl prägte

von Karin Wollschläger  24.04.2026

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der Jüdischen Welt

von Katrin Richter, Sabine Brandes, Imanuel Marcus  24.04.2026

Gesundheit

Brauchen Babys Fleisch?

Forscher der Ben-Gurion-Universität werfen ein neues Licht auf weit verbreitete Vorstellungen

von Sabine Brandes  24.04.2026

Kunst

Der Augenmensch

In Frankfurt zeigt das Jüdische Museum in einer Kabinettausstellung mehr als 200 Werke des Malers und Zionisten Armin Stern

von Eugen El  24.04.2026

Aufgegabelt

Schnelle Atayef

Rezept der Woche

von Katrin Richter  24.04.2026

Film

Maggie Gyllenhaal wird Jury-Chefin der Filmfestspiele von Venedig

In dieser Rolle darf die Regisseurin und Darstellerin sie über den Goldenen Löwen entscheiden

 24.04.2026

Venedig

Jury der Biennale schließt Israel und Russland von Preisvergabe aus

Solange Farkas und die anderen vier Jurorinnen erklären, sie wollten Staaten nicht in die Preisentscheidung einbeziehen, deren Regierungschefs vom Internationalen Strafgerichtshof angeklagt seien

 24.04.2026

Augsburg

Neue »Initiative Antisemitismuskritik & Theater« geplant

Theaterleute wollen sich gemeinsam gegen Judenhass im Kontext Bühne stellen. Dazu planen sie die Gründung einer neuen Initiative in Augsburg. Beteiligt sind auch Akteure aus anderen Teilen Deutschlands

von Christopher Beschnitt  23.04.2026

In eigener Sache

»Jüdische Allgemeine« kooperiert mit katholischer »Tagespost«

Ein Zeichen gegen Antisemitismus: »Die Tagespost« legt ihren Abonnenten die »Jüdische Allgemeine« kostenlos bei. Hinter der Aktion steckt unter anderem ein rundes Jubiläum

von Hannah Krewer  23.04.2026