Schauspiel

Die ganze Welt ist eine Bühne

Das Deutsche Theater in Berlin: Hier schuf Max Reinhardt bis 1932 viel beachtete Inszenierungen. Foto: picture alliance / Schoening

Angekündigt wird nicht weniger als die Spiegelung der »Sternstunden und Abgründe eines Landes« in der Historie des renommierten Deutschen Theaters Berlin. Dieses ambitionierte Versprechen im Klappentext wird auf 316 Seiten in beeindruckender Weise eingelöst. Autorin Esther Slevogt, Theaterwissenschaftlerin und Chefredakteurin des Rezensionsportals »Nachtkritik«, weiß, wovon sie schreibt in ihrem Buch Auf den Brettern der Welt. Das Deutsche Theater Berlin.

Vor allem entwickelte sie nach einer bienenfleißigen Recherche, wofür allein 61 Seiten (!) Anmerkungen ein Beleg sind, beim Schreiben einen ungeheuren Spaß an Plotkes: flüssig erzählte Theateranekdoten vor dem Hintergrund von Zwängen und Wandlungen in nicht weniger als sechs verschiedenen Staatswesen.

So sollte das letzte Drittel des 19. Jahrhunderts für jüdische Theaterleute in Preußen in gleich zweierlei Hinsicht vorteilhaft sein. Da waren zunächst die am 1. Januar 1870 im Norddeutschen Bund in Kraft getretenen Verordnungen, die allen, unabhängig von der religiösen Bindung, Gleichberechtigung »in bürgerlicher und staatsbürgerlicher Beziehung« garantierten. Somit konnten auch private Theater gegründet werden, was bis dahin ein Privileg des höfischen Adels gewesen war.

Slevogt betont, dass das, »was man heute den gesellschaftlichen Partizipationsanspruch nennen würde«, hier am ehesten zu verwirklichen war – auf der Bühne wie im Publikum. Und das Buch weist nach, dass speziell am Beispiel des Deutschen Theaters auch die deutsch-jüdische Kulturgeschichte über Jahrzehnte hinweg exemplarisch abgebildet werden kann.

Der Initiator des ersten bürgerlichen Theaters war Siegwart Friedmann

Der Initiator dieses ersten bürgerlichen Theaters war der Schauspieler Siegwart Friedmann, der, 1842 in Budapest geboren, zunächst Samuel Friedmann hieß. Und Lajos Weiss, Sohn des Justiziars der dortigen jüdischen Gemeinde, nannte sich als Schauspieler Ludwig Barney. In Berlin wurden sie Kompagnons und eröffneten in einem Akt der »bürgerlichen Selbstermächtigung«, so Slevogt, am 29. September 1883 das Deutsche Theater mit Schillers Kabale und Liebe. In den folgenden Jahren war der Spielplan über weite Strecken dominiert von Stücken, in denen soziale Konflikte und deren psychologische Untiefen verhandelt wurden.

Jüdische Schauspieler und Regisseure hatten großen Anteil an der Geschichte des Hauses.

Henrik Ibsen fand ebenso den Weg auf die Bühne des Hauses wie Gerhart Hauptmann – eine Spielplangestaltung, die vor allem dem jüdischen Regisseur Otto Bram zu verdanken war. Einst als Theaterkritiker tätig, war er ans Deutsche Theater gekommen und übernahm es im Jahr 1894. In dieser Spielzeit wurde auch ein junger jüdischer Schauspieler namens Max Reinhardt (geboren als Maximilian Goldmann) engagiert. Er wird nach Otto Brams Tod das Deutsche Theater gemeinsam mit Bruder Eduard als kaufmännischem Direktor bis zum Jahr 1932 leiten. Max Reinhardt schuf viel beachtete Inszenierungen mit einer poetischen Bildsprache.

In den zwei Jahrzehnten seiner Theaterleitung wurde er »Zauberer« genannt, und in Slevogts Buch erfahren die Leser, warum. Reinhardt gilt als Schöpfer neuer Bühnenlösungen, wofür die Drehbühne und der Rundhorizont Erfindungen waren, die bis heute zum Einsatz kommen. Auch entwickelte der »Zauberer« das Konzept des Kammerspiels, wobei das Schauspielensemble bei kleinen intimen Stücken dem Publikum sehr nahekommt. Kaum ein Stadttheater der heutigen Zeit, das nicht neben dem Haupthaus auch über eine Kammerspielstätte verfügt.

Der Ära Max Reinhardt folgten Jahrzehnte zweier Diktaturen

Der Ära Reinhardt folgten Jahrzehnte zweier Diktaturen. Esther Slevogt beschreibt diese Zeit anhand sehr persönlicher Schicksale. Bewegend etwa die Geschichte des jüdischen Staatsschauspielers Paul Otto. Der vermeintlich fanatische Nazi wird im November 1943 von einem Kollegen mit »Heil Hitler, Herr Schlesinger!« begrüßt. Die Tarnung war aufgeflogen. Gemeinsam mit seiner Frau beging Otto Suizid, um einer Deportation zuvorzukommen.

Slevogt setzt die an der gesellschaftlichen Realität gespiegelten Geschichten des Deutschen Theaters auch im sowjetischen Sektor von Berlin fort. Es beginnt mit Verdächtigungen der aus der sowjetischen Emigration zurückgekehrten politischen Klasse gegenüber allen und jedem, worunter die ersten Nachkriegs-Intendanten Gustav von Wangenheim und Wolfgang Langhoff zu leiden hatten.

Im Herbst 1989 beschließt das Schauspielensemble des Deutschen Theaters, eine Demonstration anzumelden. Es waren die Schauspielerin Jutta Wachowiak, die den Aufruf der noch nicht legalen Partei Neues Forum in die Ensembleversammlung eingebracht hatte, und der Anwalt Gregor Gysi, der die Rechtslage erläuterte. Slevogt beschreibt die euphorische Atmosphäre sehr plastisch, die am 4. November 1989 zur großen Demonstration und Kundgebung auf dem Alexanderplatz führte. Das Kapitel ist überschrieben mit »Antrag auf eine Demonstration oder: Wie ein Staat verschwindet«.

Die keineswegs widerspruchsfreie Geschichte des Deutschen Theaters der Nachwendezeit findet ihre Würdigung in einem Epilog. Wer Geschichte und Theaterkunst in kausaler Wechselwirkung begreift, wird in diesem unterhaltsam verfassten Buch ein lesenswertes Dokument finden.

Esther Slevogt: »Auf den Brettern der Welt. Das Deutsche Theater Berlin«. Ch. Links, Berlin 2023, 384 S., 25 €

Meinung

Warum Erwin Rommel kein Vorbild für die Bundeswehr sein kann

Der Mythos vom ritterlichen »Wüstenfuchs« überlagert bis heute die wahre Geschichte hinter dem Nazi-General. Umso dringender ist eine Beschäftigung mit seiner Biografie

von Benjamin Ortmeyer  07.05.2026

Kino

Historiendrama: »Andor Hirsch« - Ein jüdischer Junge im Nachkriegs-Ungarn

»Andor Hirsch« ist ein Historiendrama um einen jüdischen Jungen, der im Ungarn der 1950er Jahre mitten in den Nachwehen des gescheiterten Volksaufstands in eine Identitätskrise gerät - als er erfährt, wer sein Vater ist

von Kira Taszman  07.05.2026

Zahl der Woche

60 bis 75 Minuten

Fun Facts und Wissenswertes

 07.05.2026

Satire

Wie die Jüdische Allgemeine in 80 Jahren entsteht

Die KI braucht keinen Urlaub und macht nie Fehler: Eine Vorausschau

von Ralf Balke  07.05.2026

Redaktion

Die Menschen hinter der Jüdischen Allgemeinen

Wer textet und redigiert, gestaltet, illustriert und organisiert heute die Jüdische Allgemeine? 19 Menschen, neun Ressorts – wir stellen uns vor

 07.05.2026

Presse

Laut und deutlich

Jüdische Zeitungen verstanden sich stets als Stimme ihrer Leserschaft. Daran hat sich auch in Deutschland bis heute wenig geändert

von Philipp Lenhard  07.05.2026

Presse

Stimme des Neubeginns

Anfang 1946 kehrten Karl und Lilli Marx aus dem britischen Exil nach Deutschland zurück und übernahmen in Düsseldorf die Herausgeberschaft eines jüdischen Gemeindeblattes. Im Laufe der Jahre ging daraus die Jüdische Allgemeine hervor. Porträt eines Vermittlerpaares

von Ralf Balke  07.05.2026

Zeitungsproduktion

Mit Papier, Schere und Klebestift

Texte kamen per Fax, Manuskripte per Post. Unsere ehemalige Kollegin erinnert sich, wie früher die Allgemeine Jüdische Wochenzeitung gemacht wurde

von Heide Sobotka  07.05.2026

Essay

Herzenstexte auf gedrucktem Papier

Unsere Autorin begann beim Fernsehen, war lange Zeit beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk und schreibt heute für die Jüdische Allgemeine. Eine Liebeserklärung

von Maria Ossowski  07.05.2026