Kino

Die Eingeschlossene von München

Wer ist wer in Luisas Wahnwelt? Foto: Promo

Kino

Die Eingeschlossene von München

Rudi Gauls surrealistischer Debütfilm über eine Jüdin im Nazideutschland der 40er Jahre

von Alexandra Belopolski  07.01.2010 00:00 Uhr

Rudi Gauls Debüt Das Zimmer im Spiegel, der diese Woche in die Kinos kommt, spielt während der Nazizeit. Seine Hauptfigur ist eine Jüdin. Doch ein zeitgeschichtliches Drama ist der Film nicht. Der Holocaust ist nur Anlass für den Regisseur, in eindrucksvollen wie eigenartigen Bildern zu zeigen, welche Auswirkungen physische und psychische Isolation auf eine Frau haben können.

Die Jüdin Luisa wird während des Zweiten Weltkriegs von ihrem »arischen« deutschen Mann vor den Nazis in einer leer stehenden Münchener Dachgeschosswoh- nung versteckt. In dem Raum stehen nur die nötigsten Möbel – und ein Spiegel. Anfangs kommt Karl von Zeit zu Zeit, bringt Luisa Kaffee und verbotene Bücher, die er mithilfe einer Freundin besorgt, einer Schauspielerin namens Judith. Doch Karl ist kalt und distanziert; der Zuschauer beginnt zu ahnen, dass etwas nicht stimmt. Nach einer Weile hören die Besuche auf. Mit dem Verschwinden Karls, der nicht nur Luisas Liebe ist, sondern auch ihre einzige Verbindung zur Außenwelt, verschwindet auch sukzessive die klare Wahrnehmung bei der Eingeschlossenen. Luisa wird zunehmend paranoid, spült nicht einmal mehr die Toilette, aus Angst, gehört und entdeckt zu werden. Jedes Geräusch, das von außen an ihr Ohr dringt, ist eine Mischung aus Hoffnung – dass es Karl sein könnte – und Angst – aufgespürt zu werden. Als Luisa kurz vor dem endgültigen psychischen Zusammenbruch steht, taucht plötzlich Judith auf. Aber ist sie es tatsächlich? Oder fantasiert Luisa nur?

Der Regisseur nutzt offenkundig Motive von Lewis Carroll, um Luisa ein Wunderland zu schaffen, in das sie sich vor den Schrecken ihrer Lage flüchten kann. Gleichzeitig erinnert Das Zimmer im Spiegel auch an eine Arbeit zweier anderer Lewis-Carroll-Fans, der Wachowski-Brüder und ihren Kultthriller Bound von 1996. Auch dort hilft eine starke Frau einer schwachen aus der Falle, wie hier Judith Luisa aus der Realität in eine Welt führt, von der sie immer nur geträumt hat. Und hier wie dort hat die Beziehung zwischen den beiden Frauen auch prononcierte sexuelle Aspekte.

Der dritte Protagonist ist der Spiegel im Zimmer. Vor ihm macht sich Luisa für Karls Besuche schön, aus ihm tritt die Fantasiefigur eines Bassisten, vor ihm kommt der Film zu seinem atemberaubenden Finale.

Kirstin Fischer spielt die Luisa mehr als nur überzeugend. Die schwierigste Prüfung für Schauspieler ist, ob sie auf der Leinwand schweigen können. Fischer besteht diesen Test mit Bravour. Während der gesamten ersten Hälfte des Films ist sie mit wenigen Ausnahmen völlig alleine auf der Leinwand und schafft es, nur auf sich gestellt, den Zuschauer zu fesseln. Den langsamen Zerfall von Luisas Geisteszustand kann man auf ihrem Gesicht lesen wie in einem Buch. Von Seite zu Seite versinkt sie immer mehr im Wahn. Beeindruckend auch Eva Wittenzellner, die die Judith als eiskalte Femme fatale gibt und den Zuschauer bis zum Ende im Ungewissen über sich lässt.

Schwer nur zu sagen, ob dieser Film ein Geniestreich ist, oder der Trip eines größenwahnsinnigen Filmhochschulabsolventen. Vielleicht beides. Egal: So oder so ist Das Zimmer im Spiegel eines jedenfalls nicht – langweilig.

Fernsehen

Gil Ofarim: »Das kann es nicht gewesen sein«

Was genau er damit meint und ob er sich auf den Skandal bezieht, der das öffentliche Bild von ihm zuletzt geprägt hatte, lässt Ofarim als Cliffhanger offen

 28.01.2026

"Dschungelcamp"

Anwalt von Gil Ofarim warnt vor Grenzüberschreitungen

Alexander Stevens sagt, es würden teils unwahre Tatsachenbehauptungen verbreitet, die strafrechtliche Konsequenzen haben könnten

 28.01.2026

Programm

Termine und TV-Tipps

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 29. Januar bis zum 5. Februar

 28.01.2026

Fernsehen

»Bin ich die einzige Normale?«

Die Frage stellt Dschungelcamperin Ariel – doch Ferndiagnosen verbieten sich auch bei TV-Stars

von Martin Krauss  28.01.2026

Zahl der Woche

13 Sommer- und Winter-Machanot

Fun Facts und Wissenswertes

 27.01.2026

Kairo/Berlin

Ägypten verbietet Buch zu Gaza-Krieg - Autoren: Das Interesse ist riesig

Ihr Streitgespräch über den Nahostkonflikt sorgte in Deutschland für viel Aufmerksamkeit - doch Ägyptens Zensur verbietet das Buch von Philipp Peyman Engel und Hamed Abdel-Samad. Die Autoren nehmen es eher gelassen

 27.01.2026

USA

Kanye West entschuldigt sich erneut für Antisemitismus

In einer ganzseitigen Anzeige im Wall Street Journal schreibt der Rapper: »Ich bin kein Nazi und kein Antisemit. Ich liebe jüdische Menschen.«

 27.01.2026

Meinung

Ein Schmock kommt selten allein

Im »Dschungelcamp« scheint Gil Ofarim in bester Gesellschaft. Doch was hat er aus seiner Lüge in der »Davidstern-Affäre« gelernt?

von Ayala Goldmann  27.01.2026

Meinung

»Zeit Geschichte« stellt sich in eine unsägliche Tradition

Das Titelbild der neuen Ausgabe des Hefts reduziert den Nahostkonflikt auf ein simples Gut-gegen-Böse-Schema. Immer wieder nutzen renommierte Medien problematische Bildsprache, wenn es um Israel geht

von Nikolas Lelle  27.01.2026