Miss Germany

Die Chancen stehen gut

Tamar Morali stammt aus Karlsruhe, lebt in Herzliya und hofft darauf, Deutschland und Israel zugleich repräsentieren zu dürfen. Foto: MGC-Miss Germany Corporation

In den Wochen vor dem Finale ist es schwierig, Tamar Morali zu erwischen. Die heiße Phase hat begonnen: Fotoshootings, Anproben, Kamerateams, Interviews, sogar ein einwöchiges »Beauty Camp« auf Fuerteventura mussten die 22 Finalistinnen absolvieren. Zwei Wochen vorher passte dann plötzlich das Abendkleid nicht, erzählt die 21‐Jährige. Alles musste geändert werden.

»Aber ich will einfach, dass es perfekt ist«, gibt sie zu. In zwei Stunden geht ihr Flug nach Deutschland, wo am 24. Februar die offizielle Wahl zur Miss Germany im Europa‐Park Rust am Dreiländereck zwischen Deutschland, der Schweiz und Frankreich stattfindet.

Ob sie aufgeregt ist? »Nein, ich freue mich einfach wahnsinnig«, antwortet Tamar und klingt dabei dann doch etwas nervös. Ganz außer Atem berichtet sie von ihrer ersten Fashion‐Erfahrung bei den #look! Style Awards der Wiener Fashion Week. Dort holte sie im vergangenen Jahr den ersten Preis – und entschied sich daraufhin für eine Bewerbung zur Miss Germany 2018.

botschafterin Es gehe für sie aber nicht nur um Mode und Lifestyle, betont die Finalistin, die als »Miss Internet« das Finalticket löste, sondern immer auch darum, Botschafterin des eigenen Landes zu sein. »Das habe ich mein Leben lang gern gemacht, in der Schule oder jetzt im Studium. Deswegen hat mich diese Misswahl auch gereizt«, sagt Morali.

Dass Tamar Morali sogar zwei Länder präsentieren möchte – dafür lieben sie die Medien. Denn als Deutsche und zugleich Israelin ist die Studentin für viele Miss‐Beobachter besonders reizvoll. Schon jetzt wird sie als erste jüdische Miss Germany gehandelt und zieht damit große Aufmerksamkeit auf sich. Die Chancen stehen nicht schlecht, dass sie nach dem Miss‐Internet‐Titel weiterkommt, sagen viele Beobachter.

Zwei Wochen vorher passte plötzlich das Abendkleid nicht.
Das alles ist jedoch nur die halbe Wahrheit. Bereits im Jahr 2011 wurde eine jüdische Frau in Deutschland zur Miss‐Kandidatin gekürt. Valeria Bystritskaia, geboren in Moskau als Tochter einer jüdischen Ukrainerin, gewann die Wahl zum Miss‐Universe‐Germany‐Wettbewerb. Während der gesamten Misswahl erwähnte sie jedoch genauso wenig ihre Herkunft wie ihre Religion. Weder Medien noch Organisatoren fragten sie jemals danach.

karlsruhe Für Bystritskaia war ihr Jüdischsein kein Zusatz, der ihre Kandidatur noch aufregender hätte machen können. Aus Angst vor antisemitischen Anfeindungen gegen ihre Familie in der Heimat hielt Bystritskaia es geheim. Die Anfeindungen waren bereits in ihrer Kindheit so unerträglich gewesen, dass sie 1993 gemeinsam mit ihrer Mutter nach Deutschland emigrierte und sich schließlich in Karlsruhe niederließ.

Wie es der Zufall so will, stammt auch Morali aus Karlsruhe. Mit acht Jahren zog sie gemeinsam mit ihrer Familie nach Wien; die österreichische Staatsbürgerschaft hat sie dennoch nie angenommen. »Meine Eltern wollten gerne nach Wien ziehen, weil es dort eine größere jüdische Gemeinde gibt«, erzählt sie. In Karlsruhe sei es ihrer Familie damals unmöglich gewesen, ein jüdisches Leben zu führen.

In Wien ging Tamar jedoch auf eine jüdische Schule, lernte Hebräisch, schloss sich einer jüdischen Jugendorganisation an. Bis heute hält sie immer noch Schabbat, isst koscher und engagiert sich in der jüdischen Gemeinde. Gemeinschaftsgefühl sei einfach sehr wichtig für sie. »Das zeigt sich jetzt auch wieder bei der Misswahl«, sagt sie.

Kibbuz Nach dem Abitur wollte sie es dann aber wirklich wissen: Ist Israel eine zweite Heimat? Oder doch nur ein Ort, an dem man jeden Sommer mit Onkeln und Tanten Urlaub macht? Soll sie sich entscheiden? »Oder muss ich das vielleicht gar nicht?«, überlegt sie. Die Fragen nach Identität und Nationalität seien bei Menschen wie ihr – die zwischen mehreren Kulturen leben – vielleicht immer dringender als bei anderen.

Auf der Suche nach einer Antwort begann Tamar nach der Schule ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) in Israel. Sie arbeitete in sozialen Einrichtungen, verbrachte einige Zeit im Kibbuz – und kam nicht mehr nach Deutschland zurück. »Ich habe mich völlig in das Land verliebt. Ich wusste, dass ich hierbleiben will«, erzählt sie. »Also bin ich nur noch einmal kurz nach Deutschland gefahren, um ein paar Klamotten abzuholen, und bin dann einfach in Israel geblieben.«

Mittlerweile studiert Tamar Kommunikation am Interdisciplinary Center (IDC) in Herzliya nördlich von Tel Aviv. Dort wohnt sie in einer Wohngemeinschaft mit ihrem Bruder. Nach Tel Aviv fährt sie manchmal an den Wochenenden für Cafés, Nightlife, Shopping – der Campus ist für sie jedoch unersetzlich. »Das Gemeinschaftsgefühl, wieder einmal«, sagt sie und muss selbst lachen.

Wie es sich für eine Kandidatin im 21. Jahrhundert gehört, unterstreicht Tamar die Wichtigkeit eines Universitätsabschlusses. »Ich habe jeden Morgen richtig Lust, zur Vorlesung zu gehen«, sagt sie amüsiert. Die Ausbildung habe Priorität, betont sie. Ob sie es glaubt oder es nur so sagen muss, bleibt offen.

wettbewerb Trotz des bunten Weges, den ihr Leben bisher genommen hat, klingt Tamar immer noch sehr jung, sehr unvoreingenommen. Sogar gedankenlos? In der Tat habe sie am Anfang nicht groß darüber nachgedacht, was so eine Misswahl eigentlich bedeutet, gibt sie zu. Und im Nachhinein sei sie sehr überrascht, wie viel Aufmerksamkeit der Wettbewerb und ihr spezieller Fall doch auf sich ziehen. Miss Germany zu werden habe sie lediglich gereizt, weil es einerseits um Mode und Schönheit, aber auch um die Präsentation der eigenen Geschichte gehe.

Sie sei stolz, als Jüdin und Israelin in Deutschland anzutreten. »Ich erhalte dafür Post aus der ganzen Welt«, erzählt sie begeistert. »Das ist toll, und ich freue mich, das zu teilen. Aber irgendwie fühlt es sich auch wie eine verdammt große Verantwortung an, oder?«

Mittlerweile drängt die Zeit. Tamar muss sich zum Boarding begeben. Gleich geht es wirklich los nach Deutschland. Ob sie jemals dorthin zurückkehren wird? Sie zögert. Noch plane sie lediglich bis zum Universitätsabschluss. Und kann man so etwas überhaupt entscheiden? »Ich glaube, das ergibt sich irgendwo auf dem Weg ganz von selbst«, sagt sie. Dann steigt sie in den Flieger nach München.

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