Eitan Bernath

»Die beste Zeit, um jüdisch zu sein«

Der 20-jährige Star über das Kochen auf TikTok, indisches Essen und alles mit Käse zu Schawuot

von Katrin Richter  03.06.2022 09:15 Uhr

»Kochen macht einfach Spaß«, sagt Eitan Bernath, der bei TikTok 2,2 Millionen Follower hat. Foto: Mark Weinberg

Der 20-jährige Star über das Kochen auf TikTok, indisches Essen und alles mit Käse zu Schawuot

von Katrin Richter  03.06.2022 09:15 Uhr

Herr Bernath, wie haben Sie heute Ihren Tag angefangen?
Ich war in den vergangenen Jahren ein richtig guter Frühstücker, aber in letzter Zeit hat sich das ein wenig geändert. Also gab es bei mir heute Morgen nur ein Stück Mazze.

Mazze, so kurz vor Schawuot?
Ja, es sind die Überbleibsel von Pessach. Ich liebe Schmura-Mazze, und davon habe ich immer viel in meinem Apartment. Ich bin mein Leben lang mit einem großen Appetit aufgewacht, und jetzt snacke ich eben Mazze.

Sie sollen ja auch eine Leidenschaft für Cookies haben, stimmt das?
Oh ja. Für mich sind sie das ideale kleine Paket. Es gibt Süße, dieses Zähe, das Knusprige, manchmal auch das Salzige. Es ist einfach der beste Snack überhaupt.

Auch so eine Art Comfort Food?
Cookies sind definitiv mein Comfort Food. Jedes Mal, wenn ich unterwegs bin, backe ich meine »Road Cookies«. Im Kochbuch tragen sie einen längeren Namen, aber ich nenne sie so, weil ich sie immer dabeihabe. Sie sind nussig, aromatisch und einfach sehr raffiniert.

Haben Sie noch andere Leibgerichte?
Hühnersuppe auf jeden Fall, denn das erinnert mich an mein Zuhause. Bei meinen sentimentalsten Erinnerungen war Suppe mit dabei. Interessanterweise zählt aber auch indisches Essen dazu. Das könnte ich zum Frühstück, zum Mittag und zum Abendbrot essen. Ich liebe indisches Essen. Ich bin zwar selbst kein Inder, aber einer meiner besten Freunde, mit dem ich aufgewachsen bin, ist Inder, und wann immer ich nach etwas Tröstendem suche, nehme ich indisches Essen.

Waren Sie schon einmal in Indien?
Leider nicht. Ich wollte eigentlich nach meinem Schulabschluss fahren, aber dann kam Covid. Die Reise steht aber auf meiner Prio­ritätenliste ganz oben.

Sie sind 20, veröffentlichen Ihre Rezepte sehr erfolgreich in den sozialen Medien, sind regelmäßig zu Gast in »The Drew Barrymore Show« und haben kürzlich Ihr Kochbuch »Eitan Eats the World« veröffentlicht. Mal zu den Anfängen: Was hat Sie am Kochen interessiert?
Ich habe mir das größtenteils selbst angeeignet, wie ich mir generell sehr viel selbst beibringe. Ich habe Leute im Fernsehen kochen gesehen und wollte das unbedingt auch können. Ich habe Rezepte gegoogelt, sie mir angesehen, habe immer viel recherchiert, habe mir Techniken angesehen: Was machen alle gleich, was machen Leute anders? Und dann bin ich einfach in die Küche gegangen, habe das, was ich aus den Rezepten gelernt habe, angewendet, bin gescheitert, habe es erneut versucht, hatte Erfolg. Es ist viel »Trial and Error« dabei.

Hat Sie jemand aus der Familie beeinflusst?
Zu Hause hat meistens meine Mutter gekocht. Mein Vater kocht auch, aber er hat seine Gerichte: Er bereitet ungarisches Gulasch zu, Mazzeknödel, Hamantaschen. Väterlicherseits kommt die Familie aus Ungarn, mütterlicherseits, glaube ich, aus Polen. Meine Eltern haben mich in meinem Kochen generell immer sehr unterstützt.

Die ungarische und polnische Küche gelten als sehr bodenständig. Wurden Sie von diesen Rezepten auch für Ihr Kochbuch inspiriert?
Ich sage einmal so: Weil ich mit sehr traditioneller jüdischer Küche aufgewachsen bin, habe ich mich in meinem Buch eher Rezepten gewidmet, die nicht aus der jüdischen Küche kommen. Je älter ich werde allerdings, desto interessanter werden auch diese traditionellen jüdischen Rezepte für mich.

Wie modern kann traditionelle jüdische Küche sein?
Nun, unsere Geschichte als Juden ist sehr nomadisch geprägt. Wir lebten irgendwo und wurden vertrieben, dann lebten wir woanders und wurden wieder herausgeschmissen. Und aus dieser Erfahrung ist die jüdische Küche eine, die Elemente vieler Länder hat. Die des Nahen Ostens, Europas und so weiter. Unser Essen passt sich regelmäßig an. Und daher wird es per se immer upgedatet.

Sie waren kürzlich in Bushwick und haben sich alles, was man über Bagels wissen muss, zeigen lassen. Also: Was ist für Sie das Geheimnis eines richtig guten Bagels?
Unschlagbar ist natürlich der Bagel, der gerade frisch aufgewärmt aus dem Ofen kommt. Ich bin in Jersey aufgewachsen, und auch wir hatten sehr gute Bagels. Ich mag ihn, wenn er richtig schön teigig ist, zäh und außen knusprig. Und ich liebe Rosinen-Zimt-Bagels. Witzigerweise bin ich kein großer Rosinenfreund, aber im Bagel sind sie perfekt.

Haben Sie einen Lieblings-Bagelladen in New York, den Sie empfehlen könnten?
Ich mag »Black Seed«, den Laden, in dem wir für das Video waren. Und ich muss ehrlicherweise zugeben, dass ich gar nicht allzu viele Bagels gegessen habe, seitdem ich in der Stadt lebe. Aber in Teaneck, wo ich aufwuchs, gibt es »Sammy’s«, und die sind wirklich zu empfehlen.

Sie haben ja vorhin schon über Ihre Liebe zu indischem Essen gesprochen. Welche Länder würden Sie noch gern nur der Küche wegen bereisen?
Mexiko und Italien. Ich werde in diesem Sommer auch zwei Wochen dort sein. Das italienische Essen hier in den USA kratzt gerade einmal an der Oberfläche der italienischen Küche.

Und mögen Sie ein Lebensmittel so ganz und gar nicht?
Bananen! Ja, ja, ich weiß … Ich bin das Problem, nicht die Bananen, aber ich kann sie einfach nicht ausstehen.

Bio-Essen, lokal angebaut, Fairtrade: Was ist Ihnen wichtig bei der Auswahl Ihres Essens?
Ich koche ja, seitdem ich zehn Jahre alt bin, und für den überwiegenden Teil der Zeit war ich darauf angewiesen, dass jemand die Zutaten für mich kauft. Ich konnte ja, bis ich 16 war, noch kein Auto fahren. Also musste ich schon überlegen, wann ich mit meinen Eltern zu diesem oder jenem Lebensmittelgeschäft fahren konnte. Ich fange langsam an, mir darüber Gedanken zu machen, aber meine kulinarische Reise war bislang davon geprägt, woher meine Eltern die Zutaten kauften. Jetzt, da ich in New York lebe, ist das anders. Ich liebe es, zum Union Square zu gehen, auf Märkte, und tauche da langsam ein.

Steht hinter Nahrungsmitteln auch eine politische Aussage?
An sich ist Essen schon politisch. Und wenn man – sagen wir – in der gehobenen Mittelschicht lebt, dann ist es einfach nur das, was man genießt. Aber kürzlich durfte ich für ein Projekt hier in New York City kochen, das übrig gebliebene Nahrung für obdachlose Menschen rettet. Und das hat mir verdeutlicht, dass Essen für so viele Menschen mit einem Kampf verbunden ist. Vielen Menschen ist der Zugang dazu erschwert oder ganz verwehrt. Und das muss uns einfach noch mehr bewusst werden.

Mit 20 bestellt ein Großteil der Leute vielleicht eher Essen, als selbst zu kochen. Warum sollten Ihrer Meinung nach junge Menschen doch den Kochlöffel schwingen?
Kochen macht einfach Spaß. Und wenn ich koche, kann ich das Gekochte hinterher essen. Ich möchte Menschen fürs Kochen begeistern, und auch, wenn man vielleicht gar nicht so Lust darauf hat: Man muss einfach anfangen, und der Spaß kommt! Man muss ja nicht gleich eine Kochkarriere anstreben, aber Kochen entspannt und vermittelt viele Fähigkeiten.

Kann es für Sie auch eine Art Therapie sein?
Auf jeden Fall. Gerade in der vergangenen Woche gab es dieses schreckliche Massaker an einer Schule in Uvalde in Texas. Und diese Dinge sind für mich besonders schlimm. Also: Alle Massaker sind schlimm, aber Schüsse an einer Schule mit so vielen Todesopfern, das berührt mich im tiefsten Inneren. Als ich von Uvalde hörte, brach ich echt zusammen. Nach einigen Stunden musste ich etwas tun. Und das Kochen lenkte mich in gewisser Hinsicht von den Gedanken ab. Ich entfloh der Welt für ein paar Momente, hatte nur Kochgeräusche um mich herum, und das half mir persönlich ein klein bisschen, mit diesen schlimmen Nachrichten umzugehen.

Sie waren beim Lichtzünden der Chanukkia im Weißen Haus dabei und haben dieses Ereignis als einen der wichtigsten jüdischen Momente bezeichnet.
Dieser Abend war für mich unglaublich. ich war der Jüngste dort, der Einzige, der kein Politiker, kein Rabbiner war. Ich habe meinen Davidstern getragen, war laut, stolz und jüdisch im mächtigsten Haus der Welt. Die Lieder, die ich sonst mit meiner Familie zu Chanukka singe, im Weißen Haus gemeinsam mit dem Präsidenten und der Vizepräsidentin zu singen, das war beeindruckend. Besonders in dem Jahr, in dem die Anti-Defamation League den höchsten Anstieg an antisemitischen Übergriffen gezählt hat. Ein starker Moment, der allem trotzt: denen, die uns zum Schweigen bringen wollen, denen, die gegen uns sind.

An diesem Wochenende beginnt Schawuot. Wie bereiten Sie sich darauf vor?
Eigentlich koche ich nicht allzu viel zu den Feiertagen, sondern möchte nur nach Hause, um das Essen meiner Mutter zu genießen. Ich helfe, meine Mom kocht 80 Prozent der Speisen zu den Feiertagen. Aber mir gefällt es, auch einmal nicht zu kochen.

Käsekuchen oder Quiche zu Schawuot – was wäre Ihre Wahl?
Ich mag Käsekuchen schon ganz gern. Ich liebe ihn nicht ausdrücklich, Peanut Butter Cheesecake vielleicht. Aber ansonsten mag ich alles mit Käse.

Sie sind ständig präsent in den sozialen Medien. Wie entspannen Sie?
Ich war immer ein Workaholic. Ich arbeite von sechs Uhr morgens bis elf Uhr nachts. Filmen, planen – solche Dinge. Aber ich versuche wirklich, meine Work-Life-Balance zu verbessern. Ich treffe mich mit Freunden, bin viel mit meiner Familie zusammen, ich habe einen Hund und eine Katze, die ich sehr liebe. Ehrlich gesagt, es ist schon eigenartig, denn ich bin 20, und viele 20-Jährige hängen ab – ich arbeite, aber es wird besser.

Und wenn Sie Ihre Generation einmal in Worte fassen könnten, deren Erwartungen und Wünsche?
Wir sind junge Juden, die im Jetzt aufwachsen, im Zeitalter der sozialen Medien und des Internets. Ich wurde geboren, bevor das Internet so riesig war, aber ich erinnere mich nicht an ein Leben ohne. Und damit stehen wir neuen Herausforderungen gegenüber. Allein, was den Antisemitismus angeht, gibt es eine neue Dimension. Aber das Positive ist, dass wir viel verbundener als jemals zuvor sind. Es ist so viel einfacher, andere Juden zu treffen. Für junge Juden ist es – auch wenn es einen Höchststand an Antisemitismus gibt – die beste Zeit, jüdisch zu sein. Wir haben durch die sozialen Medien die Möglichkeit, den Menschen auf der ganzen Welt zu zeigen, was junge Juden beschäftigt und wer wir sind.

Mit dem Koch und Buchautor sprach Katrin Richter per Zoom.

Eitan Bernath: »Eitan Eats the World. A Cookbook«. Clarkson Potter Publishing, 240 S., 28,99 €

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