Film

Die beste Barmizwa aller Zeiten

Evan Goldman (Eli Golden) im Kreise seiner allzu diversen Freunde Foto: © 2022, Netflix Inc.

Eines vorab: Der Autor ist in einem Alter, in dem religiöse Initiationsriten schon eine Ewigkeit her sind. Er ist vielleicht also nicht der beste Rezensent für einen Film, der auf einem Musical für Kinder basiert, das 2008/2009 am Broadway lief – unter anderem mit Teeniestars wie Ariana Grande. Aber da 13: Das Musical nun einmal bei Netflix läuft, muss es sich auch erwachsenen Kritikern stellen.

Man verrät niemandem die Handlung, wenn man kurz erzählt, was die Ausgangslage ist. Der zwölfjährige Evan Goldman (Eli Golden) steht kurz vor seiner Barmizwa in einer mondänen liberalen Gemeinde in der Upper Whatsoeverside in New York. Doch die Trennung seiner Eltern durchkreuzt Evans hippe Pläne. Es geht nach Appleton, Indiana, wo seine Großmutter lebt.

2000-seelen-kaff In dem 2000-Seelen-Kaff gibt es so ziemlich alles, nur keine Juden – doch Evan ist wild entschlossen, die beste Barmizwa aller Zeiten auf die Beine zu stellen. Netflix spricht in der Beschreibung der Handlung etwas großspurig von einem »Coming-of-Age-Musical«. »Stadtkind zieht aufs Land« ist seit Johanna Spyris Heidi ein gern bemühter Topos. Aber die Zeiten, als sich in der Einöde Geißenpeter und der Alm-Öhi »Gute Nacht« sagten, sind längst vorbei.

Und hier beginnt das ärgerliche Verbiegen der Realität in Richtung Political Correctness. Denn Evans neue Schulkumpel in der Kleinststadt am hintersten Ende des Nichts in einem Flyover State (der Teil der USA, den Bewohner Neuenglands und Kaliforniens höchstens überfliegen auf dem Weg von Küste zu Küste) sind so divers wie Manhattan oder Queens.

Mit der Apotheker-Waage wird bis auf die sechste Stelle hinterm Komma das gesellschaftliche Mittel der Vereinigten Staaten austariert. Auf Summe X weißer Darstellerinnen und Darsteller kommt der exakte Proporz asiatischer, schwarzer, hispanischer und in ihrer Bewegung eingeschränkter Menschen. All das in einem Straßendorf in Indiana.

Das unerbittliche Korsett der politischen Korrektheit quetscht mögliche Ecken und Kanten aus dem Drehbuch.

Kein Wunder, dass es bei diesem Drehbuch gelingt, auch eine perfekte Barmizwa auf die Beine zu stellen. Die Gojim machen fröhlich mit und stellen in Ermangelung eines Tempels natürlich auch ihre Kirche zur Verfügung. Das alles könnte lustig sein, chaotisch, traurig, anrührend – aber das unerbittliche Korsett der politischen Korrektheit quetscht mögliche Ecken und Kanten aus dem Drehbuch, das dadurch so glatt wirkt wie ein über die Jahrtausende geschliffener Kiesel.

lehrreiches Da weder irgendetwas Lehrreiches über das Judentum vermittelt wird, noch über das Leben in der Diaspora, bleibt wenig hängen nach zwei Stunden und vier Minuten. Auch die Musik nicht, die ähnlich gefällig dahindümpelt wie der Plot.

Natürlich leisten die Hauptdarsteller um den pfiffigen wie liebenswerten Eli Golden eine Menge, das soll auch gar nicht geschmälert werden. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass derlei Tanz, Gesang und Text in einem Musical am Broadway besser funktioniert als auf Netflix, ist doch recht hoch. Schade um die verschenkten Möglichkeiten, schade, dass Kindern heute ein solch aseptischer Brei vorgesetzt wird – anstatt ehrlich Gemeinsamkeiten genauso wie Unterschiede zwischen den (jungen) Menschen mit Wortwitz und etwas mehr Zutrauen in die Intelligenz des Publikums als gute Unterhaltung zu servieren.

TV-Tipp

Brillanter Anthony Hopkins glänzt in »One Life«

Leider erst nächtens zeigt das ZDF ein biografisches Drama über den Briten Nicholas Winton, der 1939 Kindertransporte von Prag nach London organisierte und damit mehrere hundert Kinder vor den Nazis rettete

von Jan Lehr  13.10.2026

Glosse

Wir stehen zum Existenzrecht Pakistans!

Absurder als im rot-rot-grünen Berlin wird’s nicht mehr

von Philip Fabian  13.10.2026

Replik

Einspruch, euer Ehren!

Der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ging in diesem Jahr an Philippe Sands. Ausgerechnet ein Mann, dessen Autorität auf juristischer Präzision und universellen Maßstäben gründet, nimmt es mit dem Völkerrecht erstaunlich ungenau

von Leeor Engländer  13.10.2026

Medien

Israel verweigert »taz«-Korrespondentin Arbeitsvisum

Diaspora-Ministerium: »Antiisraelische Akteure und diejenigen, die Israel verleumden, sollten keinen Fuß in das Land setzen«

 13.10.2026

Erinnerungen einer deutschen Jüdin

Rabbinertochter und Gynäkologin

Rahel Straus: Eine Frauenärztin kämpfte Anfang des 20. Jahrhunderts gegen den Paragrafen 218

von Ellen Presser  13.10.2026

Noa Yedlin

Wenn das falsche Buch zum richtigen wird

»Romance« als Erfolgsrezept: Die israelische Autorin nimmt »ernste« Literatur und das Geschäft damit aufs Korn

von Nicole Dreyfus  13.10.2026

»Imanuels Interpreten« (26)

Paul Simon: Der Brückenbauer

Seit den 60er Jahren schreibt und spielt der New Yorker Künstler Musik, deren Texte durchweg stark sind. Mehrere Generationen haben zugehört. Heute wird das jüdische Talent 85 Jahre alt

von Imanuel Marcus  13.10.2026

Berlin

Jüdische Kulturtage müssen Hauptausstellung absagen

Wegen einer Finanzierungslücke fällt die Ausstellung aus. Die Jüdische Gemeinde kritisiert die Förderentscheidung des Senats

 12.10.2026

Jugendbuch

Zwei Mädchen im Winter 1947

Die amerikanische Schriftstellerin Holly-Jane Rahlens schreibt über Freundschaft in der Berliner Nachkriegszeit

von Katrin Diehl  12.10.2026