Gedenken

Die Banalität der Liebe

Während der Proben: Angelo Pollak (Martin Heidegger, l.) und Sara-Maria Saalmann (Hannah Arendt, r.) Foto: Jochen Quast

Ella Milch‐Sheriff liebt Rätsel. Auch ihrer neuen Oper Die Banalität der Liebe liegt eine Geschichte mit vielen Fragezeichen zugrunde: Es geht um die komplizierte Liebesgeschichte zwischen der deutschen Jüdin Hannah Arendt und dem Philosophie‐Professor Martin Heidegger. Das Werk ist eine Auftragsarbeit für das Theater Regensburg. Am Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus (27. Januar) wird die Oper in Regensburg uraufgeführt. Zur Première werden auch Gäste aus Israel erwartet.

Die Banalität der Liebe beginnt 1924, als Hannah Arendt als junges Mädchen zum ersten Mal Heideggers Vorlesung an der Universität in Marburg besucht. Es entwickelt sich eine geheime, aber intensive Beziehung – bis der Aufstieg der Nationalsozialisten alles verändert.

Fehleinschätzung Arendt emigriert Anfang der 30er‐Jahre in die USA, während Heidegger 1933 als Unterstützer Hitlers auftritt. Er ist Parteimitglied. Obwohl Arendt dies nach dem Krieg erfährt und Heidegger sich nie für seine katastrophale Fehleinschätzung entschuldigt, trifft sie sich nach dem Krieg wieder mit ihm und hilft ihm sogar, seine Schriften in den USA bekannt zu machen. 25 Jahre währt diese Freundschaft.

Hannah Arendt (1906–1975) brachte die jüdische Gemeinschaft gegen sich auf: Sie zog gegen die Staatengründung Israels zu Felde, weil sie einen Konflikt mit den Palästinensern befürchtete. Und sie schmälerte in den Augen vieler das Leid des Holocausts, weil sie ihre Protokolle über den Eichmann‐Prozess in den 60er‐Jahren mit Die Banalität des Bösen betitelte. Darin schilderte sie Adolf Eichmann, der die Deportation Hunderttausender Juden in die Vernichtungslager zu verantworten hatte, nicht als bösartiges Monster, sondern als fantasielosen, banalen Befehlsempfänger.

Als die Liebesgeschichte zwischen Arendt und Heidegger 1982 in der israelischen Öffentlichkeit bekannt wurde, galt dies manchen auch als ein Verrat am Judentum. »Die beiden verband eine sexuelle und auch intellektuelle Attraktion. Das können wir verstehen. Was wir aber nicht verstehen können, ist das, was nachher passierte«, sagt Milch‐Sheriff. Ob Arendt Schuldgefühle wegen ihrer Beziehung zu Heidegger hatte, ob sie Reue empfand, darauf gebe die Oper keine Antwort.

Herz Milch‐Sheriff, 1954 in Haifa geboren, befreit sich von dem künstlerischen Ziel der Verarbeitung einer Liebesgeschichte, die schon immer unter Klischeeverdacht stand. Über diese Liebe wird zwar gesprochen. »Das Herz hat sein eigenes Leben.« Mit diesem Satz fängt die Oper an und hört sie auf. Aber es greife zu kurz, wenn man die Geschichte darauf reduziere. »Sie war eine erwachsene Frau«, hält die Komponistin dagegen.

Milch‐Sheriff verhandelt grundsätzlichere Dinge. Es geht um die Tragik, die nicht nur Hannah Arendt begleitete, sondern alle Juden und Deutschen, für die deutsche Sprache und Kultur so wichtig gewesen seien wie für Heidegger. »Ich kann sagen, dass die Geschichte eine Symbiose zwischen Juden und Deutschen, zwischen Arendt und Heidegger behandelt. Wir können nicht miteinander leben, aber wir können auch nicht ohne einander leben.«

Diese Liebesgeschichte, die Unmöglichkeit jüdisch‐deutscher Beziehungen verhandelt die Oper. »Während des Komponierens ist mir klar geworden, dass ich Klage führen will gegen mehrere Protagonisten in der Oper«, sagt Milch‐Sheriff.

schuld Sie alle trügen Verantwortung an der zerstörerischen Kraft dieser Beziehung, erklärt Milch‐Sheriff: Heidegger, weil er ein Nazi war. Eichmann, weil er ein Verwaltungsmassenmörder war, und mit ihm die Deutschen. Aber auch die Kirche, die moralische Instanz, die nichts gegen die Nazi‐Verbrechen getan habe.

Ferner klage die Oper die Juden selbst an, weil sie der Faszination erliegen, die »die deutsche Kultur, Musik, Lyrik auf uns ausüben«, wie Milch‐Sheriff sagt. Dazu habe sie eine Arie komponiert, mit zahlreichen Wagner‐Anklängen. »Darin führe ich Klage gegen mich, gegen alle Juden, die ihre Mörder lieben und die deutsche Kultur weiterlieben werden«, sagt Milch‐Sheriff.

Mirjam Pressler

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