Literatur

Dichterin und Salonière

Der Verkaufserfolg von Moses Mendelssohns philosophischen Werken – allein sein Phaedon (1767) erzielte vier Auflagen – hat im Jahrzehnt nach 1760 den deutschen Buchmarkt für jüdische Autoren geöffnet. Mendelssohns Erfolg bewies: Jüdische Autoren, die in deutscher Sprache Werke über Philosophie, Ästhetik oder Medizin publizierten, konnten auch das große nichtjüdische Lesepublikum erreichen und dessen Anerkennung gewinnen.

Das ermutigte auch die Dichter. 1772 veröffentlichte Isaschar Falkensohn Behr seine Gedichte von einem polnischen Juden. Das Büchlein gilt in der Literaturwissenschaft als der Beginn der deutsch-jüdischen Literatur, denn erstmals publizierte hier ein Jude Gedichte in der deutschen Sprache. Diese Datierung auf das Jahr 1772 stimmt aber nur für die deutsch-jüdische Literatur von Männern. Die deutsch-jüdische Literatur von Frauen beginnt mit Esther Gad aus Breslau. Sie ist historisch die erste Jüdin in Mitteleuropa, die ihre eigenen Texte unter ihrem eigenen Namen erscheinen sieht.

Sie lernt Französisch, Italienisch und Englisch und verfügt über eine breite Allgemeinbildung.

1790 erscheinen vier Gedichte von Esther Gad in einem von J. J. Kausch herausgegebenen Sammelband. Da ist Esther Gad, die unverheiratete Tochter des generalprivilegierten Kaufmanns Raphael Gad und – über ihre Mutter Nissel – die Enkelin des berühmten Hamburger Talmudisten und Oberrabbiners Jonathan Eybeschütz, erst 23 Jahre alt. Aber sie hat, wie ihr aufgeklärter Bruder Isaak Gad, Französisch, Italienisch und Englisch gelernt, verfügt über breite literarische Kenntnisse und eine umfassende Allgemeinbildung.

selbstbekenntnis Und sie ist eine auch politisch selbstbewusste Jüdin. In einer namentlich gezeichneten Fußnote desselben Sammelbands bekennt sie: »Ich bin eine Jüdin, und ich muß, selbst in preußischen Staaten, Gott danken, daß man mich tolerirt.« »Ich bin eine Jüdin« als gedrucktes Selbstbekenntnis impliziert: Hier schreibt eine Jüdin, deren Texte neben denen der vielen christlichen und jüdischen Männer in demselben Buch Bestand haben, obwohl diese Jüdin aus Breslau »in preußischen Staaten« nur toleriert, das heißt geduldet, wird und nicht den Männern und allemal den christlichen Männern gleichgestellt ist.

Das Selbstbekenntnis als Jüdin wird von Esther Gad hier verbunden mit der politischen Kritik an der Nicht-Gleichberechtigung als Bürgerin. Ein Jahr nach der Französischen Revolution, das signalisiert Esther Gad hier, waren Juden und erst recht Jüdinnen in Preußen immer noch nicht bürgerlich gleichberechtigt, sondern nur geduldet.

Am 15. März 1791 wurde in Breslau von einigen jüdischen Aufklärern und Notabeln der Stadt mit Unterstützung des dirigierenden Ministers Graf Karl Georg von Hoym die erste staatliche Schule für jüdische Knaben in Preußen gegründet und nach dem König benannt – die Wilhelm-Schule.

gleichheit Zur feierlichen Eröffnungszeremonie verfasste Esther Gad als einzige Frau ein dort öffentlich vorgetragenes Einweihungsgedicht. In diesem Gedicht besingt sie die Einrichtung einer Schule für jüdische Knaben, welche diesen den Zugang zu Bildung, Aufklärung und Wissenschaft ermöglichen sollte, als Akt der bürgerlichen Verbesserung der Juden in Preußen und als Durchsetzung der Gleichheit und Gleichrangigkeit von Juden mit allen anderen Menschen: »Erfüllt die Luft mit Lobgesang / daß nichts als Freud ertöne / Denn heut erhebt man Euch zum Rang – / der andern Erdensöhne!«

Esther Gad engagiert sich im Gedicht ganz ausdrücklich, wie die ansonsten männlichen Vertreter der Haskala in Breslau und anderswo, für die Bildung, Gleichberechtigung, bürgerliche Verbesserung und für die Aufklärung potenziell aller Juden.

Wegen dieses Engagements und dieser Übereinstimmung mit den Zielen der Haskala können wir Esther Gad auch als Maskila, als jüdische Aufklärerin unter lauter männlichen Maskilim in Breslau betrachten. Auch darin ist sie eine Ausnahme, denn es gab nicht viele jüdische Frauen, die sich, zumal öffentlich, zu den Zielen der Maskilim und der jüdischen Aufklärungsbewegung bekannten.

polemik Der vielleicht berühmteste, jedenfalls der feministischste Text von Esther Gad ist eine Polemik mit dem Titel »Einige Äußerungen über Hrn. Kampe’ns Behauptungen, die weibliche Gelehrsamkeit betreffend« in der Zeitschrift »Der Kosmopolit« aus dem Jahr 1798. Die Polemik richtete sich gegen einen der prominentesten Aufklärungspädagogen Deutschlands, gegen Johann Heinrich Campe und dessen Büchlein Väterlicher Rath für meine Tochter (1789), in dem Campe gegen die Aktivität von Frauen in der Wissenschaft und als Schriftstellerinnen argumentiert hatte. Gut paternalistisch verpackt als väterlicher Rat für seine Tochter, legt er Frauen dort auf die Rolle als Gattin, Mutter und Hausfrau fest.

Ausgehend von dem Grundsatz »Die Seele hat kein Geschlecht« konstatiert Esther Gad die gleiche intellektuelle und emotionale Befähigung von Männern und Frauen für Wissenschaften und Künste, Gelehrsamkeit und Schriftstellerei. Die Aktivität begabter Mädchen und Frauen auf diesen Gebieten beeinträchtige nicht ihre häuslichen Pflichten als Gattin und Mutter und trage zum Glück der Frauen und damit der Gesellschaft insgesamt bei. Prinzipiell votiert Gad dafür, Mädchen und Frauen bei entsprechender Neigung und Befähigung zu Gelehrsamkeit und Schriftstellerei, Wissenschaften und Künsten zuzulassen und jedenfalls diesen Zugang nicht zu verwehren oder zu behindern.

Religion spielt in den Erziehungskonzepten der Autorin keine Rolle.

Religion ist in alledem überhaupt kein Thema der Erziehung, sie spielt in den Erziehungskonzepten Esther Gads offensichtlich keine Rolle. Sie schreibt ihre Kritik an Campe als belesene, informierte und offensichtlich zur Schriftstellerei befähigte Frau und Vertreterin ihres Geschlechts, nicht als Jüdin. Esther Gad ist bei der Veröffentlichung dieses streitbaren Aufsatzes von ihrem zwischenzeitlichen jüdischen Ehemann Samuel Bernard wieder geschieden und lebt mit ihren zwei Kindern aus dieser Ehe in Berlin.

rahel levin varnhagen In Berlin, weil sie, wie sie an ihre Jugendfreundin Rahel Levin Varnhagen schreibt, Breslau inzwischen hasst, das Leben dort sterbenslangweilig findet und nur in den Berliner Salons (oder während langer Aufenthalte in Dresden, Karlsbad oder Teplitz) literarisch oder intellektuell interessante Männer und Frauen kennenlernt, Juden oder Christen, ganz gleich. Nicht zuletzt will sie auch einen neuen Geliebten oder Ehemann finden, der sie als geschiedene Jüdin, Mutter zweier Kinder und zugleich als gleichrangige, emanzipierte Frau und freie Schriftstellerin akzeptiert.

Dass sie sich in jenen Jahren in Berlin jedoch durchaus als jüdische Frau, Salonière und Intellektuelle versteht und bewegt, verrät ihr Briefwechsel mit Rahel Levin Varnhagen, geschrieben von Jüdin zu Jüdin, Salonière zu Salonière, von intellektuell gleichwertiger jüdischer Frau an ebensolche Briefpartnerin und Freundin (vollständig ediert 2021 von Barbara Hahn, Birgit Bosold und Friederike Wein unter dem Titel Rahel Levin Varnhagen: Briefwechsel mit Jugendfreundinnen).

Wie frei, gleichberechtigt und zugleich selbstbewusst jüdisch die beiden Freundinnen und Salonièren im Umgang miteinander, aber auch mit Dritten agieren, verrät ein Brief Esther Gads an Rahel Levin nach Paris vom 7. Februar 1801. Der von Gad hochverehrte Jean Paul hatte sich in Berlin mit der Protestantin Karoline Meyer verlobt. Über sie schreibt Esther Gad an Rahel Levin: »Seine (Jean Pauls, Anm. d. Red.) Braut gefällt mir außerordentlich. Sie ist die klügste Christin, die ich je kennen lernte. Wenn die unter uns gelebt hätte, ich weiß nicht, was nicht alles aus ihr geworden wäre.«

bildung Das ist weibliches jüdisches Selbstbewusstsein pur, aber es bezieht sich und beruht auf Klugheit und Bildung, nicht etwa auf religiöser Überlegenheit gegenüber der Christin. Die jüdische Religion, gar rabbinische Gelehrtheit oder Hebräisch, kommen in der Briefkonversation von Esther Gad und Rahel Levin Varnhagen über drei Jahrzehnte lang nicht vor.

Esther Gad ging von dem Grundsatz aus: »Die Seele hat kein Geschlecht.«

Für selbstbewusste, aufgeklärte und gebildete Jüdinnen wie die beiden hält die rabbinische Welt ihrer Epoche im religiösen Ritual, in Synagoge, Recht, Gemeindeleben und Erziehung nur eine traditionell inferiore Rolle als Gattin und Mutter bereit.

Sie haben in der rabbinisch-religiösen, patriarchalen Kultur ihrer Zeit keine ihren Fähigkeiten und ihrer Bildung angemessenen Entfaltungsmöglichkeiten, keine Stimme und keinen Platz. Nicht in Breslau, nicht in Berlin, Paris, Wien, Prag, Frankfurt oder London.

taufe Esther Gad ließ sich 1801 taufen und übersiedelte nach England, um 1802 in zweiter Ehe dort den deutschen Arzt Wilhelm Domeier heiraten zu können, den sie aus Berlin kannte. Dort setzte sie unter dem christlichen Namen Lucie Domeier ihre literarische Karriere als erfolgreiche Reiseschriftstellerin, Übersetzerin und namhafte Kritikerin der Madame de Stael fort. Ihre Taufe war, wie bei vielen anderen jüdischen Salonièren jener Jahre, keine religiöse, sondern eine soziale Entscheidung.

Nur durch die Taufe konnte eine Jüdin, trotz und wegen der ausgebliebenen bürgerlichen Gleichberechtigung von Jüdinnen und Juden in den deutschen Ländern, den minderen Status der rechtlichen, politischen und sozialen Diskriminierung von Juden überwinden, Bürgerrechte erlangen und eine Liebesheirat und bürgerliche Familiengründung mit einem Nichtjuden vollziehen. Lucie Domeier kehrte auf monatelangen Reisen noch zweimal nach Deutschland zurück und starb, fast blind und uralt, 1836 in London.

Der Autor ist Professor für Jüdische Studien und Philosophie an der Universität Potsdam.

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