Israel

Der Wächter kehrt zurück

Es gibt Musik, die bleibt einfach zeitlos», sagt Ohad Stolarz voller Enthusiasmus. «Selbst wenn sich das nicht jedem auf den ersten Blick erschließen mag, so gehört auch Dan HaShomer (zu Deutsch: Dan, der Wächter) des Komponisten Marc Lavry eindeutig in diese Kategorie», sagt der 24-jährige Notensetzer und Editor. «Zudem handelt es sich um die erste richtige Oper, die in hebräischer Sprache komponiert wurde.»

Am 17. August 1945 erlebte Dan HaShomer seine Premiere und wurde anschließend 35-mal in Tel Aviv, Jerusalem, Haifa sowie anderen Orten im Palästina der britischen Mandatszeit aufgeführt. «Unter den damaligen Bedingungen war das für ein so kleines Land eine richtige Sensation», so der Experte. «Zudem lagen hinter Lavry und allen anderen Beteiligten fünf Jahre harter Arbeit.»

max brod Die Entstehungsgeschichte klingt in der Tat recht abenteuerlich: Dan HaShomer basiert auf einem Text mit dem Titel Schüsse im Kibbuz von Shalom Joseph Shapira, der unter dem Pseudonym Sh. Shalom einer der prominentesten Autoren Israels wurde.

Der mit ihm eng befreundete Schriftsteller und Kafka-Vertraute Max Brod erhielt den Auftrag, das ursprünglich für die Theaterbühne konzipierte Stück in ein Libretto umzuwandeln. «Brod sprach aber kaum Hebräisch», weiß Stolarz zu berichten. «Also schrieb Sh. Shalom das Ganze noch einmal neu auf Deutsch, Brod machte sich an die Arbeit, und anschließend wurde alles wieder zurück ins Hebräische übersetzt.» Und wenn es nach Plan läuft, wird Dan HaShomer pünktlich zum 70. Jahrestag seiner Uraufführung von der New Israeli Opera erneut auf die Bühne gebracht.

Schauplatz der Oper ist ein fiktiver Kibbuz irgendwo im Palästina der 30er-Jahre, der permanent einer namentlich nicht näher genannten äußeren Bedrohung ausgesetzt ist und sich gegen sie zu verteidigen versucht. «Ursprünglich war wohl von Arabern die Rede», so Stolarz. «Doch aus Furcht vor der britischen Zensur und weil der Rhythmus mit diesem Wort sonst nicht funktioniert hätte, sprach man nur von Räubern, was eigentlich wenig Sinn machte und womöglich nun in den Begriff Feinde geändert werden soll.»

Dan, der Protagonist, gehört zu den Beschützern des Kibbuz und zeigt immer wieder seine Bereitschaft, sich selbst für die Gemeinschaft zu opfern. Sogar seine große Liebe Efrat wäre er bereit, dafür aufzugeben. Im Falle seines Todes will Dan seinem Freund Nachman, der ebenfalls für Efrat große Gefühle empfindet, quasi freie Bahn lassen.

konflikte Doch besagte Efrat ist nicht gerade begeistert darüber, wie ein Objekt behandelt zu werden, und droht mit dem Ende ihrer Beziehung zu Dan. Darüber hinaus bevölkert eine Gruppe älterer Juden die Szenerie, die mit Ausnahme einer Person sich alle dagegen sträuben, dass die jüngere Generation in ihrem Kampf um das Überleben bereit ist, jahrtausendealte religiöse Traditionen aufzugeben. Während sie die alte Welt der Diaspora repräsentieren, verkörpert Dan, der stark und unabhängig ist, so etwas wie ihr Gegenbild.

Die in Dan HaShomer angesprochenen Konflikte scheinen bis heute nichts von ihrer Relevanz eingebüßt zu haben. «Im Grunde geht es um den Widerspruch zwischen propagierten Idealen und gelebter Realität», meint Stolarz und verweist auf eine weitere Figur aus der Oper namens Shimon. «Er hat irgendwann genug von all diesen schönen Ideen und dem ständigen Sich-selbst-Opfern, verlässt das Kollektiv und ist damit verloren.» Die Gemeinschaft wird also auch von innen durch moralische Verwerfungen und die Kapitulation vor den Verhältnissen in Gefahr gebracht.

hora «Vielleicht erschließt sich die Oper aber auch ein wenig aus der Lebensgeschichte ihres Komponisten Marc Lavry», glaubt Stolarz, der an den Vorarbeiten für die Neuaufführung beteiligt ist. 1903 in Riga geboren, kam Lavry in den 20er-Jahren an das Konservatorium in Leipzig. 1926 zog es ihn nach Berlin, wo er nicht nur Dirigent des Städtischen Symphonie-Orchesters wurde, sondern auch dem Regisseur Max Reinhardt zuarbeitete sowie im Auftrag der Universal Studios Musik für Filme schrieb. 1935 wanderte er gemeinsam mit seiner Frau Helena nach Palästina aus. «Das Land muss ihn umgehend total begeistert haben», sagt Stolarz.

Dan HaShomer spiegelt diese Euphorie wider. «Es lassen sich darin nicht nur Elemente der traditionellen europäischen Oper entdecken, sondern ebenfalls die neue folkloristisch angehauchte Musik, wie sie dann im Israel der Gründerjahre populär wurde.» Eine Oper, die eine klassische Hora und darüber hinaus auch militärische Klänge beinhaltet, hört man gewiss nicht alle Tage. «Lavry hat etwas Außerordentliches geleistet», schwärmt Stolarz «Zu Recht zählt er deshalb gemeinsam mit dem aus München stammenden Komponisten Paul Ben Chaim zu den Gründungsvätern der israelischen Musik.»

Meinung

Die Juden waren’s!

Claudia Roth und die jüdische Lobby: Eine kleine Chronik der Unschuld

von Andreas Büttner  06.11.2026

Nachruf

Eine Welt voller Wärme

Die jüdische Kinderbuchautorin Myriam Halberstam nimmt Abschied von Janosch, dem Vater von Tiger, Bär und Tigerente

von Myriam Halberstam  06.11.2026

Fernsehen

Biedere Bürgerlichkeit und organisierter Massenmord

Das ZDF zeigt den Oscar-prämierten Spielfilm »The Zone of Interest« über den KZ-Kommandanten Rudolf Höß, der mit seiner Familie unmittelbar neben dem Vernichtungslager Auschwitz lebte

von Josef Lederle  06.11.2026

New York

Nach Paul Simon wird auch Art Garfunkel 85

Mit Songs wie »The Sound of Silence« wurden Simon & Garfunkel weltberühmt – aber auch die Streits der beiden Schulfreunde aus New York sind legendär. Jetzt steht der nächste große Geburtstag an

von Christina Horsten  06.11.2026

TV-Tipp

Viele Jahre bis zum großen »Hallelujah«: Arte zeigt Porträt von Leonard Cohen zum zehnten Todestag

Es ist wohl das bekannteste Lied des kanadischen Sängers Leonard Cohen. Und so steht »Hallelujah« auch im Zentrum eines so unterhaltsamen wie inspirierenden Porträts über den legendären Sänger

von Jan Lehr  06.11.2026

Hintergrund

Claudia Roth und der »unfassbare Druck vom Zentralrat«

Die Ex-Kulturstaatsministerin bezeichnet es als »totalen Fehler«, auf der Berlinale Regisseure wegen ihrer israelfeindlichen Aussagen kritisiert zu haben und sucht dafür die Schuld beim Zentralrat der Juden

von Michael Thaidigsmann  05.11.2026

Interview

»Ich bin von Natur aus kein glücklicher Mensch«

Die Schriftstellerin Nele Pollatschek verrät im Gespräch zu ihrem neuen Buch, wie sie gelernt hat, das Leben bewusster und positiver wahrzunehmen – ohne die Augen vor dem Leid der Welt zu verschließen

von Katrin Richter  05.11.2026

Kulturkolumnne

Bis 120 oder Wie wir doch noch zu Muskeljuden werden

In der heutigen Zeit ziehen körperliche Optimierungstrends nicht spurlos an uns vorbei. Sollen wir uns davon beherrschen lassen?

von Laura Cazés  05.11.2026

Kino

Im Angesicht der Schmerzen, der Angst und Scham

»Block 10« beleuchtet die medizinischen Experimente an Frauen in Auschwitz – und versteht sich auch als eine Antwort auf die Gegenwart

von Chris Schinke  05.11.2026