Eurovision

Der traurigste Tanz der Welt

Freut sich bereits auf ihren großen Auftritt in der Schweiz: Yuval Raphael (24) Foto: Flash 90

Es war der traurigste Tanz der Welt. Als Yuval Raphael im Finale der israelischen Reality-Show The Next Star sang, stellte sie sich vor, mit Toten zu tanzen. Die 24-jährige Sängerin ist selbst Überlebende des Massakers auf dem Nova-Musikfestival, bei dem am 7. Oktober 2023 mehr als 360 zumeist junge Menschen auf bestialische Weise von Hamas-Terroristen ermordet wurden.

Nun gewann sie vor einer Woche das Finale mit ihrer balladenhaften Version von Abbas »Dancing Queen« und wird Israel beim diesjährigen Eurovision Song Contest (ESC) in der Schweiz vertreten.

In einem Schutzraum unter Leichen versteckt

Die junge Frau aus der Stadt Raanana im Zentrum des Landes überlebte das Blutbad der Terroristen damals auf unvorstellbar traumatische Weise: Stundenlang hatte sie sich in einem Schutzraum unter Leichen versteckt und sich selbst tot gestellt. »Und als ich das Lied auf der Bühne sang, war es so, als würden all die ermordeten Mädchen mit mir tanzen. Das tat so weh.«

Seit dem Angriff der Hamas mit mehr als 1200 Toten und 251 Geiseln, die nach Gaza entführt wurden, setzt sich Raphael weltweit für Israel ein. Aus diesem Grund habe sie auch beschlossen, ihre Chance zu nutzen, beim ESC dabei zu sein. »Als ich bei der Show mitmachte, stellte ich mir nur vor, mein Land beim Eurovision Song Contest zu vertreten. Das war alles, woran ich dachte. Andererseits hätte ich mir nie in den Kopf gesetzt, ›The Next Star‹ gewinnen zu wollen.«

»Meine Seele weiß, wie man Grenzen setzt. Ich kann es mir nicht leisten, auf der Bühne zusammenzubrechen.«

Zwar habe sie darauf gehofft, aber ihr Sieg sei gleichsam eine »völlige Überraschung gewesen«. Raphael ist ein Neuling in der Musikbranche. Ihren Erfolg habe sie erst einmal nicht glauben können, sie sei total aufgeregt gewesen, gab sie in einem Interview in der Tageszeitung »Yedioth Ahronoth« zu.

»Ich höre tief in mich hinein. Jedes Lied, das ich auswähle, steht im Kontext mit einer Botschaft, die ich herüberbringen möchte«, sagte sie. »Bei all meinen Auftritten in dieser Staffel ging es um solche Botschaften. Auch wenn einige Lieder technisch vielleicht besser zu mir passten, wollte ich etwas anderes, mir Wichtigeres nach vorn bringen – schließlich gibt es nichts Wichtigeres als Emotionen. Musik soll dich etwas fühlen lassen.«

»October Rain« von Eden Golan wurde 2024 disqualifiziert, die israelische Sängerin angefeindet

Im vergangenen Jahr war das Lied »October Rain«, der ursprüngliche ESC-Beitrag der israelischen Sängerin Eden Golan, von der Europäischen Rundfunkunion (EBU) disqualifiziert worden. Er sei »zu politisch«, hieß es in der Begründung.

Das Lied enthielt Textzeilen wie »Schreiber der Geschichte / steht mir bei«, »Ich bin immer noch durchnässt vom Oktoberregen«. In einer Strophe auf Hebräisch singt Golan: »Es gibt keine Luft mehr zum Atmen / Kein Ort, kein Ich, von Tag zu Tag / Sie waren alles gute Kinder, jeder Einzelne von ihnen« – sicherlich eine Anspielung auf die am 7. Oktober von der Hamas ermordeten Menschen.

Golan, die vom Publikum und anderen Teilnehmern im vergangenen Jahr beim ESC massiv angefeindet wurde, kam schließlich mit dem Lied »Hurricane« auf den fünften Platz. Raphael hat eine klare Meinung dazu: »Selbst wenn wir auf dem letzten Platz landen oder es nicht schaffen, eine Botschaft zu übermitteln, ist unsere Präsenz dort unglaublich wichtig. Niemand sollte glauben, er könne uns von der Landkarte tilgen.«

Sollte die junge Sängerin mit Israelhass oder sogar Aggressionen gegen ihre Person konfrontiert werden, wisse sie sich zu schützen, so Yuval Raphael. »Meine Seele weiß, wie man Grenzen setzt. Ich kann es mir nicht leisten, auf der Bühne zusammenzubrechen. Ich gebe diesen Gefühlen ihren Raum, aber nur zu meinen Bedingungen.«

Sie sei bereit, diesen mentalen Belastungen zu trotzen, um Israel zu vertreten, machte die junge Sängerin in dem Interview mit der Tageszeitung klar. »Wenn ich mit Freunden spreche, die vom Reservedienst in Gaza zurückkehren, sehe ich, dass sie alle ihren ganz persönlichen Preis zahlen«, fügte sie hinzu. »Wenn das der Preis ist, den ich zahlen muss, um mein Land zu vertreten, dann werde ich ihn zahlen.«

Ein Ende des öffentlich-rechtlichen Senders »Kan« könnte das Aus für eine Teilnahme Israels am ESC bedeuten.

Zur selben Zeit, in der sich Raphael auf ihren großen Auftritt vorbereitet, ist in der Knesset in Jerusalem ein neuer Gesetzentwurf eingebracht worden, der darauf abzielt, Israels öffentlich-rechtlichem Sender Kan die Finanzmittel zu entziehen.

Während Kommunikationsminister Shlomi Karhi behauptet, der Sender sei unnötig geworden, »da es einen wettbewerbsorientierten Nachrichtenmarkt in Israel« gebe, argumentieren Verteidiger einer freien Presse, Karhis wahre Motivation sei es, die Unabhängigkeit von Kan einzuschränken. Auch der Grund sei klar: Der Sender nimmt nicht selten eine kritische Haltung zur Regierungspolitik ein.

Soll die Unabhängigkeit des nicht selten regierungskritischen Senders eingeschränkt werden?

Doch ein Ende von Kan könnte auch Folgen außerhalb des Landes haben. So ist der öffentlich-rechtliche Rundfunk in Israel Mitglied der Europäischen Rundfunkunion. In einem offenen Brief äußerte ihr Vorsitzender Noel Curran bereits »tiefe Besorgnis über den Gesetzesvorschlag zur Privatisierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks oder zur Kürzung seines Budgets«.

Er fügte hinzu, dass »ein solcher Schritt nicht nur Israels Medienlandschaft gefährden würde, sondern auch erhebliche Auswirkungen auf die demokratischen Grundlagen und den internationalen Ruf des Landes haben könnte«.

Damit deutete Curran an, dass dies mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit zum Ausschluss von Kan aus der Europäischen Rundfunkunion führen würde. Damit wären ebenfalls Israels Ansprüche als Mitglied erloschen. Dazu gehören beispielsweise kostenlose Übertragungen großer Sportereignisse, schrieb Curran. Oder eben auch die Teilnahme am Eurovision Song Contest.

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