Kirill Petrenko

Der stille Charismatiker

Wird als neuer Chefdirigent der Berliner Philharmoniker mit Beethovens 9. Symphonie beginnen: Kirill Petrenko Foto: imago/DRAMA-Berlin.de

Im Sommer ist es endlich so weit. Am 23. August wird Kirill Petrenko die Saison bei den Berliner Philharmonikern mit Beethovens 9. Symphonie eröffnen. Diese Programmwahl möge auf den ersten Blick vielleicht allzu konventionell erscheinen, sagte Petrenko unlängst auf der ersten gemeinsamen Pressekonferenz mit seinem neuen Orchester. Aber für ihn gebe es nur dieses eine Werk, um seine Tätigkeit in Berlin zu beginnen: »Weil die Botschaft der Neunten alles enthält, was uns als Menschen auszeichnet, im Positiven wie im Negativen.«

Schon am 21. Juni 2015 hatten die Berliner Philharmoniker Kirill Petrenko als neuen Chefdirigenten und Nachfolger von Sir Simon Rattle aus dem Hut gezaubert, nachdem ihr erstes Wahlverfahren ein Vierteljahr zuvor auf peinliche Weise gescheitert war. Aber der begehrte neue Chef machte sich zunächst sehr rar. Erst im März 2017 kam er endlich nach Berlin, um ein Konzert mit den Philharmonikern zu dirigieren. Und bis Petrenko sein neues Amt antreten wird, werden ganze vier Jahre vergangen sein.

VORFREUDE Umso größer ist nun die Vorfreude der Philharmoniker. Musikalisch konnte man die Begeisterung des Orchesters für seinen neuen Chefdirigenten schon im Saisoneröffnungskonzert von 2018 erfahren. Mit seiner explosiven Mischung aus Akribie und Leidenschaft entfesselte Petrenko die Philharmoniker an diesem Abend zu einem so rückhaltlosen, hoch emotionalen Spiel, wie man es von diesem hyperkontrollierten Ensemble schon lange nicht mehr gehört hatte. Das Orchester spielte besessen um seine Zukunft. Das Berliner Publikum riss es vor Begeisterung von den Sitzen.

Was ist das Besondere an diesem 47 Jahre alten, unglaublich charismatischen Mann aus Sibirien, der nicht nur in Berlin Begeisterungsstürme auslöst? Warum haben sich die Berliner Philharmoniker nach nur wenigen gemeinsamen Konzerten ausgerechnet Kirill Petrenko zum Chefdirigenten gewählt? Glaubt man Petrenkos derzeitigem Münchner Chef, dem Intendanten der Bayerischen Staatsoper, Nikolaus Bachler, dann liegt ein Geheimnis dieses Dirigenten in seiner äußerst intensiven persönlichen Ausstrahlung: »Der Kirill hat ja auch ein sehr sinnliches Charisma, und das ist mitreißend«, sagt Bachler. »Das Interessante ist ja, dass jemand, der sich der Öffentlichkeit so entzieht, so eine Aura hat. Der hat ja auch das Zeug zu einem Popstar, wie der die Leute mitreißt.«

Bachler kennt Petrenko schon seit seiner Zeit als Leiter der Wiener Volksoper. 1997 engagierte er den jungen Musikhochschulabsolventen nach einer ersten Begegnung vom Fleck weg und machte ihn zum Assistenten. 13 Jahre später holte Bachler Petrenko dann als Generalmusikdirektor zu sich an die Bayerische Staatsoper. »Es war ganz am Anfang die Außergewöhnlichkeit sichtbar, an der Persönlichkeit«, erinnert sich Bachler. »Denn das, was das Außergewöhnliche ausmacht, ist ja nicht die Technik und die Begabung, sondern das ist immer der Persönlichkeitswert. Und diese Augen und diese Geradlinigkeit, ja, von diesem jungen Mann, die erinnere ich so gut, obwohl es so lange her ist.«

selbstkritisch Eine Persönlichkeit allein macht freilich noch lange keinen großen Dirigenten. Kirill Petrenko zählt zu den skrupulösen, selbstkritischen und hart arbeitenden Künstlern. Dem Klarinettisten Alexander Bader gestand er anlässlich seines dritten Konzerts mit den Berliner Philharmonikern in einem Gespräch, das man in der Digital Concert Hall der Berliner Philharmoniker anschauen kann: »Hier zu sein bei diesem Orchester, ist für mich eine große Hürde. Also, das ist für mich hier wie Mount Everest ohne, wie sagt man, ohne Ausrüstung. Das ist ein Riesending für mich.«

Als Mensch tritt Petrenko hinter seine Musik zurück. Interviews verweigert er komplett.

Spontan, atmend und unmittelbar klang Peter Tschaikowskys 5. Symphonie im vergangenen März in der Berliner Philharmonie. Doch man täusche sich nicht: Petrenkos Interpretation verdankte sich einer akribischen Partituranalyse und penibel und kompromisslos vorbereiteten Proben. Als Mensch tritt Kirill Petrenko zugleich ganz hinter seine Musik zurück. Seit seinem Weggang von der Komischen Oper gibt er Journalisten grundsätzlich keine Interviews mehr.

Kann sich ein Dirigent auf einem solch exponierten Posten das leisten? Andrea Zietzschmann, die Intendantin der Berliner Philharmoniker, möchte in Petrenkos Weigerung, öffentliche Interviews zu geben, sogar einen besonderen Vorzug entdecken: »Dieses Mysterium und Geheimnis ist ja vielleicht auch was ganz Schönes für das Publikum, mal wirklich jemanden rundum durch die Kunst erleben zu dürfen«, erklärt sie im Interview.

Geboren wird Kirill Petrenko 1972 im westsibirischen Omsk, wo er an der Musikspezialschule Klavier studiert und schon als Elfjähriger als Pianist im örtlichen Sinfonieorchester auftritt. 1990 ziehen seine jüdischen Eltern mit ihm ins österreichische Vorarlberg – nicht zuletzt wegen des wachsenden Antisemitismus in Russland. Dem Studium in Feldkirch und Wien folgen Lehrjahre in Florenz und Wien mit der ersten Anerkennung als Dirigent. Als junger Chefdirigent in Meiningen von 1999 an macht Petrenko von sich reden, als er im Jahr 2001 an vier aufeinanderfolgenden Tagen den kompletten Ring von Wagner aufführt. Es ist eine spektakuläre Mammutleistung für ein kleines Haus wie Meiningen. Die Kritiker sind begeistert. Berlin wird hellhörig. Ein Jahr später folgt Petrenko dem Ruf an die Komische Oper Berlin, wo er als einer der jüngsten Generalmusikdirektoren Furore macht.

energie 2007 verlässt Petrenko die Komische Oper, arbeitet einige Jahre freischaffend und verpflichtet sich 2010 als Generalmusikdirektor an die Bayerische Staatsoper in München – ein großes Haus, das in der obersten Liga mitspielt. Seine persönliche Bescheidenheit, seinen unbedingten Arbeitswillen und seinen nicht korrumpierbaren Qualitätsanspruch in allen künstlerischen Belangen gibt er durch diesen Karrieresprung indes nicht auf. Diese Eigenschaften locken auch die Berliner Philharmoniker. Es ist nicht zuletzt die unglaubliche Energie und die Emotionalität Kirill Petrenkos, nach der sich die Philharmoniker sehnen. Denn um ein solches Elite-Ensemble aus seiner Reserve zu locken, braucht es schon einiges. Die Berliner Philharmoniker gelten nicht umsonst als eines der besten Orchester der Welt – als eines freilich, dessen Perfektion Fluch und Segen zugleich bedeuten kann.

Andreas Homoki, Petrenkos ehemaliger Chef an der Komischen Oper Berlin, bringt diese Ambivalenz so auf den Punkt: »Ausnahmemusiker, die in so einem Ensemble spielen, neigen unter Umständen auch dazu, bequem zu werden, weil sie eh die Besten sind. Und mich hat aus diesem Grund sehr gefreut, dass sie Kirill gewählt haben, weil mit Kirill wird’s nicht gemütlich, sondern mit Kirill wird gearbeitet. Und dass dieser Spitzenklangkörper für sich artikuliert, wir wollen einen, der uns fordert, das hat mir gefallen.«

Man darf gespannt sein, wohin Kirill Petrenko die Berliner Philharmoniker führen wird. So viel scheint klar: Bequem wird diese Ära wohl nicht für sie werden, aber sie könnte sich zu einer der spannendsten in ihrer Geschichte entwickeln.

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