Sprachgebrauch

Der schwierige Umgang mit dem Erbe

Julia Bernstein Foto: privat

Worte konstruieren unsere Welt, bestimmen unser Denken, geben uns Halt und Geborgenheit, mit ihnen versichern wir uns, wer wir sind und was wir wollen. Mit ihnen lässt sich eine gänzlich neue Sichtweise auf die Welt erschließen oder das Denken zementieren.

Sie können den Respekt vor Menschen zum Ausdruck bringen oder Menschen ausschließen, auf das Tiefste verletzen und immens schaden. Wovon es abhängt, was einzelne Worte bewirken? Natürlich davon, wie Menschen sie gebraucht haben und gebrauchen.

Prägung Für die deutsche Sprache bedeutet das, dass Menschen auch in dieser Weise mit dem Erbe des Nationalsozialismus konfrontiert sind. Denn der Nationalsozialismus hat die Sprache geprägt, viele Worte erhielten ihre Bedeutung aus der nationalsozialistischen Ideologie und Herrschaft. »Endlösung« steht für das antisemitische Heilsversprechen und die Vernichtung der europäischen Juden, »Sonderbehandlung« ist der Euphemismus für die Ermordung derer, die den »herrenmenschlichen Deutschen« als »Untermenschen« galten.

Die an den Toren mehrerer Konzentrationslager angebrachte Losung »Arbeit macht frei« lässt sich nach der Schoa nicht mehr in einem anderen Sinne, »unbefangen« gebrauchen.

Auch im heutigen Sprachgebrauch finden diese Worte Verwendung. Sie sollten es nicht, darüber sind sich viele Menschen einig. Dass das Korrekturprogramm von Microsoft-Word vorschlägt, »Untermensch« als »geopolitisch problematische Bezeichnung« zu ersetzen, zeugt ebenso davon wie ein etabliertes Artikel-Format in deutschen Medien über »Nazivokabeln«, mit dem das sprachliche Erbe der Nazizeit thematisiert wird.

Auch bei Phrasen oder geflügelten Worten, die von den Nationalsozialisten in ihre Ideologie und Vernichtungspraxis integriert wurden, besteht dieses Problembewusstsein. Die an den Toren mehrerer Konzentrationslager angebrachte Losung »Arbeit macht frei« lässt sich nach der Schoa nicht mehr in einem anderen Sinne, »unbefangen« gebrauchen.

Sie steht für die Vernichtung der europäischen Juden und anderer Opfer der Nationalsozialisten, für die Orte der Verbrechen wie Auschwitz und die Verhöhnung der Opfer. Bei einer anderen nationalsozialistischen Losung, die am Tor des Konzentrationslagers Buchenwald zur Verhöhnung der Opfer angebrachte Formel »Jedem das Seine«, verhält es sich erschreckenderweise etwas anders, denn sie wird weitaus häufiger unbedarft gebraucht und diente gar in der Vergangenheit des Öfteren als Werbeslogan verschiedener Unternehmen.

Dem nicht genug. Viele Menschen sind sich sicher, diesen verletzenden, die Opfer der Nationalsozialisten schmähenden Sprachgebrauch als gerechtfertigt verteidigen zu können. Schließlich handele es sich um eine antike Gerechtigkeitsformel über bürgerliche Ideale. Das lateinische »suum cuique«, der historische Stellenwert dessen Verwendung in Preußen und seine ideelle Geltung, jedem werde in seiner Gemeinschaft das zuteil, was er verdiene (wohlgemerkt von anderen Menschen bestimmt), seien nicht auf den Gebrauch der Nationalsozialisten zu reduzieren.

Es geht also darum, nach der Schoa von dieser Tradition zu reden, »Jedem das Seine« mit Recht und Gerechtigkeit, mit Plato oder Preußen zu verbinden, also einen ganz bestimmten historischen Sinn in der Gegenwart konservieren zu wollen. Nur, warum 2000 oder 200 Jahre zurückgehen und den Gebrauch im Nationalsozialismus vor 75 Jahren darüber vergessen machen?

In Deutschland ist die bürgerliche Gerechtigkeitsformel eben vor gar nicht allzu langer Zeit zu einer nationalsozialistischen geworden. 266.000 Gefangene wurden in Buchenwald nicht nur ihr entsprechend behandelt, sondern bei dem auf die am Tor befindliche Formel gerichteten Appell vermittelte man ihnen, dass ihre Gefangenschaft, Folter und Vernichtung »das Ihre« sei. Für 56.000 Menschen bedeutete dies in Buchenwald die Ermordung.

Vernichtungspraxis »Jedem das Seine« steht also in der Tradition der nationalsozialistischen Vernichtungspraxis. Es ist auf keine Weise doppeldeutig zu verstehen, und trotzdem wird diese Losung noch heute benutzt!? Der Gebrauch in der Werbung ist bereits angesprochen worden, Unternehmen wie Rewe, Microsoft, Burger King, Nokia, Tchibo zusammen mit Esso (»Jedem den Seinen«) und Peek und Cloppenburg haben die Losung bereits genutzt.

Dabei wird die nationalsozialistische Todesformel perfiderweise zur Glücksformel für den Konsumenten, der sich bei der Kaufentscheidung sicher sein soll, ihm werde verdientermaßen oder passend »das Seine« zuteil, und er trete deshalb aus der Konsumentenmasse hervor.

Auf den Gebrauch als Werbung folgte dann jeweils die Diskussion darüber, ob er angesichts der Schoa vertretbar sei. Werbekampagnen sind gestoppt worden. Doch der Hinweis darauf, dass die Verbrechen der Nationalsozialisten bagatellisiert und die Opfer der Nationalsozialisten und ihre Nachkommen erneut verhöhnt werden, ist irritierenderweise häufig zurückgewiesen worden.

»Jedem das Seine« steht in der Tradition der nationalsozialistischen Vernichtungspraxis, Es ist auf keine Weise doppeldeutig zu verstehen. Und trotzdem wird diese Losung noch heute benutzt!?

Die Bitte, darauf zu verzichten, ist häufig so interpretiert worden, dass einem ungerechtfertigterweise Einschränkungen abverlangt oder gar willkürlich Worte weggenommen werden würden. Hier kommt dann die »Vogelschiss-Logik« des Alexander Gauland zum Tragen, der Nationalsozialismus könne doch die deutsche Geschichte nicht »zerstören«.

Wie abwegig diese Logik ist, folgt auch daraus, dass mancher gegenwärtige Gebrauch von »Jedem das Seine« bisher gar nicht als Problem in den Blick genommen wurde. So etwa bei der Bundeswehr, deren Militärpolizei, die Feldjäger, »Jedem das Seine« zum Motto haben. Es prangt auf Latein auf ihrem Barrett: »suum cuique«. Dabei sehen sie sich in der Tradition eines preußischen Ordens.

Neulich haben Soldaten bei einem Workshop diese Tradition verteidigt, es habe nichts mit der nationalsozialistischen Todesformel am KZ Buchenwald zu tun. Dass es nach der Schoa aber keineswegs eine harmlose Sentenz ist, wird nicht bedacht. Aber mehr noch, die Losung wird ja nicht von irgendwem in der Gegenwart verankert, sondern von der deutschen Armee. Ihre Tradition mag bis nach Preußen reichen, in der jüngeren Vergangenheit steht sie in der Tradition der Wehrmacht und damit in der des nationalsozialistischen Rassenkriegs und der Schoa.

Warum also sollte ausgerechnet eine Einheit dieser Bundeswehr nun ein Motto haben, das den Nationalsozialisten als Todesformel diente und die Opfer der Schoa und ihre Nachkommen verhöhnt – ganz gleich, ob es auf Deutsch oder Latein geschrieben steht?

KONTINUITÄT Natürlich, die Feldjäger heute haben nichts mit den Feldgendarmen der Wehrmacht zu tun, die den Kriegs- und Vernichtungsbetrieb aufrechterhielten, indem sie Deserteure jagten, ihnen also im nationalsozialistischen Sinne »das Ihre« zuteilwerden ließen – mitunter das Todesurteil. Und trotzdem ist es nicht nur im höchsten Maße verstörend, dass ausgerechnet die deutsche Armee heute »Jedem das Seine« gebraucht und dadurch eine belastete sprachliche Kontinuität legitimiert, die durchaus eine Bagatellisierung der Schoa provozieren kann.

Vielmehr ist es im höchsten Maß verletzend für alle Opfer der Nationalsozialisten und ihre Nachkommen. Nicht abstrakt, es ist ganz konkret verletzend. Denn für die Menschen aus jüdischen Familien werden damit die Erinnerungen an die ermordeten Familienmitglieder, an schlimmste Leiderfahrungen und Verbrechen aktiviert, sie sind ganz nah.

Zu dieser Verletzung kommt eine weitere, wenn das die wenigsten Menschen verstehen. »Was stellt man sich denn so an?« »Muss man das darein lesen?« Nun, das sagen die, die keine Opfer in der Familie haben, eventuell sogar Täter. Jedes Echo aus der Nazizeit bringt die Vergangenheit, die aufgearbeitet worden zu sein in Deutschland gemeinhin beansprucht wird, ins Hier-und-Jetzt und legt damit die Frage der jüdischen Präsenz und Zukunft in Deutschland offen.

»Haben sie die Geschichte wirklich verstanden, wenn sie mich jetzt nicht verstehen?« Das fragt man sich unweigerlich in solchen Situationen.

Bagatellisierung Das lässt sich ganz einfach an einem Beispiel aus dem Alltag veranschaulichen. Häufig wird ein Überdruss redensartlich mit »Bis zum Vergasen« ausgedrückt. Die daraus resultierende Bagatellisierung der Schoa und Verletzung der Opfer und ihrer Nachkommen spielt für die Sprecher in der Regel überhaupt keine Rolle.

Der Hinweis darauf, also sich verständlich machen zu wollen, führt häufig zu einer bizarren Situation. Denn gibt es dann doch plötzlich beachtlich viele Hobby-Etymologen in Deutschland, die die Unbedenklichkeit dieser Redensart aus ihrer Entstehung zu Zeiten des Ersten Weltkriegs herzuleiten und den Gebrauch in der Gegenwart leidenschaftlich zu rechtfertigen versuchen. Bloß, um diese Entstehung der Redensart geht es gar nicht.

Es geht darum, dass damit die nationalsozialistische Vernichtungspraxis der europäischen Juden eine alltagssprachliche Bagatellisierung erfährt, der Gebrauch die Indifferenz gegenüber den Opfern geradezu zur Schau stellt. Zudem mutet es absurd an, in diesem Gebrauch die »Vergasung« in der Alltagssprache von der nationalsozialistischen Judenvernichtung entkoppeln zu wollen, da man als Jude in Deutschland doch regelmäßig mit Vernichtungsphantasien der Form »Man hat vergessen, dich zu vergasen« konfrontiert ist.

In welchem Maße diese alltagsprachliche Wendung Juden verletzt, verstehen die Wenigsten. Es scheint sie aber auch nicht wirklich zu interessieren.

Die Bundeswehr hat in diesem Jahr auf einem Plakat mit dem Slogan »Gas, Wasser, Schießen. Mach, was wirklich zählt« Ausbildungsplätze in Handwerksberufen beworben. Hier zeigt sich also ein solch verletzender Bezug, eine Anspielung auf die nationalsozialistische Vernichtungspraxis. Auch dass es viele Menschen gar nicht gestört hat oder der Sprachgebrauch gerechtfertigt wurde, hat verletzt.

Die Rechtfertigungen verliefen ungefähr so: Der Bezug auf die Schoa sei ja nicht offen, er erfolgt über die kulturelle Referenz auf einen Comicfilm und auf die alltagssprachliche Bezeichnung der Klempnerbranche (»Gas, Wasser, Scheiße«). Und überhaupt, die Bundeswehr muss nun auf dem Arbeitsmarkt um Personal konkurrieren, da bedürfe es doch ironisch-kecker Werbestrategien, wie sie auch jedes andere Unternehmen benutzt.

Aber genau das – so zu tun, als sei nichts gewesen, als könnte die deutsche Armee ganz unbedarft in der Werbung einen Bezug auf Gas herstellen, ohne jemanden damit zu verletzen, die Verbrechen Deutschlands zu banalisieren und die Schoa zu bagatellisieren – genau das ist das Problem.

NACHKOMMEN Vor Kurzem habe ich dies bei einem Vortag angesprochen, woraufhin sich im Nachgang jemand an mich wandte: »Wie lange wollen Sie, dass wir noch leiden? Es ist viel zu viel erwartet, man kann es nicht vermeiden, das Wort ›Gas‹ zu benutzen.« Menschen leiden unterschiedlich, manche leiden darunter, dass ihre Familienangehörigen von den Nationalsozialisten vergast wurden, andere eben darunter, nicht mehr »Gas« zu sagen, wenn man damit die Opfer und ihre Nachkommen schmäht.

Aber um das Leid der Betroffenen ging es bei diesem Vortragsfeedback ja gar nicht. In dem erwähnten »Wir« kommen Juden gar nicht vor, es geht um das diffuse Gefühl, dem »Wir« würden willkürlich Worte weggenommen. In diesem Zusammenhang entsteht wieder die Frage, wer die Deutungshoheit über die emotionale Belastung und Nutzung bestimmter Begriffe hat.

Traurigerweise ist es nicht selbsterklärend, an die zu denken, die es verletzt. Es bedarf offensichtlich der Hinweise auf das Erbe des Nationalsozialismus in der Sprache und dessen Wirkung. Aber die Hinweise auf die Auswirkung solcher Worte sowohl auf die Identität der Betroffenen als auch auf das demokratische Klima der Gesellschaft werden allzu häufig als aggressiver Akt ausgelegt, der es verhindere, »ohne diesen Schmodder der Vergangenheit«, wie eine Studentin vor Kurzem in einem Seminar die nationalsozialistische Vergangenheit und die Schoa nannte, zu leben.

Ist es wirklich zu viel erwartet, in Deutschland nicht mit banalisierenden und bagatellisierenden Bezugnahmen auf den Nationalsozialismus und die Schoa verletzt zu werden?

Ist es zu viel erwartet, in der deutschen Armee nach der Schoa Anspielungen auf Gas und Nazibegriffe zu vermeiden?

Es versteht sich von selbst, dass Sprache auch von Mehrdeutigkeiten und Vagheit lebt. Man wird es nie allen Menschen recht machen können. Doch darum geht es hier nicht. Es geht darum, dass sich das nationalsozialistische Erbe deutlich in der Sprache zeigt, im Alltag und ausgerechnet bei der Bundeswehr, und dass es Juden verletzt und ausschließt.

Jeder kann in diesem Wissen selbst entscheiden, was er mit seinen Worten bewirken möchte. Viele Juden sind darum bemüht, sich für eine Gesellschaft einzusetzen, in der jüdisches Leben in seiner Vielfalt wirklich erwünscht ist und als normal angesehen wird, in der es möglich ist, sich ohne die Gefahr, wegen jüdischer Symbole angegriffen zu werden, frei zu bewegen, in der man im Alltag oder den Institutionen eben nicht mit solchen Schmähungen im Zusammenhang mit dem Nationalsozialismus und der Schoa verletzt wird.

Es wäre schön, wenn sich jeder bemüht, Worte zu finden, die in diesem Zusammenhang nicht verletzen und einen gemeinsamen kommunikativen Rahmen ermöglichen.

Die Autorin ist Professorin für Soziologie an der Frankfurt University of Applied Sciences.

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