Konzert

Der rockende Stadtneurotiker

Lässig: der Filmemacher Woody Allen an der Klarinette (M.) Foto: Christian Rudnik

Die sieben älteren Herren sitzen. Ein Konzert im Stehen ist wohl nur etwas für Heißsporne. Gestern Hamburg, heute Berlin, morgen Wien, das reicht auch an sich schon für eine Band, die zusammen rund vier Jahrhunderte auf dem Buckel hat und beinahe so etwas wie der Buena Vista Social Club New Yorks ist.

Seit mehr als 30 Jahren pflegt Woody Allen (74) dieses Hobby; gewöhnlich spielt die New Orleans Jazz Band im New Yorker Hotel Carlyle mit 70 Plätzen. Die Besucher kommen seinetwegen. Es ist ein Personenkult, dem hier im Berliner Tempodrom gehuldigt wird – junge wie alte Filmfans, selten sieht man so eine Mischung.

Schmerzgrenze Der Großstadtneurotiker wirkt müde. Das Klarinettenköfferchen hat er neben seinen Stuhl gestellt. Es beginnt der Akt. Der wirkt zunächst befremdlich an einem Ort, an dem normalerweise Rockbands einen Dezibelbereich weit über der Schmerzgrenze erzeugen. Nach der ersten Nummer läuft Allen zum Mikrofon, schüchtern fast, und hält eine kurze Ansprache. Wie sehr ihnen der Jazz Spaß mache, und wenn jemand dazukomme, um sich das anzuhören, freue er sich umso mehr.

Das ist natürlich ein Understatement. Immerhin nimmt Allen für diese Auftritte eine sechsstellige Gage, heißt es. Die Tickets kosten bis zu 100 Euro. Das ist nicht wenig für Bands, die man sonst für zehn Euro (inklusive Brunch!) erleben kann. Kritiker werfen ihm das vor. Aber würde der Papst Blockflöte spielen, kämen die Leute nicht auch in Scharen?

Bordell Stück um Stück entfaltet sich eine Musik aus der Zeit, als die Bilder laufen lernten. Das erinnert an Buster Keaton oder die Verfolgungsjagden in schwebenden Boliden aus Allens frühem Film Sleeper, den er mit diesem Swing unterlegt hat. Es ist eine Musik wie eine alte Platte, die 90 Minuten knistert. Mit kratzender Nadel taucht der Traditional Jazz ein in eine Welt aus billigen Bars und Bordellen, in eine Zeit der Segregation und Prohibition.

Auch über die Qualität der sieben Hobbymusiker wird im Feuilleton gern gestritten. Das Banjo klingt zuweilen wie ein Waschbrett, und wenn Allen den Dämpfer anlegt, klingt die Klarinette, als sei sie kaputt. Beim Tremolo zuzelt er am Mundstück wie ein Münchner an der Weißwurst.

Rock Manche der Herren singen. Sie tun das sehr souverän. Dann stehen sie auf und treten ans Mikrofon. Es sind kurze und traurige Passagen. Und dann geschieht das Wunder: Wie ein fahrender Zug, das Sehnsuchtssymbol dieser Zeit, nimmt der Sound der Band Tempo auf, rauscht durch die Reihen und bringt jeden zum Wackeln. Am Ende rocken die Musiker das Tempodrom doch noch: Keinen hält es mehr auf dem Stuhl.

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