Finale

Der Rest der Welt

Da wohnt so ein Araber in unserem Haus, zwei Stockwerke über uns. Er kommt aus Afrika und hört in der Nacht laute Musik. Vor seinem Eingang stapeln sich enorm viele Kleidersäcke. Einmal ging ich nach oben und versuchte, ihn darauf aufmerksam zu machen, dass die Mehrheit der Menschen um ein Uhr morgens schlafen muss. Leider war die Türklingel leiser als die Musik. Ich gab auf und konnte dann doch noch einschlafen.

Er ist mir eigentlich sehr sympathisch. Wir grüßen uns nämlich immer freundlich im Treppenhaus und versuchen, den interreligiösen Dialog hochzuhalten. Bei mir würde das reichen mit »Grüezi« und »Uff wiederluege«, mein arabischer Nachbar will jedoch mehr. Mindestens einmal pro Woche fragt er mich, ob ich jüdisch sei. Ja. Er sei arabisch. Ja. »Gott oder Allah schauen aber immer ins Herz jedes Menschen«, schärft er mir dann ein. Gewiss. »Gott oder Allah ist es piepegal, ob du Jude oder Araber bist, verstehst du?« Ja, das leuchtet ein. »Wichtig ist jedoch, Bruder, was du für ein Herz hast, ja?« Mhm, jaja, bin einverstanden.

30 Franken »Gut«, sagt er mir dann immer wieder. »Weißt du«, und guckt mich traurig an, »ich habe nur noch 30 Franken bis Ende des Monats. Aber du bist ein guter Jude mit einem guten Herzen.« Ja, antworte ich, »auch du hast ein gutes Herz.« »Weißt du, Jude, du bist auch ein guter Vater.« Merci, danke. »Du hast wirklich ein gutes Herz.«

Wir bleiben dann immer kurz stehen. Ich atme tief durch und hoffe stets, dass er mich jetzt weiterziehen lässt. Aber da hält er mich nochmals am Ärmel fest. »Krieg ist Scheiße! Warum töten die Juden immer die Araber und umgekehrt?« Ich weiß es nicht, aber ich versichere ihm eindringlich, dass Gott oder Allah Krieg nicht wollen, dass sie lieber ins Herz gucken. Ja, du bist ein guter Jude, du hast ein gutes Herz.

Manchmal dreht sich unser Dialog so lange im Kreise, bis auch andere Nachbarn zu uns stoßen. Christen, Atheisten. Die meisten gehen an uns vorbei, es gibt aber immer zwei, drei Gesprächsliebhaber, die ebenfalls darüber räsonieren, dass Krieg Scheiße und Hauptsache sowieso und immer das Herz ist. Vergangene Woche waren wir zu viert, die über den Krieg, das Herz und sonst gar nichts quatschten.

Kinder Innerlich begann ich zu fluchen. Ich bin ein Jude, lasst mich hier raus! Aber das wäre sehr unanständig gewesen. Ich betete zu Gott oder Allah, dass sie meine wartend-wütende Frau zu uns schicken oder meine weinenden Kinder. Doch nichts geschah. Ich betete zu ihnen, dass ich fortan ein gutes Herz in meiner Brust gedeihen lasse. Und da geschah es: Meine Frau stapfte uns entgegen und keifte mich an, warum ich denn so lange herumtrödle.

Die Kinder würden schreien, und der Abwasch würde nicht von alleine sauber. Ich guckte meine Plauderrunde seufzend und glücklich an. Ich denke, Gott oder Allah kümmern sich keinen Deut um metaphysische Gespräche.

Kolumne

»Ich bin bloß eine Regenwolke!«

Von Winni Puch bis Tscheburaschka: Wie sowjetische Trickfilme gegen Antisemitismus helfen

von Eugen El  14.06.2026

Glosse

Der Rest der Welt

Erst Kurt Krömer, dann Modi Rosenfeld: Shoppen und lachen

von Katrin Richter  14.06.2026

Aufgegabelt

Hähnchen-Schawarma mit Tahini

Rezept der Woche

 14.06.2026

Medien

KI-Verstoß: »Tagesspiegel« nimmt Casdorff-Texte offline

Stephan-Andreas Casdorff verfasste auch für die Jüdische Allgemeine Kommentare. Die Redaktion prüft, ob auch diese Texte von einer KI statt von Casdorff selbst verfasst wurden

 12.06.2026

Berlin

»Ich bin stolz! Sehr stolz«

Dieter Nuhr ist mit dem Leo-Baeck-Preis des Zentralrats der Juden geehrt worden. Wir dokumentieren hier exklusiv seine Rede im Wortlaut

von Dieter Nuhr  12.06.2026 Aktualisiert

Musik

Mike D in Berlin: Ein Beastie Boy meldet sich zurück

Das Berliner Säälchen am Holzmarkt wird zur Kulisse des einzigen Deutschland-Konzerts des »Beastie Boys« Mike D. Hunderte Fans sind begeisterte Zeugen des überraschenden Comebacks ihres Idols

 12.06.2026

Weltmeisterschaft

Die Kraft des Gemeinsamen

Vom Hoffen, Mitfiebern und Leiden: Eine Liebeserklärung an die Macht und die Möglichkeiten des Fußballs

von Awi Blumenfeld  11.06.2026

Kulturfest

Jüdische Woche in Leipzig

70 Leipziger Institutionen und Vereine gestalten ein Programm zu jüdischem Leben in Vergangenheit und Gegenwart. Erwartet werden internationale Gäste

 11.06.2026

Dresden

Elnet: Initiative soll Neugier auf jüdisches Leben wecken

Die Kampagne ist Teil des Themenjahres »Tacheles. Jahr der jüdischen Kultur in Sachsen 2026« und wird zunächst sechs Wochen sichtbar sein

 11.06.2026