Finale

Der Rest der Welt

Manche Fragen, darauf habe ich mir immer viel eingebildet, werden nur anderen Frauen gestellt, nicht mir. Doch nun, ausgerechnet an einem strahlenden Sommertag, hat es auch mich erwischt: »Sind Sie die Mutter oder die Oma?« fragte mich eine Besucherin im Büro, als sie ein Foto von mir und meinem kleinen Sohn auf dem Schreibtisch entdeckte.

»Natürlich bin ich die Mutter!« sagte ich empört: »Sieht man das nicht?« »Doch, doch«, wiegelte die Frau ab, «aber mit 40 könnten Sie schon Oma sein!« »Das ist wahr«, sagte ich betont sachlich, betrachtete das Foto genauer und redete mir gut zu: »Andere Frauen in meinem Alter haben viel mehr Falten!« Und doch, es lässt sich nicht leugnen: Wäre ich mit 20 Mutter geworden, könnte ich jetzt die Babuschka sein.

Spam Leider wurde der Tag nicht besser. Zu Hause an meinem Laptop entdeckte ich im Spam-Filter einen Hinweis auf »kosher lubricants«, die unter der Aufsicht des Rabbinical Council of California hergestellt werden. Obwohl ausdrücklich betont wurde, das Gel sei in acht verschiedenen Geschmacksrichtungen erhältlich, musste ich sofort an Anzeigen in der »Apotheken Umschau« oder »Brigitte Woman« denken – was man halt so liest als Frau über 40 – und löschte die Mail.

Am nächsten Morgen knallte die Sonne mit voller Kraft durch die Fenster. Trotz Omega-Wetterlage und Ventilator im Büro breitete sich schon gegen neun Uhr Kopfschmerz aus. Ich suchte Zuflucht im Nebenzimmer und jammerte: »Ganz schön heiß!« »Das sollte in deinem Alter kein Problem sein«, sagte der aufmerksame Kollege, der an seinem Schreibtisch saß und freundlich lächelte. »Warte erst, bis die Hitzewallungen anfangen! Apropos, wäre das nicht ein schönes Thema für dich: Judentum und Wechseljahre?«

An diesem Punkt fiel mir mein Poesiealbum ein und der Spruch, den mir meine Klassenkameradin Christine einst hineingeschrieben hatte: »Lieblich ist der Reiz der Jugend/ Doch die Blüten fallen ab/ Aber Edelmut und Tugend/ Folgen uns noch übers Grab!«

Midlife-Krise Dann dachte ich an meine Mutter, die für die sogenannte Midlife-Krise nur Hohn und Spott übrig hat und mit über 70 noch schick gestylt ist, und beschloss, den ultimativen Trost in der Bibel zu finden. Denn wie im 1. Buch Mose berichtet wird, hat unsere Urmutter Sara schallend gelacht, als ihr mit 90 die Geburt eines Sohnes versprochen wurde: »Und sie waren beide, Abraham und Sara, alt und hochbetagt, sodass es Sara nicht mehr ging nach der Frauen Weise. Darum lachte sie bei sich selbst und sprach: Nun soll ich noch der Liebe pflegen!«

Aber als Isaak dann tatsächlich zur Welt kam – ärgerte sich Sara etwa darüber, dass man sie für die Ur-Ur-Uroma hielt? Nein, sie freute sich an ihrem Kind und wurde 127 Jahre alt. Zwar nicht alt genug, um die Geburt ihrer Enkel zu erleben … Aber schließlich steht nirgends geschrieben, dass man im Leben alles haben kann!

Dana von Suffrin

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