Finale

Der Rest der Welt

Üblicherweise sind es Juden, die bei jedem Promi obsessiv nachchecken, ob er oder sie möglicherweise »eine(r) von uns« sein könnte. Selbst Che Guevara hat es mal erwischt. Die lateinamerikanische Revolutionsikone stammte angeblich mütterlicherseits aus einer Familie russischer Juden, der auch Ariel Scharon entsprang.

Im aktuellen Fall sind die »Such den Juden«-Forscher allerdings Gojim, die das britische Königshaus und dessen jüngsten Spross, den frisch geborenen Prinz George ins Visier genommen haben. Dessen Mutter, die Herzogin von Cambridge, stammt mütterlicherseits nämlich aus einer Familie Goldsmith, die wiederum verschwägert ist mit diversen Myers und Temples. Eindeutig jüdisch, meinte der Ex-Hofkorrespondent der BBC, Michael Cole, in der »Times«.

Windsor Ihm widersprach sofort Doreen Berger, die Vorsitzende der Jewish Genealogical Society: Goldsmiths, Temples und Myers gebe es auch massenweise unter Christen. Sie sei hunderprozentig sicher, dass Kate und George dem Volk Israel nicht zuzurechnen seien. Auch wenn der kleine Prinz, wie es im Hause Windsor bei männlichem Nachwuchs Tradition ist, von einem Mohel beschnitten wird.

Womit die Angelegenheit hätte abgehakt werden können, wäre da nicht Cranmer, ein viel gelesener konservativer anglikanischer Blogger. Der verwies auf seiner Website auf eine im 19. Jahrhundert populäre Theorie, wonach die Briten Nachkommen der verlorenen zehn Stämme seien. Das, so Cranmer, sei inzwischen möglicherweise wissenschaftlich untermauert. Professor Stephen Oppenheimer (!), ein Anthropologe aus Oxford, könne anhand genetischer Tests nachweisen, dass Albions erste Siedler aus dem Mittelmeerraum kamen. In der Gegend tummeln sich von jeher zwar auch andere Völker. Aber: Auszuschließen sei es nicht, dass die Briten wirklich Gottes auserwähltes Volk sind.

Konjuktiv Cranmer erwähnte auch den »Stone of Scone«, auf dem seit dem 14. Jahrhundert die Könige der Insel gekrönt wurden. Dieser Felsblock ist der Legende nach identisch mit dem Stein, auf dem Jakob im Traum Gott erschien und seinen Nachkommen das Land versprach (Mose 1,28, 10–22). Und so schlussfolgert der Blogger, wenn auch vorsichtigerweise im Konjunktiv, könnte es sein, dass, falls Kate vielleicht doch jüdisch ist, bald »ein Sohn Abrahams sein Haupt wieder auf Jakobs Stein legen würde«.

Hoffentlich haben keine Araber das gelesen. Sonst hätte es am Ende Auswirkungen auf die Nahostfriedengespräche. Die Palästinenser könnten die Rückführung der Israelis in ihre britische Heimat verlangen. Was aber auch seinen Reiz hätte: gemäßigtes Seeklima und dank Insellage keine stressigen Nachbarn mehr. England, wir kommen!

Programm

Urbane Ästhetik, cineastische Architektur und späte Aufklärung: Termine und TV-Tipps

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 7. Mai bis zum 14. Mai

 06.05.2026

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der jüdischen Welt

von Imanuel Marcus, Bettina Piper  06.05.2026

Kino

Am Puls der Zeit

Gegen Polarisierung und Boykott: Das Jüdische Filmfestival Berlin Brandenburg will den Blick weiten

von Ayala Goldmann  06.05.2026

Boston

Wegen israelischer Figur: Bestseller-Autorin Rebecca F. Kuang unter Druck

In ihrem neuen Werk »Taipei Story« schreibt sie in wenigen Sätzen über einen fiktiven, israelischen Musiker. Schon dies reicht für einen Sturm der Entrüstung

 06.05.2026

London

»Pinocchio« und »James Bond«: Kino zum Hören mit Josh Groban

Auch für Disney-Filme hat der Sänger ein Faible. Ein Duett hat ihn persönlich besonders berührt

von Philip Dethlefs  06.05.2026

New York

Daniel Radcliffe für Tony-Award nominiert

Daniel Radcliffe hat erneut Chancen auf die Ehrung. Für welches Stück ist der jüdische »Harry Potter«-Star diesmal nominiert?

 06.05.2026

Archäologie

Rätsel um antikes Baby-Massengrab

Wissenschaftler der Universität Tel Aviv haben Knochenreste aus der Perserzeit gefunden, die in Tel Aseka bestattet wurden. Etwa 70 Prozent stammen von Kindern unter zwei Jahren

von Sabine Brandes  05.05.2026

Meinung

Wir haben ein Problem – und wir müssen endlich darüber reden

Ein Weckruf über verfehlte Migration, ausländische Einflussnahme und das ohrenbetäubende Schweigen der »Progressiven«

von Jacques Abramowicz  05.05.2026 Aktualisiert

Auszeichnung

Marion-Samuel-Preis geht an Susanne Siegert für NS-Aufklärung

Die Augsburger Stiftung Erinnerung fördert Menschen, die sich gegen das Vergessen, Verdrängen und Relativieren der Nazi-Verbrechen wenden. Sie verleiht einen Preis, der mit viel Geld dotiert ist

von Christopher Beschnitt  05.05.2026