Glosse

Der Rest der Welt

Foto: Getty Images

Glosse

Der Rest der Welt

Über Wurstmeldungen und andere existenzielle Fragen

von Katrin Richter  19.10.2025 06:52 Uhr

Manchmal denkt mein Glossengehirn, dass es bei all den unerfreulichen Nachrichten fast nichts mehr gibt, was noch diese schwere Decke des Weltgeschehens wegziehen könnte, die auf allem und allen lastet.
Und dann sind da plötzlich Meldungen, die das doch schaffen: wie zum Beispiel die, dass das EU-Parlament über eine Gesetzesänderung für die Bezeichnung von Wurst, Schnitzel und Burger abgestimmt hat.

Genauer gesagt über die Bezeichnung von Tofu-Wurst, -Schnitzel und -Burger. 355 Abgeordnete stimmten für ein entsprechendes Namensverbot für vegane und vegetarische Alternativen, 247 dagegen, 30 enthielten sich. Nun müssen noch die 27 EU-Staaten der philosophischen Frage nachgehen, ob nur Wurst aus vormals lebendigem Tier – und zwar ausschließlich diese – Wurst heißen darf.

Um es gleich kalauernd vorwegzunehmen: Mir ist das wurst. Tofu-wurst, genauer gesagt. Denn ich esse seit 30 Jahren kein Fleisch und bin auch kein Fan von Fleisch­ersatzprodukten. Allein dieses Wort! Ich frage mich häufig: Wer kauft sich freiwillig diese Teile, deren Inhaltsstoffe etwa so klingen: Tofu 62 Prozent (Sojabohnen 55 Prozent, Wasser, Gerinnungsmittel: Magnesiumchlorid, Cal­ciumsulfat), Naturreis, kaltgepresstes Sonnenblumenöl, Weizeneiweiß, Gemüsebrühe (… und dann wird aufgezählt, welche Gewürze da alle drin sind). Mit den Inhaltsstoffen der Tier-Wurst will ich gar nicht erst anfangen.

Werden Menschen mittlerweile für so dumm gehalten, dass sie bei Tofu-Würstchen an Fleisch denken, nur weil das Wort Würstchen drinsteckt?

Aber es gibt ihn nun einmal, diesen riesigen Markt der Fleischersatzprodukte. Unverkennbar gibt es ihn. Selbst große Wurstbetriebe bieten mittlerweile geformte Sojabohnen-Weizeneiweiß-Gerinnungsmittel-Produkte als Aufstrich oder Ähnliches an. Eine andere Frage, die ich mir ob dieser Wurst-Meldung gestellt habe: Werden Menschen mittlerweile für so dumm gehalten, dass sie bei Tofu-Würstchen an Fleisch denken, nur weil das Wort Würstchen drinsteckt?

Vielleicht hilft ja ein Blick in die Etymologie: Manchmal ist das ganz erhellend. Wurst, so steht es im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, das immerhin von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften herausgegeben wird, habe – wie übrigens mancher Inhalt von Würsten auch – eine recht ungewisse Herkunft. »Am besten ist wohl Anschluß (ausgehend von ie. *urtsti-) im Sinne von ›Gedrehtes‹ an ie. *uert- ›drehen, wenden‹«. Aah: drehen und wenden.

Dann wäre doch alles geklärt, oder? Tofu-Wurst darf auch weiterhin Wurst heißen, denn auch Tofu, Naturreis, kaltgepresstes Sonnenblumenöl et cetera werden gewendet oder gedreht – oder etwa nicht? Ich bin wirklich froh, dass es in Europa keine anderen Probleme gibt. Ein Freund fragte mich kürzlich übrigens, ob koffeinfreier Kaffee dann auch nicht mehr Kaffee heißen sollte. Any thoughts?

Hollywood

Zwei große Favoriten für die Oscars - und jede Menge Außenseiter

Zwei Filme, die originell zwischen allen Genres hin- und herspringen, führen das Oscar-Rennen an - und das mit einer neuen Rekordzahl von Nominierungen. Doch in der Nacht zum Montag könnte es auch Überraschungen geben

von Marius Nobach  12.03.2026

Berlin

Wirbel um Weimer: Regierung weist Rücktrittsforderung zurück

Erst gab es Debatten über Antisemitismus auf der Berlinale, jetzt über den Buchhandlungspreis: Die Bundesregierung stellt sich hinter ihren Kulturstaatsminister Wolfram Weimer

von Julia Kilian, Verena Schmitt-Roschmann, Sabrina Szameitat, Silke Sullivan  12.03.2026

Aufgegabelt

Kräuter-Hühnersuppe mit Hawaij

Rezepte und Leckeres

von Katrin Richter  12.03.2026

Der Rest der Welt

Der Rest der Welt

Eine Überdosis an Chatgruppen oder Was das Jüdische daran ist

von Nicole Dreyfus  12.03.2026

Tischtennis

Wer waren Marty Reisman und Alojzy Ehrlich?

Der Oscar-nominierte Film »Marty Supreme« knüpft an wahre Biografien an

von Martin Krauss  12.03.2026

Hollywood

Curtis zu Chalamets Opernspruch: Vermächtnis beschädigt

Oper und Ballett interessierten niemanden mehr: Mit solchen Äußerungen sorgt der Oscar-nominierte Timothée Chalamet weiter für Wirbel. Nun meldete sich auch Oscarpreisträgerin Jamie Lee Curtis zu Wort

 12.03.2026

Kolumne

Die Schließung des HIAS Wien ist das Ende einer Ära

Aus für einen Leuchtturm: Die Hebrew Immigrant Aid Society war die erste Anlaufstelle für sowjetische Juden, die in den Westen oder nach Israel auswandern wollten

von Eugen El  12.03.2026

Kinderfilm

Mit dem Aufzug ins Jahr 1938

»Das geheime Stockwerk« zeigt die Zeitreise eines Jungen als Detektivgeschichte. Ein gelungener und mehrfach ausgezeichneter Kinderfilm

von Gabriele Hermani  12.03.2026

Solingen

100 Porträts jüdischer Künstlerinnen im Zentrum für verfolgte Künste

Die Ausstellung erzählt von künstlerischen Lebenswegen zwischen Krieg, Verfolgung und Neubeginn, wie das Museum ankündigte

 11.03.2026