Finale

Der Rest der Welt

Es ist leider kein Geheimnis, dass es viele Juden in Berlin gibt, die einander nicht im Mondschein begegnen möchten. Denn wir Juden sind, wie es ein Kollege auszudrücken pflegt, ein »argumentatives« Volk, und vor allem in Berlin – warum auch immer – ist dieses Phänomen besonders ausgeprägt. Es gibt in der Hauptstadt sogar zwei Rabbiner, die im gleichen Haus in Charlottenburg leben und kein Wort miteinander wechseln.

Zu meinem Glück wohne ich (nomen est omen) in Friedenau. Juden, die ich nicht leiden kann – es sind nur sehr wenige, denn ich bin, anders als der Rest der Berliner Juden, selbstredend ein friedliebender Mensch –, begegne ich nur, wenn es sein muss. Manche habe ich schon Jahre nicht gesehen. Denn in Berlin habe ich die Wahl zwischen über zehn Synagogen. Auch die Kita kann ich mir selbst aussuchen. Und wen ich nicht treffen will, den treffe ich auch nicht – weder im Mondschein noch bei Tageslicht.

Zwillingsbabys Kaum aber fliege ich nach Israel, laufen mir ständig Juden über den Weg, denen ich in Berlin erfolgreich aus dem Weg gehe. Vergangenes Jahr fing es schon im Flugzeug an: Eine Reihe hinter mir in der EL-AL-Maschine saß eine Elternvertreterin, mit der ich mir einmal eine hitzige Diskussion darüber geliefert hatte, warum die Gemeindekita am Tag vor jüdischen Feiertagen schon um 13 Uhr schließt – eine ausgesprochen unerfreuliche Regelung für arbeitende Mütter! (Mir hatte man daraufhin mangelndes Verständnis jüdischer Feiertage vorgeworfen.) Und vor ein paar Jahren, als ich noch Single war, stieß ich am Ben-Gurion-Flughafen auf einen Ex-Freund, der mir stolz seine Frau und seine dicken Zwillingsbabys präsentierte. Ich war bedient!

Mit meinem Problem bin ich nicht allein. Auch andere Berliner Juden schaffen es über Jahre, die Veranstalterin der berühmt-berüchtigten koscheren Gummibärchen-Messe zu meiden, die jedes Jahr alle Glaubensgenossen zwingt, ihre Produkte uneingeschränkt zu loben. Doch kaum suchen sie in Tel Aviv das Yuppie-Café »Orna und Ela« in der Sheinkin-Straße auf (das mit den attraktiven jungen Kellnern), sitzt die Managerin schon am Nebentisch und verhandelt mit einem israelischen Gummibärchenhersteller über die nächste Import-Tranche.

Prenzlauer Berg Kein Wunder, Israel ist ein kleines Land. Aber warum übertrifft die Dichte nerviger Berliner Juden, denen wir dort begegnen, die entsprechende Größe in der deutschen Hauptstadt? Eine einfache Rechnung genügt: Nehmen Sie Charlottenburg, Wilmersdorf, Prenzlauer Berg und Mitte (die Siedlungsgebiete der meisten Berliner Juden) und vergleichen Sie die Fläche mit dem Gebiet zwischen Sheinkin-Straße und Rothschild-Boulevard in Tel Aviv.

Selbst wenn Sie die Gleichung um den Faktor X erweitern (Dauer der Israel-Urlaube von Berliner Juden), kommen in Tel Aviv mehr vertraute Nervensägen auf den Quadratmeter als in Berlin. Fliegen Sie also nicht nach Israel, wenn Sie anderen Gemeindemitgliedern aus dem Weg gehen wollen! Ich empfehle stattdessen einen Kurzurlaub in der Märkischen Schweiz.

Musik

Abschied von Berlin

Sharon Brauner über ihr neues Lied » Kind dieser Stadt« und warum die Urberlinerin ihre Heimat verlassen will.

von Jan Feldmann  28.08.2026

Musik

Tagebuch in Tönen

In seiner Biografie »Idylle und Vertreibung« über Robert Kahn erinnert Reinhard Wulfhorst an einen außergewöhnlichen deutsch-jüdischen Komponisten

von Maria Ossowski  28.08.2026

TV-Kritik

»Phoenix« - herausragender Film über eine Schoa-Überlebende

Christian Petzolds grandiose Parabel auf Deutschland im »Jahre Null«

von Felicitas Kleiner  27.08.2026

Bremer Kunsthalle

Bremen

Auszeichnung für künstlerische Auseinandersetzung mit NS-Verbrechen

Die Künstlerin Annette Kelm wird mit dem 50. Pauli-Preis geehrt. Ihre Fotoserie »Die Bücher« zeigt Cover von Werken, die von den Nazis verboten und verbrannt wurden

 27.08.2026

MARKK Museum am Rothenbaum

Hamburg

Ausstellung zum Bild vom Judentum

Welches Bild hat das Hamburger Museum MARKK vom Judentum vermittelt? Welche Rolle spielte es in der NS-Zeit? Eine Ausstellung will diese Fragen beantworten

 27.08.2026

Interview

»Werdet ihr uns helfen, Israel zu ›reparieren‹?«

Die Regisseurin Yael Reuveny über das komplexe Verhältnis zwischen deutschen Juden und Israelis, ihr neues Filmprojekt und einen Aufruf an unsere Leser, nach Home-Videos von Israel-Reisen zu suchen

von Ayala Goldmann  27.08.2026

Kolumne

Fastenkurse im Bordbistro

Wieder mal Spaß gehabt mit der Deutschen Bahn: Über die Katastrophe eines Weltkonzerns

von Maria Ossowski  27.08.2026

Schweiz

Das sind die beliebtesten Vornamen für neugeborene Jungen und Mädchen

Eine neue Rangliste des Bundesamts für Statistik gibt Aufschluss

von Nicole Dreyfus  27.08.2026 Aktualisiert

Kinder

Noah, Ben oder Lea?

Warum sich biblische Namen im deutschsprachigen Raum großer Popularität erfreuen

von Nicole Dreyfus  26.08.2026