Glosse

Der Rest der Welt

Foto: Gregor Zielke via KI

Während in meiner Nachbarschaft die meisten um mich herum ihre Wohnung weihnachtlich dekorie­ren und schon bald die ersten Weihnachtsbäume hell aus den Wohnzimmern leuchten, überlege ich mir, ob ich mir einen kleinen Kaktus anschaffen sollte. Mein Anti-Weihnachtsbaum? Mitnichten. Ich finde die weihnachtliche Stimmung mit all ihrem Bling-Bling großartig und bin der festen Ansicht, dass wir uns als jüdische Minderheit, die sich in einer hauptsächlich christlichen Mehrheitskultur bewegt und auch dazugehört, von diesem weihnachtlichen Lichtzauber berieseln lassen sollen. Aber das ist Stoff für eine andere Glosse.

Zurück zum Kaktus. Ständig läuft mir derzeit der Ohrwurm »Mein kleiner grüner Kaktus« nach, den meine Tochter im Kinderchor gelernt hat. Und während ich den Song, dem die »Comedian Harmonists« vor etwas weniger als einem Jahrhundert zu Ruhm verholfen haben, so vor mich hinträllere, fällt mir immer wieder die Zeile ein »Und wenn ein Bösewicht / Was Ungezogenes spricht / Dann holʼ ich meinen Kaktus / Und der sticht, sticht, sticht«.

Meine Tochter macht beim Singen in diesem Moment dann jeweils mit ihrem kleinen Zeigefinger eine Geste, als würde sie ihr Gegenüber stechen wollen. Nur etwas kindliche Theatralik, gewiss. Doch dieses wunderbare Lied von 1934, das heute zu den prominentesten Liedern der Comedian Harmonists zählt (ab 1938 durfte die Platte in Deutschland nicht mehr gekauft werden), ist alles andere als ein inhaltsleerer Schlager.

Dieses wunderbare Lied von 1934 ist alles andere als ein inhaltsleerer Schlager.

Es ist vielmehr ein Plädoyer für die Neue Frau in einer für die Zeit unglaublich modernen Phase und definiert Weiblichkeit als etwas Selbstbestimmtes im Gegensatz zu »Rosen, Tulpen und Narzissen«. Die moderne Frau von damals wohnt nun allein und kümmert sich wenig um bestehende Konventionen (»Das will ich alles gar nicht wissen«).

Sie kann sich zur Wehr setzen – da kommt der stechende Kaktus ins Spiel – und will die Schlussfolgerung, dass je nach Blumensorte sich der Charakter einer Frau ablesen lässt, nicht zulassen. Nun, bei einem Kaktus wäre dies kaum schmeichelhaft (»Was sollen die Leut’ sonst von mir sagen?«). Und es kommt noch besser: Der Kaktus versinnbildlicht im weitesten Sinne auch das Entziehen von bestehenden Schönheitsidealen, Kakteen gelten im Vergleich zu anderen Blumen als nicht besonders schön.

Also doch eher Weihnachtsbaum statt Kaktus? Nein, denn es ist alles eine Frage der Konvention. Und wenn der kleine piksende Kaktus vor diesem Kontext ein Symbol für Eigenständigkeit, Souveränität und Eigenverantwortung ist, dann bin ich froh, wenn meine Tochter den Song mit voller Überzeugung, wie ihn eine Siebenjährige nur singen kann, interpretiert.

Selbst wenn sie die Doppeldeutigkeit darin noch nicht wirklich versteht, gewinnt sie durch das Vorsingen an Selbstbewusstsein – der kleine Bruder der Selbstbestimmung. Später als junge Frau wird sie hoffentlich wissen, wie sie mit den Herausforderungen unserer Gesellschaft umzugehen hat. Die Frau vor 100 Jahren hat es vorgesungen: »Mein kleiner grüner Kaktus …«

Streaming-Serie

»Teheran«: Ist dieser israelische Iran-Mehrteiler die Serie der Stunde?

Was als Spionagefiktion begann, wirkt plötzlich hochaktuell. In der neuen Staffel der israelischen Serie »Teheran« zeigt sich: Die politische Realität ist beunruhigend schneller als jedes Drehbuch

von Robert Messer  15.01.2026

Ausstellung

Landesmuseum Mainz zeigt jüdisches Erbe von Rheinland-Pfalz

Die erhaltenen Spuren der mittelalterlichen jüdischen Gemeinden von Speyer, Worms und Mainz sind schon seit 2021 offiziell Weltkulturerbe. Nun rückt auch das Landesmuseum Mainz das Judentum in Rheinland-Pfalz stärker in den Blickpunkt

 14.01.2026

Fernsehen

Dschungelcamp 2026: Gil Ofarim soll Rekord-Gage kassieren

Der 43-jährige Sänger bekommt laut »Schlager.de« für seine Teilnahme an der in Australien gedrehten Show mehr Geld als je ein Teilnehmer zuvor

 14.01.2026

Potsdam

Zentrum für Jüdischen Film geplant

Die Gründungsveranstaltung soll am 4. März dieses Jahres stattfinden

 14.01.2026

Programm

Lesung, Führung, Erinnerung: Termine und TV-Tipps

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 15. Januar bis zum 22. Januar

 14.01.2026

Berlin

»Wie es wirklich war«: Schoa-Überlebende als Hologramme  

Wie es mit dem Erinnern an die NS-Verbrechen weitergeht, wenn diejenigen, die aus erster Hand berichten können, nicht mehr da sind, wird bei einer Konferenz in Berlin erörtert

von Leticia Witte  14.01.2026

Wissenschaft

Studie: Gedanken an andere Partner sind kein Treuebruch

Eine neue Studie der Universität Tel Aviv stellt gängige Vorstellungen von Monogamie und Treue grundsätzlich infrage

 14.01.2026

Comedy-Legende

Don Rickles: Meister der Beleidigungen

In diesem Jahr wäre der große Stand-Up-Comedian 100 Jahre alt geworden. Seine Spezialität: Er zog sein Publikum durch den Kakao

von Imanuel Marcus  14.01.2026

Zahl der Woche

Platz 28

Fun Facts und Wissenswertes

 13.01.2026