Glosse

Der Rest der Welt

Fiona bellt nicht nur, wenn jemand klingelt. Fiona bellt, wenn ich singe oder Kiddusch mache. Foto: Getty Images/iStockphoto

Glosse

Der Rest der Welt

Oj Gewalt: Was hat mein Hund mit dem Gilgul zu tun?

von Beni Frenkel  29.06.2022 11:52 Uhr

Seit drei Wochen haben wir einen Hund. Fiona. Das ist, was ich über ihr bisheriges Leben weiß: Ihre Eltern, wahrscheinlich ein Collie und ein Dackel, trafen sich vor vier Jahren und schlossen den Bund des Lebens.
Fiona sah ihren Vater wohl nie. Aufgewachsen ist sie auf den Straßen Rumäniens. Irgendwann wurde sie eingefangen und verbrachte die nächsten Jahre in einem Zwinger.

Bis meine Frau im Internet herumsurfte und sich in Fiona verliebte. Es folgten lange Gespräche mit den Verantwortlichen. Ich selbst wurde nicht mit einbezogen.

gassi Vor drei Wochen kam dann ein Laster und übergab uns Fiona. Das war an einem Schabbat. Ich werde das auch noch Jahre später wissen, weil ich gleich zu Beginn sagte: »Ich werde nie am Schabbat Gassi gehen.« Jetzt habe ich das auch schriftlich festgehalten. Hunde und Juden – das passt für mich nicht. In der Tora kommen sie nie vor. Auch nicht danach. Ich kenne keinen chassidischen Rebben mit Hund.

Manchmal fragen mich Leute, wie ich es geschafft habe, 17 Jahre verheiratet zu sein. Nein, das stimmt nicht. Noch nie hat mich jemand nach dem Geheimnis gefragt. Aber ich sage es trotzdem: »Happy wife, happy life.« Also, ich gehe natürlich an allen anderen Tagen außer Schabbat raus mit dem Hund. Ich entsorge ihr Geschäft im Abfalleimer und bleibe geduldig stehen, wenn der Köter nicht weiterwill. Am Morgen entdecke ich in unserem Bett den großen Pipifleck von Fiona. Und der Kühlschrank stinkt wegen der offenen Fleisch-Büchse.

Leider hat der Hund nichts gelernt. Befehle wie »Sitz!«, »Pfui!«, »Schnapp!« versteht sie nicht.

Leider hat der Hund nichts gelernt. Befehle wie »Sitz!«, »Pfui!«, »Schnapp!« versteht sie nicht. Auch Rumänisch hilft nicht weiter. Fiona versteht nicht einmal ihren Namen. Was ist das nur für ein Hund?
Was sie kann, ist kläffen. Sobald es an der Wohnungstür klingelt, rennt sie an die Türe und bellt wie blöd. »Schnauze!«, schreie ich sie an. Fiona versteht natürlich auch das nicht und bellt noch lauter.

Geschlabber Bisher haben wir erst zwei Schabbatot zusammen verbracht. Ich behaupte jetzt einmal kühn: Es wird nicht einfach in den nächsten Jahren.

Fiona bellt nämlich nicht nur, wenn jemand klingelt. Fiona bellt, wenn ich singe oder Kiddusch mache. »Klappe halten!«, was hilft das schon?
Immerhin, wir haben letzten Schabbat entdeckt, wie sehr sie auf Gefilte Fisch steht. Vor allem das Geschlabber im Glas liebt sie. Da macht sie sogar Männchen. Könnte es sein, durchzuckt es mich, dass Fiona ein jüdischer Gilgul ist. Eine Wiedergeburt?

Bellen, nicht zuhören, stinken: Ich würde da jemanden aus der Verwandtschaft kennen. Oj Gewalt!

Musik

Jay Beckenstein wird 75

Der jüdische Saxofonist aus Buffalo, der seine Jugend in Westdeutschland verbrachte, gründete eine der wichtigsten Fusion-Bands und bietet sanfte Klänge

von Imanuel Marcus  14.05.2026

Berlin

TU eröffnet neues Kompetenzzentrum für Antisemitismusforschung

Nach umfassendem Umbau stünden künftig rund 55.000 Bücher und Zeitschriften sowie etwa 11.000 visuelle Antisemitika für Forschung und Lehre zur Verfügung

 14.05.2026

Zahl der Woche

13 Gruppen

Fun Facts und Wissenswertes

 14.05.2026

Eurovision Song Contest

Die Leichtigkeit der anderen

Der Schoa-Überlebende Walter Andreas Schwarz vertrat Deutschland 1956 beim ersten Grand Prix Eurovision in Lugano. Seine Biografie prallte auf ein Publikum, das die Vergangenheit hinter sich lassen wollte

von Claudio Minardi  14.05.2026

ESC

In der Höhle des Löwen

Noam Bettan steht für Diversität und Offenheit – und wird genau dafür von »Pro-Palästinensern« attackiert. Doch der junge Israeli will sich nicht unterkriegen lassen

von Martin Krauß  14.05.2026

Interview

»Vertrauen und Austausch«

Kim Wünschmann über den Auftrag des Instituts für die Geschichte der deutschen Juden in Hamburg

von Pascal Beck  14.05.2026

Kino

»Palästina 36«

In ihrer Doku geht die palästinensische Regisseurin Annemarie Jacir fahrlässig mit einem historischen Thema um

von Ralf Balke  14.05.2026

Berlin

Ulf Poschardt gibt Herausgeber-Position bei »Welt« auf

Die Hintergründe

von Steffen Trumpf  13.05.2026

Kommentar

Warum Dieter Nuhr den Leo-Baeck-Preis gerade jetzt verdient hat

Dass der Zentralrat der Juden den Kabarettisten ehrt, sendet ein wichtiges Signal weit über die jüdische Gemeinschaft hinaus

von Ahmad Mansour  13.05.2026