Glosse

Der Rest der Welt

Ab Januar suche ich einen neuen Job. Aber bitte nichts mehr mit zu kleinen Sicherheitsschuhen. Foto: Getty Images

Drei Monate lang war ich der einzige jüdisch-orthodoxe Wachmann mit Laktoseintoleranz und Nussallergie. Auf diese Zahl bin ich stolz. Gerne wäre ich länger Wachmann gewesen. Mein Arbeitgeber fand aber, dass ich ungeeignet für diesen Job bin. Es war ein schönes Gespräch, umrahmt von Kaffee und den Resten eines Schoko-Weihnachtsmanns.

Es stimmt, ich bin nicht der beste Wachmann. Auf meinen Rundgängen um die Baustelle habe ich über 1000 Dinge nachgedacht. Manchmal habe ich so viel überlegt, dass ich Kopfschmerzen bekam – zusätzlich zu den Fußschmerzen wegen der zu kleinen Sicherheitsschuhe.

hörvermögen Ich habe auch gemerkt, dass mein Hörvermögen im Lauf der Zeit deutlich nachgelassen hat. Aus meinem Funkgerät knisterte es immer »chschpchschp«. Eine Störung, dachte ich. Später erfuhr ich, dass »chschpchschp« Folgendes bedeutet: »What is your position?« Auf meiner bewachten Baustelle wird seltsamerweise immer Englisch gesprochen.

Im zweiten Monat habe ich auf die Frage »What is your position?« immer mit »Baustelle« geantwortet. Das war nicht ausreichend. Die Baustelle besteht aus verschiedenen Zonen und Unterzonen. Und dann noch aus Unterunterzonen. Das war mir neu. Außerdem hätte ich ein paar Maschinen kontrollieren müssen. Ich lief an den Geräten vorbei und dachte mir: »Ist schon okay.«

Meine Frau ist sehr erleichtert, dass ich nicht mehr der einzige jüdisch-orthodoxe Wachmann der Schweiz bin.

Aber ich war immer freundlich zu den Bauarbeitern. Ich hoffe, das wird im Arbeitszeugnis festgehalten. Auch mit den Kollegen hatte ich es sehr gut. Viele von ihnen sind Muslime. Sie waren sehr erstaunt darüber, dass ein Jude Wachmann werden wollte. Und dann wollten sie wissen, wo sich die jüdische Metzgerei in Zürich befindet.

beten Ein Kollege heißt Hassan. Er ist noch religiöser als ich und will fünf Mal am Tag beten. Als Wachmann ist das ziemlich schwierig. Ich bete einmal und dann nur kurz. So etwa fünf Minuten.

Natürlich hat es mich geschmerzt, entlassen zu werden. Zu Beginn dachte ich, dass ich endlich einen Job gefunden habe, bei dem man nicht gefeuert wird. Was kann man schon falsch machen als Wachmann? Nun aber habe ich gelernt, dass man ab 40 für jede Arbeitsstelle als kompliziert und langsam gilt.

Meine Frau hingegen ist sehr erleichtert, dass ich nicht mehr der einzige jüdisch-orthodoxe Wachmann der Schweiz bin. Sie wurde immer wach, wenn ich um vier Uhr morgens laut fluchte (wegen der zu kleinen Sicherheitsschuhe).

Ab Januar suche ich einen neuen Job. Ich bin offen für alles. Aber bitte nichts mehr mit frühem Aufstehen, Herumlaufen, Englisch, Verantwortung, Funkgerät – und Sicherheitsschuhen.

Aufgegabelt

Korkenzieher-Gurken mit Gochujang-Dressing

Rezepte und Leckeres

 14.02.2026

Berlinale

Nachdenken über Siri Hustvedt

Die Regisseurin Sabine Lidl hat eine sehenswerte Dokumentation über die amerikanische Schriftstellerin gedreht – ein Filmtipp

von Katrin Richter  14.02.2026

Berlinale

Arundhati Roy sagt Teilnahme ab

Als Begründung nannte sie die aus ihrer Sicht »unerhörten Aussagen« von Mitgliedern der Jury zum Gaza-Krieg

 14.02.2026

NS-Raubkunst

Wolfram Weimer kündigt Restitutionsgesetz an

»Eine Frage der Moral«: Der Kulturstaatsminister stimmt einem unter anderem vom Zentralrat der Juden geforderten Gesetz zu

 14.02.2026

Berlinale

Eine respektvolle Berlinale scheint möglich

Die 76. Berlinale hat mit Glamour, großen Gefühlen und einem wunderbaren Eröffnungsfilm begonnen. Respekt wurde großgeschrieben am ersten Tag. Nur auf der Pressekonferenz der Jury versuchte der Journalist Tilo Jung vergeblich zu polarisieren

von Sophie Albers Ben Chamo  13.02.2026

Potsdam

Barberini-Museum zeigt deutsche Impressionisten

Drei große Sonderausstellungen präsentiert das Potsdamer Barberini-Museum pro Jahr. 2026 werden zum Auftakt Werke von Max Liebermann und weiteren Künstlern des Impressionismus in Deutschland gezeigt

 13.02.2026

Analyse

Historiker: Dirigent von Karajan kein Hitler-Sympathisant

Opportunist oder Gesinnungsnazi? Das historische Bild des Dirigenten Herbert von Karajan leidet seit Längerem unter seiner NSDAP-Mitgliedschaft. Der Historiker Michael Wolffsohn will ihn nun von mehreren Vorwürfen freisprechen

von Johannes Peter Senk  13.02.2026

Berlinale-Film

Special Screening: David Cunio in Berlin erwartet

Das Kino Babylon zeigt vier Monate nach der Freilassung der israelischen Hamas-Geisel eine neue Fassung des Films »A Letter To David«

von Ayala Goldmann  12.02.2026

Meinung

Schuld und Sühne?

Martin Krauß irritiert der Umgang mancher Medien mit dem »Dschungelcamp«-König Gil Ofarim

von Martin Krauß  12.02.2026