Finale

Der Rest der Welt

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Ich wollte noch nie eine Uniform tragen. Schon als Jugendlicher sträubte ich mich gegen Kleidungsnormen. Als ich auf einer streng orthodoxen Jeschiwa war, hat sich meine Abneigung noch mehr akzentuiert. Ich lernte, dass es mindestens 50 verschiedene Blau- und Schwarztöne gibt. Je nachdem, wie die Hose aussah, wurde man in der Talmudhochschule unterschiedlich schubladisiert. Je unauffälliger die Hose, als desto systemtreuer galt man. Da leider meine Mutter alle meine Hosen kaufte, galt ich als Rebell.

Vielleicht habe ich deshalb den Beruf des Journalisten gewählt. In den Redaktionen gibt es zwar auch eine Kleidersprache, bei Männern gilt aber: je schlampiger, desto kreativer. Wer unrasiert ist und etwas riecht, ist ein Journalist, der über Nacht an seinem Text herumgefeilt hat.

nebenjob So habe ich mir das in den vergangenen Jahren zumindest zusammengereimt. Heute bin ich 44 Jahre alt. Udo Jürgens sang einmal, dass mit 66 Jahren das Leben neu anfängt. Zwei Drittel dieser Wegstrecke liegen schon hinter mir. Journalist bin ich nur noch im Nebenjob. Seit zwei Monaten bin ich Wachmann.

Zum ersten Mal in meinem Leben muss ich eine richtige Uniform tragen. Mein Leben hat sich bereits mit 44 total verändert. Es beginnt schon um vier morgens. Dann muss ich nämlich aufstehen. Ich ziehe meine Uniform an. Die Hose, die Mütze, das Hemd und den Gürtel. Alle tragen die Uniform meines Arbeitgebers. Und alles ist entweder zu klein oder zu groß. Die Schuhe, darüber habe ich schon einmal geschrieben, sind zu klein. Die Hose dagegen ist zu weit. Das Hemd kratzt. Und erst die Mütze!

Mir kann doch niemand erzählen, dass die Arbeiten für das Heiligtum unbeaufsichtigt durchgeführt wurden.

Weil alles zu klein oder zu groß ist, habe ich eine spezielle Fortbewegungstechnik entwickelt. Sie ist darauf ausgerichtet, mit möglichst wenig Unannehmlichkeiten durch den Tag zu kommen. Manchmal sehe ich mich im Schaufensterspiegel. Ich erschrecke dann jedes Mal, denn ich sehe aus wie Janki, der Schnorrer.

kupferdrähte Warum ich trotzdem glücklich bin? Weil ich zum ersten Mal einen Sinn in meiner Arbeit sehe. Ich bewache nämlich eine Baustelle. Ich gucke, dass niemand etwas stiehlt oder beschädigt. Würde ich die Baustelle nicht bewachen, wären am nächsten Tag alle Maschinen und Kupferdrähte weg.

Da ich, wie gesagt, bereits um vier Uhr morgens aufstehen muss, habe ich keine Zeit zum Beten. Ich singe dafür auf meinen Runden. Zum Beispiel Hatikwa oder Halleluja. Schön wäre es, wenn die Bauarbeiter mit mir singen würden. Daraus könnte sich sogar ein Musical entwickeln: »Die singende Baugrube«. Oder auf Englisch: »The singing construction pit«. Alle Rechte liegen übrigens bei mir.

Eigentlich habe ich den wichtigsten Job auf der Baustelle. Manchmal frage ich mich aber, warum in der Tora keine Wachmänner vorkommen. Mir kann doch niemand erzählen, dass die Arbeiten für das Heiligtum unbeaufsichtigt durchgeführt wurden. Irgendwo wird sicher ein kleiner, etwas rundlicher Mann – mit Glatze – herumgestanden haben, der regelmäßig hinkend seine Runden drehte.

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