Finale

Der Rest der Welt

Identitätsfragen in den Bergen Foto: picture alliance / imageBROKER

Finale

Der Rest der Welt

Sommerkur in den Alpen und Identitätsfragen am Frühstücksbüfett

von Beni Frenkel  26.08.2021 13:29 Uhr

Saas-Fee ist ein kleines Bergdorf in der Schweiz. 1500 Einwohner beträgt die Bevölkerung. Im Sommer und Winter vervielfacht sich die Zahl dank den vielen Touristen. In den Bergrestaurants ist es dann schwierig, einen freien Tisch zu bekommen. Und im Tal unten schieben sich die Menschenmassen durch die engen Gässchen.

Dieses Jahr machten etwa 3000 orthodoxe Juden Ferien in Saas-Fee.
In einem Saal wurde eine kleine Synagoge eingerichtet. Koscheres Essen wurde organisiert und das öffentliche Schwimmbad für Abendstunden reserviert. In den paar Wochen verwandelte sich Saas-Fee in ein Mea Schearim.

Touristen Schwarz gekleidete Männer spazierten im Dorf. Die Frauen schoben Kinderwagen. Die Kinder rannten umher. Die Touristen gafften sie an und griffen zum Fotoapparat. Die Einheimischen hingegen, so las ich in der Lokalzeitung, scheinen nicht so richtig glücklich zu sein. Sie beklagen sich, dass mit den Juden zwar ein paar Hotelbetten gefüllt werden, dass die Juden aber nicht in den Restaurants einkehren und ihre eigenen Lebensmittel dabeihaben. Von den Kritikern wollte niemand mit Namen erwähnt werden.

Dass so viele Juden zur Sommerkur nach Saas-Fee reisen, war mir leider nicht bewusst. Wir gingen dort für vier Tage in die Jugendherberge. Doch bereits bei der Anreise mit dem Bus dämmerte es uns.

Mit jedem Halt füllte sich der enge Bus mit Kinderwagen und Jankis und Rivkeles. So nahe kamen sich Juden und Nichtjuden wohl noch nie in der Menschheitsgeschichte. Ich blickte auf die Ultraorthodoxen mit den weißen Socken und dann auf die Schweizer mit den roten Wandersocken. Wem fühlte ich mich näher? Dem schnippisch dreinguckenden Pensionär oder dem Jungen mit offenem Mund, der mich während der gesamten Busfahrt anstarrte? Eigentlich wollte ich in Saas-Fee von solchen Fragen eine Auszeit nehmen. Zu sehr beschäftigen mich in Zürich solche Fragen.

Berge Also solche: Warum sind mir orthodoxe Juden peinlich? Bin ich Schweizer Jude, ein Jude aus der Schweiz, mittelreligiöser jüdischer Schweizer oder stolzer Jude mit Schweizer Pass und ein bisschen Migrationshintergrund? Solche Fragen kann man wohl nie abschütteln. Allerdings, in den Bergen klärt sich so manches. Zum Beispiel am Frühstücksbüfett.

Da wir nur Halbpension buchten, strich ich uns im Esssaal ein Dutzend Sandwiches. Mit Käse, Lachs und Konfitüre. Mit allem, was sich ergab. Am nächsten Tag hing ein Schild: »Bitte keine Sandwiches auf Vorrat streichen. Vielen Dank.« Der Schweizer in mir errötete, der Jude in mir wurde wieder weiß. Ich suchte mir einen Tisch hinter einer großen Säule und strich Sandwiches für ein halbes Bataillon.

Exklusiv-Interview

Götz Aly: »Anders als Hitler ist die AfD nicht kriegslüstern«

Der Historiker und Bestsellerautor über die Radikalisierung des NS-Regimes, Vergleiche zwischen dem Ende der Weimarer Republik mit der heutigen Zeit und die Sinnhaftigkeit eines AfD-Verbots

von Michael Thaidigsmann  25.08.2026

ESC

Moroccanoil steigt als Hauptsponsor aus

Die israelische Kosmetikmarke hat ihr Sponsoring des Musikwettbewerbs nach sechs Jahren beendet.

von Nicole Dreyfus  25.08.2026

Dresden

Ausstellung würdigt jüdische Sportlerinnen und Sportlern

Deutsch-jüdische Sportlerpersönlichkeiten stehen im Mittelpunkt einer Präsentation. Anlässlich des Jahres der jüdischen Kultur wird sie in Dresden gezeigt

 25.08.2026

Orlando (Florida)

Harrison Ford wird erneut zu Indiana Jones

Diesmal wird der jüdische Darsteller kein Abenteuer auf der Leinwand erleben. Aber worum geht es dann?

 25.08.2026

Schweiz

Das sind die beliebtesten Vornamen für neugeborene Jungen und Mädchen

Eine neue Rangliste des Bundesamts für Statistik gibt Aufschluss

von Nicole Dreyfus  25.08.2026 Aktualisiert

TV-Kritik

»Phoenix« - herausragender Film über eine Holocaust-Überlebende

Christian Petzolds grandiose Parabel auf Deutschland im »Jahre Null«

von Felicitas Kleiner  24.08.2026

Ausstellung

Ein Buchladen als säkulares Bethaus

Rachel Salamander schuf in München einen Ort, an dem jüdische Literatur, Erinnerung und Gegenwart aufeinandertreffen – sie bewahrt ihn in roten Ordnern und auf klapprigen Kassetten

von Katrin Diehl  24.08.2026

Neu

Neue Synagoge Berlin zeigt neue Ausstellungen

Der Blick auf Jüdinnen und Juden und ihre Darstellung wird oft von Vorurteilen begleitet. Eine Ausstellung im Berliner Centrum Judaicum macht dies jetzt zum Thema

 24.08.2026

Berlin

Ruth Moschner positioniert sich gegen die AfD

Die Moderatorin mit jüdischem Hintergrund schreibt, sie persönlich würde von der Politik der Partei profitieren. Dennoch warnt sie vor der selbsternannten Alternative

 24.08.2026